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Abb. 1: Ergebnisse der Sniffin’Sticks-Tests; SDI Schwellen-Diskrimminations- und Identifikations-Summenwert als gruppiertes Streudiagramm; Probandenzahl steigt mit der Farbintensität der Kreise
 
HNO 2. September 2009

Riechen Blinde wirklich besser?

Michael Damm, Jan-Christoffer Lüers, Sebastian Beyer, Julia Vent und Karl-Bernd Hüttenbrink, Köln

„Nur“ ein Trainingseffekt

Fällt bei Menschen ein Sinnesorgan aus, soll es zu einer Steigerung der verbleibenden sensorischen Funktionen kommen. Blinden Personen wird daher ein überdurchschnittlicher Hör-, Tast- und Riechsinn nachgesagt. Eines der bekanntesten Beispiele aus der Historie ist der blinde französische Benediktinermönch Dom Pérignon, der mit seinem hervorragenden Riechvermögen den Champagner erfunden haben soll (1). Murphy und Cain berichteten in einer Studie an 20 Blinden über eine bessere Duftidentifikationsleistung im Vergleich mit einer sehenden „matched pairs“ Kontrollgruppe. Bislang wurde dieses Phänomen zumeist an relativ kleinen Stichproben überprüft. In einer prospektiven Studie haben wir das Riechvermögen an einer repräsentativen Gruppe von Blinden untersucht.

Untersuchung der Riechschwelle und der Diskrimination

In dieser prospektiven Studie wurden 50 männliche Personen (Durchschnittsalter: 37 Jahre) eingeschlossen, die entweder seit Geburt oder bereits seit mehreren Jahren erblindet waren oder nur einen minimalen Restvisus aufwiesen. Die Riechleistung wurde mit dem Sniffin’Sticks-Test Stufe 2 untersucht (2, 4). Bei diesem Testverfahren werden die Riechschwelle, das Duftdiskriminationsvermögen und die Duftidentifikationsleistung bestimmt. Die Riechschwelle wurde mit dem „Rosenduft“ Phenylethylalkohol (PEA) untersucht. Beim Schwellentest werden den Probanden nacheinander 3 Stifte angeboten. Einer dieser Stifte enthält den Duftstoff, die anderen beiden nur das geruchlose Lösungsmittel. Die Testperson muss den riechenden Stift identifizieren (tripple forced choice-Technik). Solange sie dazu nicht in der Lage ist, wird die Konzentration schrittweise erhöht. Die Riechschwelle entspricht dem Mittelwert der letzten 4 Umschlagspunkte zwischen richtigen und falschen Antworten. Der Diskriminationstest prüft die Fähigkeit, Düfte zu unterscheiden.

Den Versuchspersonen werden jeweils 3 Stifte angeboten, von denen 2 gleich und einer anders riecht – der zuletzt genannte Stift muss gefunden werden. Beim Identifikationstest werden insgesamt 16 verschiedene Düfte präsentiert. Normalerweise werden den Probanden Testkarten mit 4 Antwortmöglichkeiten vorgelegt, diese wurden hier den Studienteilnehmern vom Untersucher vorgelesen. Das Testergebnis wird zu einem Summenwert (sogenannter SDI-Score) zusammengefasst.

 

Neben der subjektiven Olfaktometrie wurde ein HNO-Status mit Endoskopie der Riechspalte, eine standardisierte Anamnese sowie eine Selbsteinschätzung des Riechvermögens durchgeführt. Als Kon-trollgruppe durchliefen norma lux Probanden ohne Dysosmie als „machted pairs“ (für Geschlecht und Alter) das gleiche Untersuchungsprogramm. Um identische Testbedingungen zu schaffen, wurden die Kontrollgruppe für den gesamten Sniffin’Sticks-Test mit einer Schlafmaske verblindet. Zur statistischen Analyse wurden Korrelationsanalysen und verschiedene Gruppenvergleiche mit T-Tests durchgeführt.

Keine Unterschiede zwischen Blinden und Kontrollpersonen

Die meisten blinden Probanden schätzten ihr Riechvermögen als gut oder ausgezeichnet ein. Der Mittelwert des SDI-Scores lag bei 36,5. Die Subtests der Riechschwelle bei 9,1, der Diskrimination bei 13,3 und der Identifikation bei 14,2 Punkten. In den beiden untersuchten Kollektiven gelang es, 42 „matched pairs“ zu bilden. Die vorgenannten Ergebnisse der Blinden unterschieden sich nicht oder nur geringfügig von der sehenden Kontrollgruppe. Das Diagramm (Abb. 1) zeigt die gruppierten Häufigkeiten der Ergebnisse der SDI-Scores bei den Blinden und der Kontrollgruppe. Keine der miterfassten anamnestischen Faktoren stand in Relation zur Riechleistung im Sniffin’Sticks-Test. Die Riechleistung korrelierte weder mit dem Restvisus noch der Dauer der Blindheit. Die Subgruppen „Blind seit Geburt“ oder „Visus 0,0“ unterschieden sich nicht von den Patienten mit geringem Restvisus oder Normalux. Auch die subjektive Einschätzung des eigenen Riechvermögens zeigte keinen Unterschied zur alters- und geschlechtkorrelierten Kon-trollgruppe.

Trend zu besserer Diskrimination

Blinde riechen im Sniffin’Sticks-Test nur „normal“ und schätzen ihr Riechvermögen nicht besser als norma lux Personen ein. Die eingangs erwähnte Studie von Murphy und Cain verwendete einen vergleichbaren n-Butanol Schwellentest, aber einen deutlich mehr Duftstoffe beinhaltenden Identifikationstest (80 Items (!) im Vergleich zu 16 Items im Sniffin’Sticks-Test) (5).

 

In der vorgenannten Studie war die Duftidentifikationsleistung bei den blinden Studienteilnehmern signifikant besser, die Riechschwelle war hingegen schlechter als bei der Kontrollgruppe. Bei den Sniffin’Sticks-Subtests zeigten die hier untersuchten Blinden ebenfalls im Trend (p < 0,1) eine bessere Identifikation, die Mittelwerte unterschieden sich jedoch klinisch nicht markant (Subtest-Score: Blinde: 14,17 versus Kontrollen: 13,68). Möglicherweise benötigt man eine größere Anzahl von Duftstoffen, um die Stärken blinder Personen in überschwelligen Tests deutlicher zu erkennen. Sowohl die Riechschwelle als auch das Duftstoffunterscheidungsvermögen waren hingegen in unserer Kontrollgruppe geringfügig besser als bei den hier untersuchten Blinden.

 

Zusammenfassend gehen wir daher jetzt in Übereinstimmung mit den Ergebnissen früherer Studien (3, 6, 7) davon aus, dass die Riechschleimhaut von Blinden keine höhere Empfindlichkeit besitzt. Möglicherweise sind Blinde jedoch durch den Wegfall optischer Informationen bei der Erkennung von Gerüchen geübter als Normalsehende. Hierbei könnte es sich um einen Trainingseffekt handeln, da diese Riechleistung bei Lebensmittel- oder Trinkwasserkontrolleuren noch ausgeprägter als bei blinden Personen ist (8). Der eigentlich positive Mythos über „geschärfte Restsinne“ trifft daher für den Riechsinn blinder Menschen nicht oder nur in Form eines Trainingseffektes zu.

Literatur

 

(1) Bullock JD, Wang JP, Bullock GH (1998)  Was Dom Perignon really blind? Surv Ophthalmol 42: 481-486

(2) Damm M, Temmel A, Welge-Lussen A, Eckel HE, Kreft MP, Klussmann JP et al (2004)  Riechstörungen. Epidemiologie und Therapie in Deutschland, Österreich und der Schweiz. HNO 52: 112-120

(3) Diekmann H, Walger M, von Wedel H (1994)  Die Riechleistungen von Gehorlösen und Blinden. HNO 42: 264-269

(4) Hummel T, Kobal G, Gudziol H, kay-Sim A (2007)  Normative data for the „Sniffin‘ Sticks“ including tests of odor identification, odor discrimination, and olfactory thresholds: an upgrade based on a group of more than 3,000 subjects. Eur Arch Otorhinolaryngol 264: 237-243

(5) Murphy C, Cain WS (1986)  Odor identification: the blind are better. Physiol Behav 37: 177-180

(6) Rosenbluth R, Grossman ES, Kaitz M (2000)  Performance of early-blind and sighted children on olfactory tasks. Perception 29: 101-110

(7) Schwenn O, Hundorf I, Moll B, Pitz S, Mann WJ (2002)  Können Blinde besser riechen als Normalsichtige? Klin Monatsbl Augenheilkd 219: 649-654

(8) Smith RS, Doty RL, Burlingame GK, McKeown DA. (1993)  Smell and taste function in the visually impaired. Percept Psychophys 54: 649-655

Zur Person
Priv.-Doz. Dr. Michael Damm
Klinik und Poliklinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde
Klinikum der Universität zu Köln
Kerpener Straße 62
50924 Köln
Fax: ++49/221/478 6425
E-Mail:

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