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HNO 27. Juni 2009

Das Geheimnis des schwarzen und blauen Nasensekrets

Wenn übliche Diagnosen für häufige Krankheiten ausgeschlossen sind, sollte der Untersuchungsbefund revidiert und noch einmal zur Anamnese zurückgekehrt werden.

Während eines beruflichen Aufenthalts in der italienischen Provinz Kampanien entwickelte eine Architektin neben verstopfter Nase, Husten und Fieberschüben auch ein schwarz gefärbtes Nasensekret. Der zeitliche diagnostische Aufwand für das Beschwerdebild betrug über ein Jahr, das Geheimnis lüftete sich erst Schritt für Schritt.

 

Im Juni 2006 verspürte eine 32 Jahre alte Frau, die als Architektin auf einer Ausgrabungsstätte von Pompeji arbeitete, dass ihr rechtes Nasenloch verstopft war und beim Nasenputzen der Schleim sich schwarz entleerte. Einige Tage später entwickelte sie einen trockenen Husten und intermittierende Fieberschübe.

Ein Allgemeinmediziner verwies die Architektin an einen HNO-Spezialisten, der außer einer leichten Septumdeviation keinen pathologischen Befund feststellen konnte. Auch ein Pricktest der Haut sowie ein Nasenabstrich auf Bakterien und Pilze und ein CT der Nebenhöhlen ergaben keine Ergebnisse. Dennoch nahmen die verstopfte Nase und die Rhinorrhö zu.

Erster Therapieversuch

Aufgrund der bestehenden Fieberschübe wurde die Patientin an einen Infektiologen verwiesen, der eine Röntgenaufnahme des Thorax und einen Lungenfunktionstest veranlasste. Aber auch diese Untersuchungen ergaben normale Ergebnisse. Ein Bluttest zeigte erhöhtes CRP, eine leichte Leukozytose und – obwohl beim Nasenabstrich keine Hyphenpilze gefunden wurden – Antikörper gegen Aspergillus. Eine Therapie mit täglich 100 mg Itraconazol wurde eingeleitet. Zwei Monate später war der Zustand der Patientin noch immer unverändert.

Aufgrund des anhaltenden symptomatischen Zustands der Patientin wurden etwa ein Jahr später die meisten der genannten Untersuchungen (Rhinoskopie, CT der Nebenhöhlen und Allergietests) nochmals durchgeführt, die wieder keine Ergebnisse brachten. Allerdings stellte man im Nasenabstrich nun schwarze, amorphe Körperchen fest, die als zelluläre Debris interpretiert wurden.

Ein ungebetener Gast im Tränen-Nasen-Gang

Der Patientin wurde empfohlen, ihre Nase und Nebenhöhlen mit Duschen zu behandeln. Bereits bei der ersten Nasendusche entleerte sich ein kleines Insekt aus dem Nasenloch, worauf sich die Beschwerden sofort besserten. Die Patientin ließ das Insekt auch gleich identifizieren, und es konnte als Clogmia albipunctata ausgemacht werden. Die zuvor entleerten schwarzen Körperchen erklärten sich die Mediziner als Faeces des Insekts.

Obwohl sich Fieber, Husten und die blockierte Nase innerhalb weniger Tage komplett zurückgebildet hatten, hielt die Schwarzfärbung des Nasensekrets an. Die Patientin wurde zusehends depressiv und entwickelte die Vorstellung, dass sich weitere Insekten in ihrer Nase befinden – mittels CT und MRT konnte das allerdings nicht bestätigt werden.

Ein genauer Blick lüftete das letzte Symptom endgültig

Während einer weiteren Konsultation in der Sprechstunde bemerkte ein Arzt, dass die Patientin einen Eyeliner aufgetragen hatte. Sie bestätigte, dass sie manchmal einen Kajal (Kohlenstift) benutzte. Auf Intervention des Arztes, das Kosmetikprogramm zu ändern, verschwand die schwarze Nasensekretion innerhalb von zwei Tagen. Offensichtlich wa-ren Kohleteilchen, vermischt mit Tränenflüssigkeit, über einen ungewöhnlich weiten Ductus nasolacrimalis in das Nasensekret gewandert und hatten dort die schwarzen Körperchen gebildet, die bereits zuvor als Insektenfaeces interpretiert worden waren. Tatsächlich bestätigte sich diese Diagnose, da bei Gebrauch eines blauen Kajals sich das Nasensekret blau entleerte.

Was lernen wir aus diesem Fall? Wenn übliche Diagnosen für häufige Krankheiten wie etwa Rhinitis ausgeschlossen sind, sollte man die Untersuchungsbefunde revidieren und zur Anamnese zurückkehren. Bei dieser Patientin war der Tränen-Nasen-Gang ungewöhnlich weit genug, um ein Insekt zu „beherbergen“ und das Eindringen von Kohlenbestandteile eines Eyeliners zu ermöglichen.

Kajal hat eine lange Tradition

Auf dem Markt befindliche Kajals können mehr als 25 unterschiedliche Substanzen beinhalten, wobei einige davon auch Allergien auslösen können. Wird unter anderem auch Blei als Inhaltsstoff verwendet, so kann dieses Schwermetall sogar zu Gesundheitsschäden führen. Zudem hat Kajal ein breites Anwendungsgebiet. In Indien und Südasien hat der Gebrauch von Kajal eine lange Tradition, wobei dabei nicht nur Schönheitsideale, sondern auch Gesundheitsaspekte eine Rolle spielen. Der Kohlenstoff, aus dem der Kajal hergestellt wird, soll das Auge vor Verunreinigungen schützen. Als kosmetisches Hilfsmittel lässt er die Augen durch die Umrandung größer wirken. Dabei reizt er je nach Zusammensetzung und Auftragetechnik die Tränendrüsen und lässt das Auge feucht und strahlend erscheinen.

 

Quelle: M. Gelardi et al. Blowing a nose black and blue. Lancet 2009; 373:780

 

Korrespondenz:

Dr. Giovanni Passalacqua,

Allergy and Respiratory Diseases, Department of Internal Medicine, Genova, Italy,

E-Mail:

Von Mag. Katharina Kloboucnik, Ärzte Woche 26 /2009

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