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Letztlich entscheiden die Eltern

Das Spektrum an Untersuchungen während der Schwangerschaft reicht von den im Mutter-Kind-Pass vorgesehenen Kontrollen bis zu Methoden, die Chromosomenstörungen feststellen können. Ob und wie Letztere eingesetzt werden sollen, ist nach Ansicht der Gynäkologen eine individuelle Entscheidung der Eltern.

 Sonographie-Bild
Neben modernen bildgebenden Verfahren (hier: 3D-Sonographie) können viele weitere Möglichkeiten zur Untersuchung des Fetus eingesetzt werden.

Foto: Raoul Mazhar

„Während einer Schwangerschaft gibt es eine Vielzahl von möglichen Problemen. Diese treten in der Regel zwar selten auf, sollten aber selbstverständlich möglichst früh erkannt werden“, meint Doz. Dr. Christian Kainz. In Österreich gebe es durch den Mutter-Kind-Pass, der bereits im Jahr 1974 eingeführt wurde und seither zu einer drastischen Senkung der Säuglingssterblichkeit geführt habe, auch eine sehr gute Basis für die Früherkennung von Problemen während der Schwangerschaft – und nach der Geburt, ergänzt der Ärztliche Direktor der Privatklinik Döbling in Wien und Leiter von der Abteilung für Gynäkologie und Geburtshilfe (siehe Im Überblick).

Häufige Probleme

Zu den häufigsten Gesundheitsproblemen, die während einer Schwangerschaft auftreten, zählen leichtgradige Anämien der Mutter. Der Eisenbedarf in der Schwangerschaft ist um das Zwei- bis Vierfache erhöht. Im Laufe der Schwangerschaft nimmt einerseits die Menge der roten Blutkörperchen im Blut nicht im gleichen Verhältnis zu wie die Gesamtblutmenge der Frau, andererseits braucht auch das sich entwickelnde Kind Eisen. Der Bedarf an Folsäure ist in der Schwangerschaft etwa um das Fünffache höher. „Aber nur in sehr seltenen Fällen entwickeln sich während der Schwangerschaft schwere Anämien“, weiß Kainz.
Auch Gestationsdiabetes ist weit verbreitet. Ob diese Erkrankung vorliegt, wird derzeit üblicherweise mit einem oralen Glukosetoleranztest überprüft, der allerdings im Mutter-Kind-Pass noch nicht routinemäßig vorgesehen ist. Kainz: „Laut einer aktuellen Studie ist aber möglicherweise auch eine einmalige Messung des Nüchternblutzuckers eine effiziente Methode, einen Schwangerschaftsdiabetes festzustellen.“

Gestosen und Infektionen

Zu den häufigen Schwangerschaftsbeschwerden zählen Gestosen. Diese sind durch Hypertonie, Ödeme und Proteinurie gekennzeichnet, bei Sonderformen kann zudem die Leber versagen. Nicht zuletzt sind im Zusammenhang zu weit verbreiteten möglichen Gesundheitsproblemen während der Schwangerschaft auch die im Mutter-Kind-Pass vorgesehenen Basisuntersuchungen auf Rhesus-Unverträglichkeit, Toxoplasmose, Röteln und Hepatitis B zu nennen. Ansonsten ist es auch wichtig, bei der Mutter einen Infektionsabstrich zu machen, so können mögliche Infektionen des Kindes verhindert werden, speziell solche durch betahämolysierende Streptokokken, indem die Mutter rechtzeitig mit Antibiotika behandelt wird.
„Pränataldiagnostik, die darauf abzielt, Chromosomenstörungen festzustellen, hat hingegen ganz andere Zielsetzungen als die im Mutter-Kind-Pass vorgesehenen Untersuchungen“, betont Kainz. In der Wiener Privatklinik Döbling wird über das von Doz. Dr. Elisabeth Krampl und Prof. Dr. Peter Husslein geleitete Zentrum für Fetalmedizin und gynäkologischen Ultraschall, kurz FetoMed, etwa der OSCAR-Test (One Stop Clinic for Assessment of Risk) angeboten. OSCAR ermöglicht das Risiko für chromosomale Erkrankungen des Kindes abzuklären. „Bei dieser diagnostischen Methode werden unter anderem das Alter der Schwangeren, das Ausmaß der Flüssigkeitsansammlung im Fetusnacken, das Vorhandensein von fetalen Fehlbildungen, die fetale Herzfrequenz und die Konzentration von zwei Plazentaprodukten, nämlich freies beta-hCG und PAPP-A, im mütterlichen Blut miteinbezogen“, erläutert Kainz. „Die Werte werden dann mit jenen in einer europäischen Datenbank abgeglichen, um das statistische Risiko für Chromosomenstörungen wie Trisomie 21 oder Trisomie 18 zu bestimmen.“

Punktion mit Risiko behaftet

Falls dies von den Eltern gewünscht wird, kann darüber hinaus mit einer Punktion mit Sicherheit festgestellt werden, ob beim Kind eine Chromosomenstörung vorliegt. Dies geschieht entweder durch die modernere Methode der Chorionzottenbiopsie, die schon in der 12. oder 13. Schwangerschaftswoche durchgeführt wird oder durch die Amniozentese, bei der in der 17. oder 18. Schwangerschaftswoche Fruchtwasser entnommen wird. „Bei beiden Methoden gibt es allerdings eine Wahrscheinlichkeit von 0,5 bis 1 Prozent für Fehlgeburten“, warnt Kainz.

Eltern ausreichend aufklären

„Weil dies nicht ungefährlich ist, erkläre ich den Eltern immer zuerst, was bei einer Punktion gemacht wird und dass diese auch damit verbunden sein kann, das Kind zu verlieren“, sagt Dr. Imma Müller-Hartburg, die Ärztliche Direktorin des St. Josef-Krankenhauses in Wien-Hietzing. „Ich gehe also davon aus, dass werdende Eltern zunächst einmal wissen sollten, worauf nicht-invasive Methoden zur Feststellung von Chromosomenanomalien hinauslaufen können, bevor ich ihnen diese im Detail erläutere.“

Trisomie 21: Für manche kein Grund zur Abtreibung

Manche, so die Oberärztin, hätten sich allerdings bereits entschieden, auf jeden Fall ein Kind zu bekommen, selbst mit Trisomie 21 oder Trisomie 18. Diese nehmen zumeist die nicht-invasive Diagnostik zur Feststellung von Chromosomenanomalien in Anspruch – jedoch in der Folge keine Punktion. „Solche Eltern sehen diese Methode ausschließlich als Mittel, sich schon vorab auf das Leben mit einem Kind mit Down-Syndrom oder die Geburt eines Kindes mit Trisomie 18 vorzubereiten“, erklärt Müller-Hartburg.
Zahlreiche Eltern erwägen bei einem relativ hohen, auf Basis nicht-invasiver Diagnostik errechneten Risiko für Chromosomenstörungen aber wohl eine Punktion und manche in der Folge auch einen Schwangerschaftsabbruch. „Ab welchem Wert das Risiko hoch und eine Punktion empfehlenswert ist, können die Eltern nur für sich selbst entscheiden“, meint dazu Kainz. „Für manche ist 1:500 hoch. Für andere ist 1:200 ein geringes Risiko.“ Dass Eltern prinzipiell individuell über den Umgang mit den Möglichkeiten nicht-invasiver Diagnostik entscheiden sollten, meint auch Müller-Hartburg: „Seit es diese Methoden gibt, wurden letztlich auch mehr Schwangerschaften bei Trisomie 21 durch Einleitung abgebrochen.“

 Im Überblick: Die Mutter-Kind-Pass-Untersuchungen

Mag. Dietmar Schobel, Ärzte Woche 19/2008

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