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Spätes Glück

Eine Erstgebärende mit 35 oder 40 Jahren ist heute keine Seltenheit mehr. Auch wenn das eine oder andere Risiko damit einhergeht, sind Frauen im mittleren Alter heute insgesamt gesünder als vor einigen Jahrzehnten.

Daten der Statistik Austria zeigen, dass das durchschnittliche Gebäralter für Erstgeburten seit 1991 um nicht weniger als 2,8 Jahre gestiegen ist. 2006 war eine Mutter, die ihr erstes Kind zur Welt gebracht hat, im Durchschnitt 27,9 Jahre alt. Im Jahr 1991 betrug dieser Wert noch 25,1 Jahre. Das durchschnittliche Gebäralter für alle Geburten, also auch für zweite, dritte und weitere, ist im selben 15-Jahres-Zeitraum von 27,2 Jahren auf 29,7 Jahre angestiegen.

Mehr Kaiserschnitte

Bei einer Schwangerschaft in höherem Lebensalter steigt aber bekanntlich auch das Risiko für Chromosomenstörungen des Kindes stark an. Mit 35 Jahren beträgt es 0,3 Prozent, mit 40 bereits ein Prozent. „Speziell bei Frauen über 40 Jahren ist zudem die Rate an Kaiserschnittentbindungen höher, das Risiko für Gestosen ist minimal größer und erhöhter Blutdruck und Schwangerschaftsdiabetes treten häufiger auf“, sagt Prim. Doz. Dr. Christian Kainz, Ärztlicher Direktor der Privatklinik Döbling in Wien und Leiter der dortigen Abteilung für Gynäkologie und Geburtshilfe. „Ansonsten gibt es aber keine Daten, die belegen würden, dass eine Schwangerschaft ab 35 Jahren für die Mutter und das werdende Kind wesentlich gefährlicher ist als in jüngeren Jahren.“
Andrerseits, so der Gynäkologe, sei darauf hinzuweisen, dass der allgemeine Gesundheitszustand von Frauen über 35 Jahren oft wesentlich besser sei als noch vor zwei oder drei Jahrzehnten. Außerdem sei zu beobachten, dass zwar während der vergangenen Jahre und Jahrzehnte der Anteil an Müttern über 35 Jahren „massiv gestiegen“, gleichzeitig aber die Sterblichkeit von Müttern und Säuglingen in Österreich weiterhin gesunken sei. Das lasse den Rückschluss zu, dass relativ späte Schwangerschafen nicht mit einem wesentlich erhöhten Gesundheitsrisiko verbunden seien.

Kein Grund, früh Mutter zu werden

„Deshalb gibt es aus meiner Sicht auch keine gravierenden medizinischen Gründe, weshalb Frauen womöglich geraten werden sollte, möglichst unter 35 Jahren schwanger zu werden“, so Kainz. „Abgesehen natürlich von der bei beiden Geschlechtern sinkenden Fertilität, die bei einem Kinderwunsch über 35 Jahren zu einem Problem werden kann.“ Eine aktuelle Überblicksarbeit (CMAJ 2008 Jan 15;178(2):165-72) hat 37 Studien zum Thema Risiko von Totgeburten in Abhängigkeit vom Alter der Mutter bewertet. Resultat: In zehn der Studien zeigte sich, dass das Risiko für eine Totgeburt für über 35-Jährige 1,26- bis 1,92-mal höher war als für Jüngere. In weiteren sieben der einbezogenen Studien wurde kein statistisch signifikanter Zusammenhang zwischen einem höheren Gebäralter und Totgeburten gefunden.
Eine weitere Überblicksarbeit (Health Care Women Int. 2005 Oct; 26(9):852-75) ist der Frage nachgegangen, ob ein höheres Gebäralter im Zusammenhang mit Frühgeburten und geringem Geburtsgewicht stehe. Die Autoren schreiben, dass dies zwar in den meisten der zehn untersuchten Studien berichtet werde. Dennoch wird der Schluss gezogen, es bestehe keine ausreichende Evidenz, dass ein höheres Gebäralter ein unabhängiger und direkter Risikofaktor für Frühgeburten und ein relativ geringes Geburtsgewicht sei.

Mag. Dietmar Schobel, Ärzte Woche 38/2002

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