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Editorial

Von Einst zu Jetzt. Die Gynäkologie im Wandel der Zeit.

In diesem Fokus beschäftigten uns nicht nur die gegenwärtigen Auseinandersetzungen in der Gynäkologie, wir wagten auch so manchen Blick in die Vergangenheit. Auf Seite 31 wird etwa der typische Gynäkologe aus dem frühen 19. Jahrhundert beschrieben: ein Arzt, der mehr als Bohemien auftrat. Natürlich war er männlich, schließlich könne einer Frau nicht zugemutet werden, „die Leiden der Frauenzimmer zu verstehen“. Auch waren virtuose Französischkenntnisse eine unabdingbare Voraussetzung, denn nur so ließen sich intimste Fragen stellen, „ohne Schamesröte zu provozieren“. Doch die Zeiten der charmanten Spekulumhandwerker sind passè. Deren moderne Nachfolger müssen sich vermehrt mit Rechtsfragen herumschlagen, denn mit Sprachkenntnissen.
So passiert es heute immer wieder, dass Ärzte zu lebenslangen Unterhaltszahlungen für ein behindertes Kind verurteilt werden, weil Gerichte die Sorgfaltspflicht vernachlässigt sahen. Letztens bestätigte auch der Oberste Gerichtshof in Österreich ein derartiges Urteil gegen eine Ärztin aus Kärnten. Eine Entscheidung, gegen die nicht nur die Ärzteschaft Sturm läuft, auch Vertreter der Behindertenorganisationen kritisieren sie vehement. Einer von ihnen, Nationalratsabgeordneter Dr. Franz-Joseph Huainigg, erklärt auf Seite 32, warum diese Tür besser hätte verschlossen bleiben sollen.
Das gynäkologische Fachgebiet wird zusehends auch zum Schlachtfeld von Ethik, Religion und Wissenschaft. Ist das Recht immerhin ein verbindliches Gut, so ist die Ethik eine Frage des Blickpunktes und unterliegt einer zeitlichen Veränderung (siehe Seite 34).
Dies sind freilich alles Diskussionen, die zunehmend auch in der Öffentlichkeit geführt werden. Dabei werden häufig auf komplexe Fragen einfache Antworten gesucht. Vielleicht ist das der Grund, warum die heutigen Medien dem parlierenden, feingeistigen Arzttypus aus dem 19. Jahrhundert so gerne eine Plattform bieten.

Raoul Mazhar, Ärzte Woche 38/2002

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