zur Navigation zum Inhalt
 

„Die Impfung gegen einen malignen Tumor ist eine Innovation“

Die im letzten Jahr eingeführte Impfung gegen humane Papillomaviren (HPV) eröffnet neue Perspektiven für die Präventivmedizin, sagen die Impfbefürworter. Ihrer Ansicht nach besteht auch kein erkennbarer Zusammenhang zwischen dem plötzlichen Tod einer jungen Frau in Oberösterreich und der neuen Impfung. Dieser Fall hat aber trotzdem für viel Unsicherheit in der Bevölkerung gesorgt und eine Diskussion über den Sinn des Impfprogramms ausgelöst. Der Wiener Sozialmediziner Prof. Dr. Michael Kunze bezieht im Gespräch mit der Ärzte Woche klar Stellung für die Vakzine.

Mit der Einführung des HPV-Impfstoffes konnte ein neues Kapitel der Präventivmedizin eröffnet werden: die Impfung gegen einen Krebs. Welche Konsequenzen sind von einer Durchimpfung der Zielgruppe zu erwarten?
Kunze: Die Impfung gegen einen malignen Tumor ist eine Innova­tion. Sieht man von der Hepatitis-B-Impfung, welche einen Schutz vor dem Leberzellkarzinom als Folge der Virushepatitis bietet, ab, ist diese Option in der Onkologie derzeit einzigartig. Eine so potente Prävention muss genützt werden. Die Konsequenzen in Bezug auf die Inzidenzraten des Cervixkarzinoms dürfen nicht von heute auf morgen erwartet werden. Eine erworbene HPV-Infektion führt erst in Jahren bzw. Jahrzehnten zu einer Entartung, entsprechend lange wird es dauern, bis erste Einflüsse auf die Krebsstatistik erkennbar werden. Die Impfung heute ist als eine Investition in die Volksgesundheit von morgen und übermorgen zu sehen.

Für das Cervixkarzinom existiert mit der Abstrichuntersuchung eine exzellente Screeningmethode. Wird die Impfung die aufwändigen Abstriche ersetzen oder ergänzen?
Kunze: Impfung und Abstrich sind zwei verschiedene Strategien und setzen zu unterschiedlichen Zeitpunkten im potenziellen Krankheitsgeschehen an. Primäre (Impfung) und sekundäre (Abstrich) Prävention greifen Hand in Hand. Die Impfung ist nicht als Konkurrenz für das Abstrichscreening gedacht.

Ein Todesfall drei Wochen nach verabreichter HPV-Impfung hat diese Erfolgsstory medial überschattet. Sind Änderungen in den Empfehlungen für die Impfung zu erwarten?
Kunze: Aus heutiger Sicht kann diese Frage getrost mit Nein beantwortet werden. Nach sorgfältiger Prüfung dieses Ereignisses muss klargestellt werden, dass der Tod der jungen Frau nichts mit der Impfung zu tun hat. Mittlerweile mehr als 20 Millionen verabreichte Impfdosen unterstreichen diese Einschätzung auch statistisch. Plötzliche Todesfälle bei jungen Menschen sind höchst selten – aber sie kommen vor und können mit einer medizinischen Maßnahme wie einer Impfung zeitlich zusammenfallen. Die vorübergehende Zurückhaltung in Österreich ist verständlich und berechtigt, darf aber nach abgeschlossenen Untersuchungen nicht über eine sachliche Auseinandersetzung hinwegleiten. Mit einer lauten Minderheit extremer Impfgegner werden wir in jedem Fall leben müssen. Dieses Phänomen ist nicht neu und hat die Verbreitung wertvoller Impfungen zum Glück noch nie aufgehalten. Es sollte nicht vergessen werden: Wirksame Prävention ist jeder Therapie überlegen. Für die generelle Ablehnung einer effektiven Impfung müssten aus Sicht der Sozialmedizin sehr schwerwiegende Argumente vorgebracht werden. Derzeit haben sich alle Fachgesellschaften, der Oberste Sanitätsrat, Europäische Gremien und die WHO uneingeschränkt für die HPV-Impfung ausgesprochen, die Empfehlungen sind eindeutig.

Welche ökonomische Belastung ist eigentlich für das Gesundheitssystem bei breitester Anwendung zu erwarten?
Kunze: Vorweg, es liegen noch keine konkreten Zahlen über die Kostenfrage vor. Es ist mit einer beträchtlichen, aber überschaubaren Belastung zu rechnen. In den vergangenen Jahren ist eine Ära moderner teurer Impfungen angebrochen. Ökonomische Betrachtungen dürfen aber nicht zum einzigen Maßstab im Gesundheitssystem werden. Nicht zuletzt muss heute offen bleiben, welche Belastungen in fernerer Zukunft durch die HPV-Impfung vermeidbar sind.

Dr. Alexander Lindemeier, Ärzte Woche 38/2002

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben