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Allgemeinmedizin 22. November 2007

Schwangerschaft richtig geplant

Das richtige Verhalten der werdenden Mutter schon Wochen vor der geplanten Schwangerschaft kann eine günstige Ausgangbasis für eine risikoarme Schwangerschaft und die Geburt eines gesunden Kind schaffen. Dabei sind der Impfschutz, Substitutionstherapien und die Nikotinentwöhnung zu bedenken.

 Schwangerschaft
Die Lebensgewohnheiten der Mutter während der Schwangerschaft haben großen Einfluss auf die Gesundheit des Fötus.

Foto: Buenos Dias/photos.com

In Österreich haben wir durch die Schulimpfungen zwar einen guten Impfschutz bei den Jugendlichen, durch das Hinausschieben des Zeitpunktes der Geburt des ersten Kindes klaffen bei vielen Müttern am Beginn der Schwangerschaft aber teils wieder Impflücken. Impfungen haben nämlich in vielen Fällen nur eine begrenzte Schutzdauer, weshalb regelmäßige Auffrischungen notwendig sind. Bei seiner Geburt ist das Neugeborene immunologisch „naiv“, das heißt, es hatte noch mit keinen Krankheitserregern Kontakt. Als Schutz für die ersten Lebensmonate gibt ihm die Mutter ihre Antikörper mit, allerdings nur solche, die sie selbst besitzt. Jede Frau, die eine Schwangerschaft plant, sollte daher rechtzeitig ihren Impfstatus überprüfen lassen und gegebenenfalls ausstehende Impfungen nachholen. Für die Schwangerschaft von besonderer Bedeutung sind folgende Impfungen:

Masern/Mumps/Röteln

Sowohl eine Masern- als auch eine Mumpsinfektion in der Frühschwangerschaft wird mit einer erhöhten Abortrate in Zusammenhang gebracht. Die Rötelninfektion zählt wegen ihrer hohen Fehlbildungsrate zu den am meisten gefürchteten Infektionen in der Schwangerschaft. Eine Rötelninfektion der Mutter bis zum Ende der 11. Schwangerschaftswoche (SSW) verursacht Organfehlbildungen an Herz (52 bis 80 Prozent), Auge (50 bis 55 Prozent) und Ohr (~60 Prozent). Bei einer Infektion in den ersten acht SSW wird eine Abortrate bis 20 Prozent angegeben, in der 12. bis 17. SSW kommt es in abnehmendem Maße vor allem zur Innenohrschwerhörigkeit, bei mütterlicher Infektion nach der 18. SSW sind beim Neugeborenen oder Säugling keine signifikanten Auffälligkeiten zu erwarten.
Im Rahmen des Mutter-Kind-Passes ist zwar ein Screening auf Röteln-Antikörper vorgesehen, für die betreffende Schwangerschaft kommt die Erkenntnis des fehlenden Schutzes allerdings zu spät. Jene Frauen, die Röteln in der Kindheit nicht mit Sicherheit durchgemacht haben (die klinische Diagnose stimmt nur in etwa 50 Prozent) und bei denen das neue Impfschema mit zweimaliger Masern/Mumps/Röteln-Impfung noch nicht angewendet worden ist, sollten ihren Immunstatus vor der geplanten Schwangerschaft überprüfen und sich gegebenenfalls impfen lassen.

Varizellen (Windpocken)

Obwohl diese Erkrankung äußerst ansteckend ist und meist schon im frühen Kindesalter er-worben wird, sind etwa fünf Prozent der Bevölkerung zwischen 20 und 40 nicht immun.
Bei mütterlicher Varizelleninfektion zwischen der 8. und 21. SSW kommt es bei ein bis drei Prozent der Feten zum kongenitalen Varizellensyndrom (Chorioretinitis, angeborener Katarakt, Hypoplasie der Extremitäten, Hirnrindenatrophie, Wachstumsretardierungen und Hautvernarbungen). Erkrankt die Schwangere fünf Tage vor bis zwei Tage nach dem Geburtstermin, kommt es zum Auftreten von neonatalen Varizellen mit einer Letalität bis zu 35 Prozent.

Pertussis (Keuchhusten)

Weltweit erkranken circa 40 Millionen Menschen pro Jahr an dieser extrem ansteckenden Erkrankung (100 Prozent bei Kontakt), 350.000 davon enden tödlich (drei Viertel Neugeborene und Säuglinge). Nicht nur die werdende Mutter, sondern alle Personen, die mit Säuglingen und Kleinkindern in Berührung kommen können, sollten gegen Pertussis geimpft sein. Zur Verwendung kommt ein Vierfachimpfstoff (Diphtherie/Tetanus/Pertussis/Polio), das Auffrischungsintervall beträgt zehn Jahre.

Hepatitis A und Hepatitis B

Hepatitis B ist eines der größten Gesundheitsprobleme der Welt. Rund zwei Milliarden Menschen sind infiziert, circa zwei Millionen sterben jährlich an den direkten Folgen. Wegen der erhöhten Ansteckungsgefahr bei der heute bestehenden Reisefreudigkeit und der Gefahr der Übertragung von der infizierten Mutter auf das Kind sollte sich jede Frau mit Kinderwunsch gegen Hepatitis impfen lassen. Am besten mittels Kombinationsimpfstoff gleichzeitig gegen Hepatitis A und B.

Folsäuresubstitution

Neben der Überprüfung des Impfstatus ist auch die Substitution von Vitaminen wichtig. Folsäure bzw. das biologisch aktive Folat wird für Blutbildung und Zellteilung benötigt. Ein besonders hoher Bedarf besteht zwischen dem 21. und 28. Schwangerschaftstag, zum Zeitpunkt, wo sich das Neuralrohr schließt. In Österreich werden jährlich etwa 70 bis 80 Säuglinge mit Neuralrohrdefekten geboren. Eine ebenso große Zahl wird bereits intrauterin mittels Ultraschall erkannt und die Schwangerschaft daraufhin abgebrochen. Aber auch für die weiteren Wochen der Embryonalzeit besteht ein erhöhter Bedarf an Folsäure, bei deren Mangel auch ein höheres Risiko für Missbildungen der Nieren und ableitenden Harnwege, des Herzens, für Extremitätenmissbildungen, Pylorusstenosen und Lippen-Kiefer-Gaumenspalten besteht.
Gesunde Erwachsene sollten täglich 400 µg Folat aufnehmen, Schwangere 600 µg. Die tatsächlich aufgenommene Menge in der westlichen Welt erreicht aber nicht einmal die Hälfte davon. Außerdem weisen zehn bis 50 Prozent der Bevölkerung eine genetische Polymorphie des Folat-Metabolismus auf, wodurch sie nur unzureichend in der Lage sind, Folsäure in die biologisch aktive Form umzuwandeln. Schwangere benötigen deshalb eine zusätzliche Substitution mit mindestens 400 µg Folsäure täglich. Da die kritische Zeit des Neuralrohrschlusses ganz am Beginn der Schwangerschaft liegt, muss mit der Substitution mindestens vier Wochen vor einer möglichen Konzeption begonnen und diese zumindest bis zum Abschluss der Organogenese (56. Tag p.c. = Ende 10. SSW) durchgeführt werden. Für Frauen, die bereits eine Schwangerschaft mit Neuralrohrfehlbildung hinter sich haben, wird die zehnfache Dosis (= 4 mg Folsäure täglich) empfohlen. Die „Pille“ hemmt die Aufnahme der Folsäure in den Körper, vermindert deren Verwertung und beschleunigt den Folsäureabbau. Pillenbenützerinnen sollten deshalb mit der Folsäuresubstitution schon drei Monate vor dem Absetzen der Pille beginnen.

Jodprophylaxe

Eine funktionierende Schilddrüse ist von eminenter Bedeutung für die Gesundheit und das Wohlbefinden des Menschen. Die richtige Funktion der Schilddrüse hängt von einem ausreichenden Angebot an Jod ab, wobei in Österreich die tägliche Jodaufnahme deutlich unter der empfohlenen Dosis von 180 bis 200 µg liegt. Während der Schwangerschaft besteht ein erhöhter Jodbedarf (circa 230 µg pro Tag). Ein schwerer Jodmangel findet sich bei bis zu zehn Prozent der Schwangeren, eine klinisch relevante Struma bei sechs bis 16 Prozent. Die Folgen eines Jodmangels sind bei der Mutter eine herabgesetzte Fertilität, ein erhöhtes Abortrisiko, ein gehäuftes Auftreten von Präeklampsien sowie eine erhöhte Rate an Früh- und Totgeburten. Beim Kind besteht ein erhöhtes Risiko einer kongenitalen Struma und einer gestörten körperlichen und geistigen Entwicklung.
Empfehlung: Bestimmung des Thyroidea-stimulierenden Hormons (TSH) vor der Schwangerschaft bis spätestens 12. SSW. Allen euthyreoten Schwangeren (TSH 0,2-2,5 mU/l) soll eine Jodsubstitution mit 100 µg Jodid täglich angeboten und diese während der gesamten Schwangerschaft bis sechs Monate post partum durchgeführt werden. Ergibt das TSH-Screening einen auffälligen Wert mit Verdacht auf Hypo- bzw. Hyperthyreose, so soll die Schwangere umgehend an eine nuklearmedizinische Abteilung zur weiteren Abklärung und zur Einleitung einer adäquaten Therapie überwiesen werden.

Nikotinentwöhnung

Der Nikotinabusus durch das Rauchen stellt weltweit den mit Abstand am häufigsten legitimen Drogengebrauch dar. 25 bis 40 Prozent der Frauen im gebärfähigen Alter rauchen und jede fünfte bis sechste Frau raucht auch noch während der Schwangerschaft. In der Schwangerschaft kommt es auf zwei Wegen zu einer Schädigung des Feten:
• Störung der uteroplazentaren Zirkulation durch die gefäßverengende Wirkung des Nikotins (fetale Hypoxie und Reduktion von Nahrungsstoffen)
• Direkter transplazentarer Effekt des Nikotins und anderer Schadstoffe des Rauches auf den Feten. Im Rauch finden sich über 4.000 Schadstoffe (neben Nikotin unter anderem Kohlenmonoxid, Teere, Kadmium, Benzol, Asen, Blausäure und Blei).
Rauchen beeinträchtigt die Fertilität. Es verschlechtert einerseits die Qualität der Spermien und reduziert die Anzahl lebensfähiger Spermien, andererseits wird auch der weibliche Zyklus negativ beeinflusst. Raucherinnen haben eine nur halb so große Chance auf eine erfolgreiche künstliche Befruchtung wie Nichtraucherinnen. Während der Frühschwangerschaft kommt es zum gehäuften Auftreten von ektopischen Schwangerschaften, Spontanaborten und möglicherweise auch Missbildungen. Die Spätschwangerschaft ist gekennzeichnet durch häufigeres Vorkommen einer Plazenta praevia, vorzeitige Plazentalösung, Frühgeburt, vermindertes Wachstum des Feten und erhöhte perinatale Mortalität. Postpartal weisen die Kinder rauchender Mütter eine dreimal höhere Gefährdung für den plötzlichen Kindstod auf. Weiters besteht eine erhöhte Infektanfälligkeit, häufigere Atemwegserkrankungen, Allergien sowie eine Anfälligkeit für bestimmte Krebserkrankungen (Lymphome, Leukämien, Wilms-Tumor).
Da die Schadstoffe des Rauchens eine gewisse Zeit benötigen, um aus dem Körper ausgewaschen zu werden, reicht es nicht, mit dem Rauchen aufzuhören, wenn die Schwangerschaft bekannt ist, sondern die letzte Zigarette sollte bereits mindestens ein bis zwei Monate vor der Konzeption geraucht werden.

Dr. Walter Moser, Ärzte Woche 47/2007

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