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Putzfimmel als sichtbares Alarmzeichen

Zyklusabhängige Erkrankungen werden selten ernst genommen und häufig als Hirngespinste der Frau abgetan. Daher sind die Betroffenen nach einer langen Patientenkarriere sehr dankbar, an einen Arzt zu geraten, der wirklich zuhören kann. Denn ist die Ursache einmal erkannt, so gibt es viele Möglichkeiten, den Frauen zu helfen.

 Staubwedel
Wenn der Staubwedel zum beliebtesten Gegenstand wird, kann eine zyklusabhängige Erkrankung dahinter stecken.

Foto: Buenos Dias/photos.com

„Was ist das Schwerste von Allem?
was Dir das Leichteste dünkt:
Mit den Augen zu sehen, was vor den Augen
Dir liegt.“

Mit diesem Zitat von Johann Wolfgang von Goethe charakterisierte Prof. Dr. Ludwig Wildt von der klinischen Abteilung für Gynäkologische Endokrinologie und Sterilität der Medizinischen Universität Innsbruck die Schwierigkeit, zyklusabhängige Erkrankungen der Frau zu erkennen. Im Rahmen der Wissenschaftlichen Fortbildungswoche der Österreichischen Apothekerkammer in Saalfelden ging Wildt auf besondere Probleme der Diagnose und Therapie ein. Die ÄRZTE WOCHE hatte zusätzlich Gelegenheit, im Gespräch allgemeine, praktische Hinweise zu erhalten, wie Mediziner mit diesen speziellen Leiden der Frau umgehen sollen.
„Man muss sich Zeit nehmen und zuhören. Das Wichtigste ist, die Beschwerden der Frau ernst zu nehmen und sie nicht als spinnende Kranke abzustempeln. Oft hat die Patientin bereits mehrere Ärzte aufgesucht, vom Hausarzt wurde sie zum Neurologen, weiter zum Psychiater und danach zum Dermatologen geschickt. Doch die wichtigste Frage wird meist nicht gestellt: Bei jeder wiederkehrenden Erkrankung bei der Frau muss eruiert werden, ob die Symptome zyklusabhängig auftreten. Diese Symptome sollten in einem Fragebogen gesammelt werden. Daher empfehle ich den betroffenen Frauen, ein Tagebuch über die im Zyklusverlauf verstärkt auftretenden Leiden zu führen. Oft sind es auch ganz banale Veränderungen, etwa der regelmäßige Putzeifer, die mehr dem Ehemann auffallen als der Frau selbst. Diese Beobachtungen und Aufzeichnungen sind Voraussetzungen, dass eine zutreffende Diagnose gestellt werden kann“, stellt Gynäkologe Wildt fest.

Veränderung der Hormonkonzentrationen

Dass es während des Zyklus zu Veränderungen der Lebensfunktionen kommt, ist leicht erklärbar. Der menstruale Regelkreis ist durch rasche, dramatische Konzentrationsveränderungen von Steroidhormonen sowie anderen ovariellen Sekretionsprodukten und Gonadotropinen gekennzeichnet. Während des Zyklus lassen sich bestimmte Prädilektionsphasen für das Auftreten somatischer und psychischer Symptome unterscheiden: die perimenstruelle Phase, die Periovulationsphase und die Lutealphase. Sie sind durch besonders rapide Veränderungen der Hormonkonzentration gekennzeichnet. „Es gibt einen dramatischen zehnfachen Östrogenanstieg vor dem Eisprung binnen drei bis fünf Tagen. Dann erfolgt ein abrupter Abfall des Östrogens sowie ein Anstieg des Progesterons. Beide fallen mit der Menstruation stark ab“, erklärt Wildt.
Diese Veränderungen wirken sich freilich auf weitere Organe und Regelsysteme aus. Die zyklusbedingt auftretenden Symptome werden als katameniale Erkrankungen bezeichnet. Dazu zählen unter anderem die katameniale Epilepsie, das prämenstruelle Syndrom (PMS), die Dysmenorrhoe bei der Endometriose, Migräne sowie eine Reihe von Krankheiten aus dem Kreis der Autoimmunkrankheiten, etwa Lupus erythematodes, rheumatische Arthritis sowie verschiedene thrombozytische Erkrankungen. Auch das Immunsystem wird beeinflusst, so dass Infekte in dieser Periode öfter auftreten können. „Eine Basisanamnese nach zyklusvariierenden Symptomen muss daher genauestens vor jeder Therapie erhoben werden“, erläutert Wildt.
Lupus erythematodes tritt bei Frauen zehnmal öfter auf als bei Männern. Diese Geschlechtsverteilung lässt eine pathologische Implikation von Östrogenen vermuten. Wildt: „Eine Hypothese, die schützende Wirkung von Androgenen, wurde bisher kaum in Erwägung gezogen. Östrogene gelten als kontraindiziert, die Pille könnte sich günstig auswirken.“
Beschwerden von Gelenksrheuma schwanken, vermehrt treten sie aber in der zweiten Zyklushälfte infolge des Progesteronanstiegs auf. Rheumatoide Arthritis wird ebenfalls insbesondere während der zweiten Zyklushälfte beobachtet. Betroffen sind vor allem jüngere Frauen. Orale Kontrazeptiva (HRT) beeinflussen die Schmerzen günstig und sind auch als Dauergabe sinnvoll. Die katameniale Epilepsie trifft meist Frauen ab dem 30. Lebensjahr. Eine hormonell unterstützende Therapie mit GnRH-Analoga reduziert die Anfälle.

Kopfschmerz und Migräne

Kopfschmerzen zählen zu den häufigsten zyklusabhängigen Beschwerden. Sie treten vor allem periovulatorisch und perimenstruell auf und sind eine Reaktion auf den Östradiolabfall. Mit einem Pflaster oder Gel kann dieser Abfall ausgeglichen werden. Auch bei der Mi­gräne wirkt sich die Talfahrt des Östradiols aus. Eine Hormontherapie war jedoch nur bei fünf von 40 Patientinnen erfolgreich.
Die Symptome sind sehr vielfältig und werden oft für imaginär gehalten. „Etwa der Blähbauch, der sowohl real als auch eingebildet sein kann“, so Wildt. Brustspannen, Kopfschmerz, Frieren, Gelenksschmerz zählen zu den häufigsten Beschwerden. Stimmungsschwankungen, Depressionen, Lustlosigkeit, Aggressivität, Nörgeln und die Putzwut fallen auch dem Partner auf. „Für die Diagnose sind all diese Symptome wichtig, man muss aber auch aktiv danach fragen – vor allem Frauen über 30 Jahre“, betont Wildt. Bei schweren Fällen ist die Zyklusausschaltung mithilfe von GnRH Analogen am wirksamsten. Aber auch das chronische Hyperventilationssyndrom und Fieber können zyklusbedingt auftreten. Bei der Hälfte der Frauen mit unklarem Fieber handelt es sich wahrscheinlich um diese Hitzewallungen. Die Temperatur sollte jedoch kontrolliert werden.
Wichtiges Gebot bleibt aber, die Erkrankung rasch aufzudecken, denn schließlich gibt es eine breite Palette an Möglichkeiten, den Frauen zu helfen, fasst Wildt zusammen.

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