zur Navigation zum Inhalt
 
Gynäkologie und Geburtshilfe 26. September 2007

Achtzeller darf Zellen behalten

Eines der Ziele der Präimplantationsdiagnostik (PID) ist die Steigerung der Erfolgsraten bei künstlicher Befruchtung. Die PID sollte helfen, dem Transfer von Embryonen, mit denen keine Schwangerschaft induziert werden kann, vorzubeugen.

 Polkörper
Die Polkörper werden im Endreifungsstadium der Eizelle abgeschnürt.

Foto: Prof. Dr. Markus Hengstschläger

Im vergangenen Sommer war eine Forschergruppe aus Amsterdam zu dem Schluss gekommen, dass PID am achtzelligen Embryo zu keiner messbaren Steigerung, eventuell sogar zu einer Reduktion der Erfolgsraten künstlicher Befruchtung führt.

Nicht auf neuestem Stand

Da dieses Ergebnis jedoch im Widerspruch zu einer Reihe amerikanischer und europäischer Publikationen steht, wurde in Lyon eine internationale Sitzung der Euro­pean Society for Human Reproduction and Embryology einberufen. Europäische und amerikanische Experten verglichen ihre Daten mit denen der Arbeitsgruppe aus Amsterdam – die Ergebnisse dieses Meetings wurden jetzt publiziert. Alle Fachleute waren sich einig, dass die Veröffentlichung aus Amsterdam viele Unwägbarkeiten beinhaltet, welche insgesamt zu jenem nicht mit dem Stand der Wissenschaft vereinbaren Schluss geführt hätten. Prof. Dr. Jacques Cohen, Universität New Jersey, und Prof. Dr. Luca Gianaroli, Universität Bologna, fassten das Ergebnis der Expertenrunde wie folgt zusammen: „Die Durchführung der Studie der Amsterdamer Kollegen ist nicht mit den internationalen Qualitätsstandards vereinbar.“ Weitere wissenschaftliche Untersuchungen wären unbedingt notwendig.
Einer der Kritikpunkte der Studie war, dass die Amsterdamer Wissenschaftler nach Öffnung der den Embryo umgebenden Zona pellucida mittels Laser aus dem achtzelligen Embryo zwei Zellen entnahmen. Heute ist die Entnahme von nur einer Zelle üblich, die Entnahme von zwei Zellen kann – selten, aber doch – einen negativen Einfluss auf die weitere Entwicklung des Embryos haben. Bei der Kontrollgruppe wiederum wurde die Zona pellucida gar nicht angetastet. Dadurch lassen die Ergebnisse keine Rückschlüsse auf Vor- und Nachteile der gegenwärtigen PID zu, bei der die Zona pellucida eröffnet, aber nur eine Zelle entnommen wird. Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die Patientenauswahl der Amsterdamer Studie: die Teilnehmer hatten noch an keinem IVF-Zyklus teilgenommen.
Doch es gibt bereits eine Alternative zur PID mit Zellentnahme: die PID am Polkörper. In Österreich arbeiten mit dieser Methode bespielsweise der Genetiker Prof. Dr. Markus Hengstschläger und der Reproduktionsmediziner Prof. Dr. Wilfried Feichtinger. Ein ethisch unbedenklicher Ansatz, da es sich dabei nicht um eine direkte Analyse am menschlichen Embryo handelt.
Hengstschläger im Gespräch mit der Ärzte Woche: „Bevor Ei- und Samenzelle verschmelzen, müssen sie – banal, aber wichtig – noch etwas anderes tun. Die Samenzelle muss das Erbgut des Vaters, die Eizelle das der Mutter halbieren.“ Das Kind soll ja nicht alle Gene von Vater und Mutter haben, sondern nur je die Hälfte. Reife Samenzellen haben nur ein halbes Set des väterlichen Erbgutes. Eizellen produzieren zwei Polkörper, die die nicht verwendete Hälfte des möglichen Erbgutes enthalten. Hengstschläger erläutert: „Dadurch ist in den Polkörpern eine spiegelbildliche Abbildung der weiterzugebenden Erbsubstanz enthalten. Im Endreifungsstadium der Eizelle werden die Polkörper abgeschnürt und können untersucht werden, ohne den Embryo zu stören.“ Über die Polkörperdiagnostik können viele genetische Fragestellungen beantwortet werden. Mit einer Einschränkung: Väterliches Erbgut kann nicht mituntersucht werden. Bestimmte Gendefekte der Vaterseite können mittels Polkörperdiagnostik nicht ausgeschlossen werden.
In Anbetracht dieser Tatsachen kam die Expertenrunde in Lyon zu einem wissenschaftlich wichtigen Schluss und gab eine entsprechende Empfehlung heraus. Der Genetiker Prof. Dr. Markus Montag und der Reproduktionsmediziner Prof. Dr. Hans van der Ven, beide tätig an der Universität Bonn, fassen das Ergebnis so zusammen:
„Es stellt sich die Frage, warum bei einer mütterlichen Altersindikation vor künstlicher Befruchtung überhaupt noch eine PID am Embryo gemacht werden muss, wenn doch die Entnahme der Polkörper, welche für die weitere Entwicklung des Embryos ohne Bedeutung sind, zur Diagnose ausreichen könnte.“ Tatsächlich erwarten sich die Reproduktionsexperten in manchen Fällen bessere Erfolge durch Polkörperdiagnostik als durch die riskantere Entnahme von Zellen aus dem Embryo. Dazu der Genetiker Markus Hengstschläger: „Es gibt eine Klientel, bei der es besser ist, die Polkörper zu untersuchen, als beim Achtzeller etwas zu entnehmen. Man kann dann zwar nicht das gesamte Genom untersuchen, aber genug, um den gegenüber der Zellentnahme schonenderen Eingriff zu rechtfertigen.“

Dr. Rainer Schröckenfuchs, Ärzte Woche 39/2007

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben