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Rätselhaftes Ritual (Narrenturm 126)

Ethnologen und Anthropologen haben allerlei Vermutungen über Herkunft und Hintergründe der – fast weltweit ausgeübten – Beschneidung, über deren Kult und religiöse Bedeutung angestellt und auch Erklärungsmodelle präsentiert. Doch der Sinn und die Herkunft dieses bei Männern und Frauen durchgeführten Eingriffs liegen nach wie vor weitgehend im Dunkeln.

 afrikanisches Beschneidungswerkzeug
Auch heute noch unverändert in Verwendung stehende afrikanische Instrumente für die Beschneidung von Männern und Frauen.

Foto: Nanut/Regal

War die Beschneidung, die nachweislich bereits vor Jahrtausenden bei vielen Völkern durchgeführt wurde, ein pars pro toto für das blutige Menschenopfer, bei dem nicht mehr ein ganzer Mensch, sondern nur mehr die Vorhaut den Göttern geopfert wurde? War es ein Zeichen der Zugehörigkeit zu einem Stamm oder Volk, der Ausdruck eines göttlichen Willens, eine mehr als symbolische Wunde? Waren hygienische Gründe – die immer wieder ins Treffen geführt werden – dafür verantwortlich? Niemand weiß das mehr.

Einschneidender Übergang

Das Geheimnis geriet in Vergessenheit, die Operation wurde und wird aber weiterhin weltweit ausgeführt. Als Merkmal der jüdischen Religion, des Islams und fast routinemäßig wegen des zum größten Teil unbewiesenen Mythos von gesundheitlichen Vorteilen in der modernen angloamerikanischen Medizin.
Die älteste Darstellung einer Beschneidung findet sich in einer Grabkammer in der ägyptischen Totenstadt Sakkara. Im Grab des Pharao Ankhmahor – datiert um 2400 v. Chr. – zeigt ein gut erhaltenes Halbrelief einen Bildstreifen mit einer Beschneidungsszene. Dabei wird ein stehender junger Mann von einem vor ihm knienden Tempelpriester mit einer scharfen Feuersteinklinge operiert. Vermutlich ein Einweihungsritus, der den Übergang vom Kind zum Erwachsenen innerhalb des Stammes markierte. Ein ritueller Akt, für den es im Alten Ägypten zahlreiche Beweise gibt. Ein kultischer Brauch, der auch heute noch weltweit in vielen Gesellschaften praktiziert wird. Der Übergang vom Kindes- zum Erwachsenenalter gilt in vielen Kulturen als besonders einschneidend und ist eigenartigerweise meist mit mehr oder weniger verstümmelnden Manipulationen an den Geschlechtsorganen verbunden.

Strenges Ritual

Von den Ägyptern übernahmen wahrscheinlich die Israeliten die rituelle Beschneidung. Im Alten Testament schließt Gott mit Abraham einen Bund: „Ich werde ein großes Volk aus euch machen ... ihr sollt beschnitten werden am Fleisch eurer Vorhaut und das soll das Zeichen des Bundes sein zwischen mir und euch. Im Alter von acht Tagen soll bei euch alles, was männlich ist, beschnitten werden ...“. Der traditionell-religiöse Akt der Beschneidung bei den Juden ist ein streng rituell geregelter chirurgischer Eingriff. Interessant ist, dass durch die Beschneidung bereits im Talmud – also zwischen dem 2. und 5. Jahrhundert – auf eine Störung der Blutgerinnung bei Knaben aufmerksam gemacht und gelehrt wurde, dass „wenn einer Frau die ersten zwei Kinder nach der Beschneidung sterben, darf sie das dritte nicht mehr beschneiden lassen“. Der islamische Arzt Abul Qasim al Zahrawi (936–1013) beschrieb dieses Phänomen und erstmals auch eine Therapie – das Kauterisieren, Verglühen der Wunde.

Kontraindikation Hämophilie

Die „Neigung zu Blutungen in bestimmten Familien“, die zwar von Frauen übertragen wird, aber nur Männer befällt, publizierte erstmals Otto John Conrad (1774–1844) in Philadelphia im Jahr 1803, den Namen Hämophilie erhielt die Krankheit aber erst 1822 durch den deutschen Arzt Friedrich Hopff.
Es gibt zwar keinen sicheren Beweis, dass Mohammed die Zirkumzision als grundsätzlichen Ausdruck des Glaubens sah, die Beschneidung wird aber in allen islamischen Ländern als traditionelles Zeichen der Religionszugehörigkeit praktiziert. Das Fest der Beschneidung ist bei Muslimen oft eine große Familienfeier. Beschnitten werden Knaben von wenigen Tagen nach der Geburt bis zum Alter von 13 Jahren.
Die Verstümmelung weiblicher Genitalien ist durch ein Rechtsgutachten im Jahr 2006 auch im Islam als strafbares Verbrechen eingestuft. Bei afrikanischen, indonesischen, ozeanischen und australischen Völkern ist die Beschneidung ein wesentlicher Bestandteil der Initiationszeremonien. Sie sind üblicherweise in sehr komplexe Riten eingebunden und wurden – und werden teilweise auch heute noch – in verschiedenen Techniken und Ausdehnungen des chirurgischen Eingriffs bei beiden Geschlechtern vorgenommen.

Dem richtigen Geschlecht zuordnen

Einem weit verbreiteten Erklärungsmodell der Beschneidung liegt ja die Vorstellung zu Grunde, dass Menschen ursprünglich bisexuell veranlagt sind. Äußere Kennzeichen sind beim Knaben die Brustwarzen und das Präputium als eine Art Schamlippe und beim Mädchen die Klitoris als eine Art Penis mit den kleinen Schamlippen als Vorhaut. Um das Kind endgültig dem richtigen Geschlecht zuzuordnen, müssen daher die rudimentären Teile des anderen Geschlechtes entfernt werden. Eine Praktik, die von der immer stärker werdenden Bewegung gegen die –medizinisch nicht begründete – Zirkumzision auch schon beim Mann abgelehnt und bekämpft wird, ist bei Frauen fast durchwegs eine grausame Verstümmelung der Genitalien, die oft zu irreparabeln körperlichen und psychischen Schäden führt. Die WHO schätzt, dass bei Eingriffen dieser Art zehn Prozent der Frauen an akuten und noch einmal 25 Prozent an langfristigen Komplikationen sterben. Heute ist die weibliche Genitalverstümmelung (femal genital mutilation FGM) bereits in vielen Ländern geächtet und steht als schwere Körperverletzung unter Strafe. In einigen Ländern ist die drohende weibliche Beschneidung als Asylgrund anerkannt, in Österreich nicht.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 3/2008

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