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War es Syphilis? (Narrenturm 123)

Über die letzten Tage des Ignaz Phillip Semmelweis (1818–1865) ist viel spekuliert und noch viel mehr geschrieben worden. Von Verschwörung, Komplott und Intrigen bis zu völlig abstrusem Unsinn reicht die Bandbreite der Publikationen zu diesem Thema.

 Landesirrenanstalt Lazarettgasse
Die Landesirrenanstalt in der Lazarettgasse, Ausschnitt des Obduktions-Protokolls.

Foto: Regal/Nanut

Vom 20. März 1847 bis zum 19. März 1849 war Semmelweis zum zweiten Mal Assistenzarzt an der Gebärklinik von Prof. Johann Klein (1788–1856) im Allgemeinen Krankenhaus in Wien. In dieser Zeit entdeckte er durch eine klassische Schlussfolgerung die Ursache des Kindbettfiebers – die mit „Cadavertheilen verschmutzten“ Hände der untersuchenden Geburtshelfer.
Trotz der eindrucksvollen Ergebnisse seiner hygienischen Maßnahmen hatte Semmelweis in Wien nicht den von ihm erwarteten Erfolg. Er konnte sich zwar als Privatdozent habilitieren, übte diese Tätigkeit aber nicht aus und verließ Wien überraschend im Oktober 1850. Er kehrte in seine Heimatstadt Budapest zurück und wurde 1855 Vorstand der Lehrkanzel für Geburtshilfe an der Pester Universität.
Glaubt man den meisten Biografien des „Retters der Mütter“, dann erkrankte Semmelweis mehr oder weniger plötzlich und unerwartet im Sommer 1865 an einer akuten Geisteskrankheit. Der Pathologe und Autor zahlreicher spannender medizinhistorischer Tatsachenberichte, Hans Bankl (1940–2004) sieht dies aber anders. Für Bankl begannen die ersten Symptome der Krankheit bereits 1860. In dieser Zeit schrieb Semmelweis sein Buch Die Ätiologie, der Begriff und die Prophylaxis des Kindbettfiebers und begann in seinen offenen Briefen seine tatsächlichen oder vermeintlichen Widersacher öffentlich wüst zu beschimpfen. Phrasenhaft wiederholte er unzählige Male seine – natürlich durchaus richtigen – Argumente, legte endlose, zum Teil fehlerhafte Statistiken vor.
Der Wandel in seiner Persönlichkeit wurde zunehmend offensichtlich. Er begann kritiklos, unbeherrscht, psychisch labil und zunehmend unberechenbarer zu werden. Sein Gang wurde unsicher und schwankend. Widerspruch versetzte ihn in haltlose Raserei. Im Sommer 1865 verschlechterte sich sein Zustand dramatisch. Seine Professorenkollegen kamen einhellig zur Ansicht, dass Semmelweis unbedingt stationär behandelt werden musste und überwiesen ihn nach einem Konsilium am 30. Juli 1865 in die Niederösterreichische Landesirrenanstalt – damals in der Lazarettgasse – nach Wien.

Aufgetauchte Krankengeschichte

Die über ein Jahrhundert verschollenen psychiatrische Krankengeschichte mit Parere, Vorgeschichte und Krankengeschichte der Wiener Irrenanstalt wurde 1977 in einem Archivkeller des Steinhofs, der Nachfolgeanstalt der Landesirrenanstalt in der Lazarettgasse, gefunden. Für Bankl sind alle diese Dokumente „fast lehrbuchmäßige Darstellungen der Symptome der ‚Progressiven Paralyse’“. Ein Krankheitsbild, das damals in Irrenhäusern nur allzu gut bekannt war, aber nicht behandelt werden konnte. Im Aufnahmebefund beschreibt der Aufnahmearzt neben einer hochgradigen Verwirrtheit, „heißen Kopf und Pulsfrequenz 120“, ein Gangrän am Mittelfinger der rechten Hand. Die Ursache dieser Wunde ist unbekannt und gab Anlass für viele Spekulationen, die von der Verletzung bei einer Operation oder Geburt bis zur Misshandlung durch die Wärter der Anstalt reichen.
Der weitere Krankheitsverlauf war kurz aber dramatisch. Zunehmende Verwirrtheit, Tobsuchtsanfälle, Sprach- und Gehstörungen und Ausbreitung des Gangräns an der Hand. Zwei Wochen nach seiner Einweisung, am 13. August 1865 vermerkte der diensthabende Arzt: „röchelnde Atmung, ein Abszeß(?) am linken Thorax, stärkerer Collapsus, Zunge bretthart, + Abd. Tod“. Ob er außer kalten Umschlägen und Zwangsjacke irgendeine andere Behandlung erhielt, ist unbekannt. Am 14. August wurde Semmelweis obduziert.
Tatsächlich gibt es zwei Varianten des Obduktionsprotokolls. Das Original unter der Nummer 49514/1404 befindet sich noch immer im Wiener Pathologischen Institut – eine Kopie davon im Narrenturm – und einen Befund mit abweichender Diagnose in der Krankengeschichte der Irrenanstalt. Das Originalprotokoll besagt: „Blutfülle der Gehirnhäute und des Gehirns. Graue Degeneration des Rückenmarks. Brandige Zerstörung des Mittelfingers der rechten Hand. Absiedelungsabszesse im Bereich des linken Zeigefingers und der rechten unteren Extremität sowie an der linken Brustkorbseite, wobei die Zwischenrippenmuskulatur unter der 3. Rippe und das Rippenfell eitrig durchbrochen war.“
Die Diskrepanz in den Befunden besteht in der Diagnose „Graue Degeneration des Rückenmarks“, die eindeutig auf eine syphilitische Tabes dorsalis hinweist. Im Obduktionsbefund der Krankengeschichte wird die Degeneration zu einer Myelitis acuta, zu einer akuten Entzündung. „Wollte man hier die Diagnose Syphilis, die nicht nur im vorigen Jahrhundert als unehrenhaft galt, verschleiern?“ fragte sich nicht nur Bankl. Für den Pathologen stand jedenfalls fest: „Wenn man schon aufgrund der klinischen Symptome in der Krankheit von Semmelweis die progressive Paralyse nicht erkennen sollte, so kann nach der Zusammenfassung der pathologisch-anatomischen Angaben kein Zweifel mehr bestehen: Progressive Paralyse mit Hinterstrangsymptomen (Taboparalyse)“.
Die Septikopyämie, die die Semmelweismythologie nährt, nach der er letztendlich an derselben Krankheit starb, die er entdeckt hatte, war für Bankl nur eine Nebendiagnose. Auch ohne Pyämie hätte Semmelweis keine Überlebenschance gehabt.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 49/2007

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