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Gebärstuhl und Geburtshocker (Narrenturm 100)

Die Geschichte der Geburtshilfe ist so alt wie die Menschheit selbst. In nur wenigen Kulturen brachten – und bringen – Frauen ihre Kinder allein und ohne fremde Hilfe zur Welt. Zumeist betreuen Frauen, oft selbst Mütter – später hoch geachtete „weise Frauen“ oder Hebammen –, die Schwangeren rund um die Geburt.

 Zeitgenössische Darstellung einer Geburt im 16. Jahrhundert.
Zeitgenössische Darstellung einer Geburt im 16. Jahrhundert.

Foto: Regal/Nanut

Weil die Niederkunft höchst anstrengend ist, entschieden sich die Gebärenden instinktiv meist für die angenehmste Körperhaltung. Seit Jahrtausenden entbanden daher die Frauen sowohl in Hochkulturen als auch bei Naturvölkern vorwiegend in einer eher aufrechten, sitzenden Position. Diese Geburtsstellung erleichtert die Austreibung des Kindes ungemein. Um die Muskulatur bei der starken Belastung in der Hocke zu entlas­ten, entstanden in fast allen Kulturen Geburtshocker oder Gebär­stühle, um die Gebärenden während der Geburt zu entlasten.
Reliefdarstellungen und Berichte von Gebärhockern sind im Alten Ägypten bereits aus dem Jahr 4000 v. Chr. bekannt. Im Jahr 2002 entdeckten amerikanische Archäologen in Südägypten einen etwa 3.700 Jahre alten Geburtssitz in Form eines großen Ziegelsteines mit einem Loch in der Mitte.

Stuhl oder Lehmziegel

Wie aus den Hieroglyphen am Stuhl ersichtlich, gehörte er der Frau eines Gouverneurs. Weniger wohlhabende Frauen hockten bei der Geburt – wie auch heute noch bei manchen Naturvölkern – über Lehmziegeln oder knieten auf Fellen. Der griechische Frauenarzt Soranos von Ephesos (98–138) – von ihm stammen die besten antiken Darstellungen der praktischen Gynäkologie – empfahl in seinem grundlegenden Buch „De arte obstrectica morbisque mulierum“ zur Erleichterung der Geburt einen bequemen Sessel mit Rücken und Seitenlehne, dessen Sitz halbkreisförmig ausgeschnitten ist.
Auch der berüchtigte Papststuhl aus Porphyr in Rom, der bis in die Mitte des 16. Jahrhunderts bei der Papstwahl verwendet wurde, soll nach Ansicht der Archäologen ein römischer Gebärstuhl sein.
Falls jemand die Legende noch nicht kennen sollte: Um einen Fall „Päpstin Johanna“ – vor 1.150 Jahren soll es eine Frau mit List und Tücke geschafft haben, den Stuhl Petri zu besetzen, und erst entdeckt worden sein, als sie ein „Päpstlein“ gebar – fürderhin zu verhindern, mussten neu gewählte Päpste im Mittelalter die Attribute ihrer Männlichkeit auf dem so genannten „Prüfstuhl“ unter Beweis stellen. Der thronartige Stuhl, auf den sich der frisch gewählte Kandidat ohne Unterwäsche setzen musste, hatte auf seiner Sitzfläche eine schlüssellochähnliche Öffnung, durch die sich ein Kardinal mit einem Griff von unten von den männlichen Insignien des neuen Papstes überzeugen musste. Erst nachdem der neue Papst diese handgreifliche Prüfung erfolgreich bestanden hatte – „Duos habet et bene pedentes“ oder einfacher „Habet“ verlautbarte der Examinator nach erfolgreicher Suche –, konnte das „Te Deum“ angestimmt werden. Der so genannte „sedia stercoraria“ kann heute noch im „Gabinetto delle Maschere“ in den vatikanischen Museen besichtigt werden.

 Gebärstuhl
Der Geburtsstuhl im Narrenturm ist die originalgetreue Nachbildung eines Exemplars von 1784. Das Original befindet sich im Schloss Walchen.

Foto: Regal/Nanut

Normaler Hausrat

Da der Geburtshocker der weit verbreiteten Gebärhaltung in der Hocke sehr nahe kommt, lassen sich Gebärstühle oder Geburtshocker in fast allen Kulturen und Ländern nachweisen. Gebärstühle befanden sich sogar als normaler Hausrat im Familienbesitz oder wurden – da aber wohl eher nur Geburtshocker oder zusammenklappbare Gebärstühle – von der Hebamme mitgebracht.
Mit den Fortschritten der Entbindungskunst, der Entstehung von Gebärhäusern und Frauenkliniken kamen auch Ärzte und männliche Geburtshelfer, so genannte „Accoucheure“, im 18. und 19. Jahrhundert vermehrt dazu, Geburten zu leiten. Nach und nach „degradierten“ die gelehrten Ärzte die Hebammen zu Arzthelferinnen und ersetzten die Hebammenhände – nicht immer zum Vorteil der Gebärenden – durch chirurgische Werkzeuge. Auf Grund ihrer Ausbildung und anatomischen Kenntnisse konnten sie aber bei schwierigen Geburten – Lageanomalien, verengtes Becken, Wehenschwäche – zumindest für die Mutter oft lebensrettende operative Hilfe leisten.
Der Übergang von der Geburtshilfe zur Geburtsmedizin bedeutete auch das Ende des Gebärstuhles. Für den Einsatz von Geburtszange und anderen Geburtswerkzeugen war die sitzende Gebärposition – die Hebammen oder der Geburtshelfer verrichteten dabei ihre Arbeit auf einem niedrigen Hocker zu Füßen der Gebärenden – denkbar ungeeignet.

Renaissance des Stuhles

Die bessere Übersicht, der rasche Zugriff bei plötzlich auftretenden Problemen und die Möglichkeit, die Geburt rasch operativ zu beenden, erforderte die liegende Geburtshaltung, die sich dann in unseren Breiten auch allgemein durchsetzte. Erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts beschäftigten sich Hebammen und Geburtshelfer – Stichwort „sanfte Geburt“ – wieder wissenschaftlich mit der aufrechten Gebärhaltung. Heute gilt eine Gebärklinik, die im Kreißsaal nicht mindestens multimodale Gebärstühle, Hockergeburten und Wassergeburten anbieten kann, als hoffnungslos veraltet.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 21/2007

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