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Die unzertrennlichen Siamesen (Narrenturm 97)

Symmetrische Doppelbildungen – gemini conjuncti – werden nicht nur bei uns als Siamesische Zwillinge bezeichnet. Den zusammengewachsenen Menschen ihren Namen gaben die im 19. Jahrhundert weltweit als Jahrmarktsensation berühmten siamesischen Brüder Chang und Eng Bunker. Die beiden sind auch heute noch die weltweit bekanntesten Doppelbildungen.

Geboren wurden die Zwillinge am 11. Mai 1811 auf einem Hausboot in Siam – heute Königreich Thailand. Die Geburt der vom unteren Brustbein bis zum Nabel mit einer Gewebsbrücke verwachsenen Brüder – medizinisch exakt Xiphosternopagus – soll problemlos gewesen sein. Ein Kind kam in Kopflage zur Welt, das andere wurde in Steißlage geboren. In den ersten Jahren musste die Mutter die Doppelknaben verstecken, da der König fehlgebildete Kinder verfolgen und töten ließ. Der abergläubische König fürchtete, sie würden seinem Reich Unglück bringen. Später änderte er seine Meinung und hielt sich die zusammengewachsenen Brüder als Kuriosität an seinem Hof.

Geteiltes, gemeinsames Eheglück

Robert Hunter, ein englischer Kaufmann in Bangkok, entdeckte die „Wundergeburt“ – da der Vater der Zwillinge Chinese war, nannte man sie in ihrer Heimat kurioserweise „chinesische Zwillinge“ – im Jahr 1824. Er kaufte sie der alleinstehenden armen Mutter ab und erhielt vom König die Erlaubnis, die Zwillinge als Schauobjekte auszustellen. So brachte er sie in die USA und vermarktete sie auf Jahrmärkten, in Varietes und in Zirkussen. Die Zwillinge erregten aber auch in der medizinischen Welt lebhaftes Interesse. Die erste wissenschaftliche Untersuchung und Beschreibung erfolgte an der Havard University in Boston durch den berühmten amerikanischen Chirurgen J.C. Warren im Jahr 1829. Bis 1839 tourten die „zusammengewachsenen Siamesen“ durch Amerika und Europa. Kurioserweise durften sie in Frankreich nicht auftreten, da die Obrigkeit befürchtete, dass sich schwangere Frauen „verschauen“ könnten und dann ähnliche Monster gebären würden. Mit 44 heirateten die beiden und erwarben eine Farm in North Carolina. Hier bewohnte jede Frau ein eigenes Haus und die Zwillinge wechselten wochenweise nach einem strengen Plan die Familien. Chang hatte mit seiner Frau sechs Kinder, Eng fünf. Charakterlich waren die Zwillinge grundverschieden. Eng galt als gutmütig, intelligent und vielseitig interessiert, Chang als mürrisch und reizbar. Chang trank auch sehr viel Alkohol, und Eng, der abstinent lebte, litt, wie man sich gut vorstellen kann, sehr darunter. Um die Familienkassen wieder zu füllen und sich wegen einer chirurgischen Trennung von den berühmtesten Ärzten untersuchen zu lassen, kamen die Zwillinge 1869 noch einmal nach Europa. In Deutschland untersuchte sie der „Papst der deutschen Medizin“, Rudolf Virchow. Seine Befunde veröffentlichte er in der „Berliner klinischen Wochenschrift“. Virchow war der Ansicht, dass eine erfolgreiche Trennung möglich wäre. Dazu konnten sich die Zwillinge aber nicht entschließen. Am 17. Januar 1874 starben die Zwillinge im Abstand von zwei Stunden. Chang verstarb an einer Pneumonie, Engs Todesursache konnte nie genau geklärt werden.

Virchow hatte recht gehabt

Bei der Obduktion fand man im Verbindungsstrang einen fleischig knorpeligen Strang, entsprechend den unteren Teilen der beiden beweglich miteinander verbundenen Brustbeine, zwei verkalkte Arterien, zwei nicht miteinander kommunizierende Peritonealsäcke und ein Blutgefäß, das beide Lebern miteinander verband. Virchow hatte also recht gehabt. Auch mit den damals vorhandenen chirurgischen Möglichkeiten wäre eine Trennung möglich gewesen. Fast alle Arten von Doppelbildungen – Thoracopagus, verwachsen am Brustbein, Omphalopagus, am Bauch zusammengewachsen, Pyopagus, zusammengewachsen am Streiß und Craniopagus, am Kopf miteinander verwachsen – können sowohl als Feuchtpräparate als auch als Skelette im pathologisch-anatomischen Bundesmuseum studiert werden. Die relativ große Anzahl dieser „Monster“ im Narrenturm zeigt die große Bedeutung, die diese meist unerklärlichen Fehlbildungen früher in der Medizin hatten. Das Risiko der Geburt einer schweren Fehlbildung ist zumindest in unseren Breiten durch die heute routinemäßig durchgeführten Ultraschalluntersuchungen und die Möglichkeit des Schwangerschaftsabbruchs sehr gering. Obwohl siamesische Zwillinge sehr selten sind – die meisten werden tot geboren oder sind nicht lebensfähig – kommen in den USA jährlich rund 50 zur Welt, von denen aber nur etwa zehn längere Zeit überleben. Die chirurgische Trennung im Säuglingsalter ist, je nach Verwachsungsart und -grad, auch heute noch ein extrem aufwendiger Eingriff mit enorm hohem Risiko und erregt auch meist großes mediales Interesse.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 18/2007

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