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Untenrum getunt

Nach Brustvergrößerung, Faltenglättung an der Stirn und Fettabsaugung an den Schenkeln widmet sich die Schönheitschirurgie nun einem weiteren weiblichen Körperteil – dem Genitale. Glaubt man dem amerikanischen plastischen Chirurgen Dr. David Matlock, verleihen Schönheits-OPs am weiblichen Genitale Ausstrahlung, Glück und sexuelle Freuden. Auch in Österreich ist der Trend bereits angekommen.

„Vergessen Sie Botox, Brustvergrößerungen und Fettabsaugungen – das ist alles Schnee von gestern“, ätzte die Sexualmedizinerin Dr. Elia Bragagna anlässlich einer Pressekonferenz zum Thema Schönheitschirurgie in Wien: „Der neueste Trend heißt Vaginaverjüngung und -verschönerung.“ Dabei können Schamlippen verkleinert oder mit Eigenfett aufgepolstert, die Klitoris versetzt oder verkleinert und die Vagina verengt werden. Auslöser des Trends war der amerikanische plastische Chirurg Dr. David Matlock, der sich in Los Angeles genau damit einen Namen machte. Er sprang auf einen Zug auf, der schon lange durch die industrialisierte Welt rast: In den USA wurde 2005 zehn Millionen Mal aus kosmetisch-chirurgischen Gründen zum Skalpell gegriffen, in Österreich 40.000 Mal. Und die Zahlen steigen weiter an.
Für Prof. Dr. Hildegunde Piza, Vorstand der Universitätsklinik für plastische, ästhetische und rekonstruktive Chirurgie an der medizinischen Universität Innsbruck, ist der neue Trend „eine Tragödie. Damit wird reine Wunschmedizin betrieben.“ Sie ruft die Frauen dringend dazu auf, sich einen solchen Eingriff im Vorfeld sehr genau zu überlegen. „Es kann zu Komplikationen kommen, und die sind in diesem Gebiet eine Katastrophe.“

Schön und lustlos

Auch die plastische Chirurgin Prof. Dr. Maria Deutinger, Vorstandsmitglied der Österreichischen Gesellschaft für Plastische Chirurgie, steht Korrekturen im Genitalbereich sehr kritisch gegenüber: „Die Nachteile eines solchen Eingriffs überwiegen die Vorteile sicherlich“, so Deutinger. „Es kann zum Verlust des Hautempfindens, zu Narbenschmerzen und narbiger Verziehung der Urethraöffnung kommen, auch der Harnfluss kann beeinflusst werden.“

Gestörtes Körperbewusstsein und Mangel an Studien

Schmerzende Narben, durchtrennte Nerven und Gefäße können die feinen Strukturen zerstören, die zwar für das Lustempfinden der Frauen wichtig, in ihrer Bedeutung aber Frauen wie operierenden Ärzten häufig unbekannt sind: „Die Wissenschaft um die weibliche Sexualität ist in vielerlei Hinsicht Neuland und liegt im Vergleich zur männlichen Sexualität etwa 15 Jahre zurück“, konstatierte Sexualmedizinerin Bragagna.
Die Ursachen für den Boom in der Wunschmedizin, der jetzt auch das weibliche Genitale erfasst hat, ortet die Frauenbeauftragte der Stadt Wien Prof. Dr. Beate Wimmer-Puchinger in einem gestörten Körperbewusstsein, von dem eine erhebliche Anzahl Frauen betroffen sei: „Studien zufolge sind 90 Prozent aller Mädchen und 80 Prozent der erwachsenen Frauen mit ihrem Körper unzufrieden“, sagte Wimmer-Puchinger im Rahmen der Pressekonferenz.
„Bis zu 15 Prozent aller Frauen, die sich einer kosmetischen Operation unterziehen, leiden unter einer Body Dysmorphic Disorder, eine Störung, die sich durch eine verzerrte Wahrnehmung angeblicher Schönheitsfehler äußert“, so Wimmer-Puchinger weiter. Diese Störung endet auch nicht nach einem erfolgreichen Eingriff. Es existieren übrigens keinerlei wissenschaftliche Daten, die beweisen, dass Schönheitsoperationen an den Genitalien zu anhaltenden psychischen oder funktionellen Verbesserungen führen.

Das Gesetz von Angebot und Nachfrage

Die Intimchirurgie ist indes längst in Österreich angekommen: So bieten Gynäkologen, Chirurgen und Dermatologen auf ihren Websites die Möglichkeit zur Genitalverjüngung an, ein Trend, den auch die plastische Chirurgin Piza mit Sorge verfolgt: „Schließlich bringen solche Eingriffe nicht wenig Geld“, sagt sie in einem telefonischen Interview mit der Ärzte Woche: „Und ein Arzt wird das anbieten, wonach Nachfrage besteht, wenn die ärztliche Ethik für ihn keine Dimension darstellt.“
Fraglich bleibt, ob mit dem „Trend“ zur Genitalverjüngung nicht auch ein anderes Tor geöffnet wird, das durch den Gesetzgeber in Österreich eigentlich längst geschlossen sein sollte: die Genitalverstümmelung (FGM – Female Genitale Mutilation) nämlich, früher beschönigend auch „Frauenbeschneidung“ genannt. „Bei FGM besteht ein internationaler Konsens darüber, diese als schwere Körperverletzung zu betrachten und daher auch als solche vom Gesetz zu bestrafen“, erläuterte Wimmer-Puchinger. „Es bleibt die Frage, ob derartige Gesetze nicht auch für ,Intimkorrekturen‘, wie Schamlippenoperationen, Scheidenverkleinerungen und Ähnliches, in Betracht kommen könnten.“

Sabine Fisch, Ärzte Woche 43/2007

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