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Wenn neurologische Erkrankungen die Sexualität beeinflussen

Die Abklärung von Sexualstörungen kann in der gynäkologischen Praxis meist nur zum Teil erfolgen. Häufig liegen neurologische Erkrankungen zu Grunde.

Neben der Multiplen Sklerose (MS) können auch diabetische Neuro-pathien Libido- oder Orgasmusstörungen zur Folge haben.
Seelisch-psychische Gründe sind zwar häufig, dieser Diagnose sollte jedoch ein Ausschluss organischer Schäden vorausgehen. Die ÄRZTE WOCHE sprach mit Doz. Dr. Udo Zifko, niedergelassener Neurologe in Rudolfinerhaus, Wien, über Probleme im Sexualleben neurologischer Patientinnen.

Wie äußern sich Störungen der Sexualfunktion bei neurologischen Patientinnen?
Zifko: Zu Beginn steht häufig eine Anorgasmie der betroffenen Patientin: Frauen, die über eine lange Zeit normal orgasmusfähig waren, können nun mit dem gleichen Partner und unter den gleichen Umständen diesbezügliche Probleme haben. Bei bekannten neurologischen Krankheiten, wie MS oder Muskelerkrankungen, kann sich zunehmend eine negative Veränderung im Sexualleben bemerkbar machen. Diese reichen von Orgasmus- oder Libidostörungen bis hin zur Angst vor unwillkürlichem Harnabgang, der auch während des Sexualverkehrs auftreten kann. Sensibilitätsstörungen können zudem dazu führen, dass Berührungen, auch im Genitalbereich, als sehr schmerzhaft empfunden werden.

Wenden sich die Patientinnen explizit mit dieser Thematik an Sie?
Zifko: Dies ist von Fall zu Fall verschieden. Meist werden Frauen, die über Schmerzen beim Geschlechtsverkehr klagen, von ihrem Gynäkologen überwiesen, wenn dieser in seinem Fachgebiet keine pathologischen Befunde erheben konnte. Patientinnen mit chronischen neurologischen Krankheiten, die bei mir in Betreuung stehen, erwähnen diese Problematik oft von selbst. Ich spreche die Frauen jedoch auch direkt auf diese Thematik an.

Was sind die häufigsten neurologischen Ursachen für Störungen im Sexualbereich?
Zifko: Einen ganz großen Anteil nehmen sicherlich seelisch-psychische Ursachen ein. Allerdings darf diese Diagnose, vor allem ohne die Abklärung einer körperlichen Störung, nicht voreilig gestellt werden. Kann ein psychischer Grund jedoch bestätigt werden, so sind Psychiater und Psychotherapeuten nächste Ansprechpartner.
Ein weiteres großes Gebiet stellen von der Wirbelsäule kommende Irritationen dar: Bandscheibenprobleme oder Nervenwurzelläsionen rufen immer wieder auch Sexualstörungen hervor, gerade wenn der Plexus sacralis in Mitleidenschaft gezogen wurde. In vielen Fällen sind Operationen oder Verletzungen ursächlich, die eine verminderte Empfindungsfähigkeit in den Geschlechtsorganen zur Folge haben.
Im Rahmen der neurologischen Störungen spielen, neben der MS, Neuropathien eine große Rolle. Die diabetische Neuropathie gilt als eine der häufigsten Ursachen für Orgasmus- und Libidostörungen, wobei beim Typ-1-Diabetes der Mann viel häufiger betroffen ist als die Frau. Auch seltene neurologische Erkrankungen, wie das Sjögren-Syndrom oder eine isolierte autonome Neuropathie sollten in die Differentialdiagnose miteinbezogen werden.

Die Prognose hängt naturgemäß von der Grunderkrankung ab…
Zifko: In vielen Fällen lässt sich etwas machen. Man sollte daher den Patientinnen den Mut geben, den Arzt aufzusuchen, und auch die Kollegen dazu bewegen, Betroffene zum Neurologen oder Psychiater zu überweisen. Oft ist eine Störung der Sexualfunktion Ausdruck einer Depression. Hier hilft, neben medikamentösen Strategien mit Antidepressiva, auch eine Gesprächstherapie. Solche Patientinnen können wieder ein völlig normales Sexualleben entwickeln. Auch inkomplette Nervenläsionen erholen sich nach einiger Zeit, manchmal bleibt jedoch ein Restzustand.
Bei lokalen Nerveneinklemmungen, etwa postoperativ, ist die Chance allerdings sehr gering, erfolgreich zu intervenieren. Hier hilft es lediglich, rasch die entsprechende Diagnose zu stellen und den Patientinnen weitere diagnostische Leidenswege oder die Abschiebung in die psychische Ecke zu ersparen.
MS-Patientinnen kann man Verhaltensmaßnahmen, wie das Entleeren der Blase vor dem Geschlechtsverkehr, nahe legen. Bei dieser Erkrankung treten zudem gehäufte Zystitiden auf, sodass hier entsprechende Hygienemaßnahmen und Spülungen sinnvoll sind. Auch mit suprapubischem Blasenkatheter ist Sexualität möglich. Dies kann man den Frauen in den Beratungen vermitteln. Selbstverständlich gehören Gespräche zu Verhütung und Schwangerschaft ebenfalls dazu.

Warum sollte man bei der Zuweisung an den Neurologen denken?
Zifko: Es gibt Gynäkologen und Urologen, die dieser Thematik sehr offen gegenüberstehen und gerne mit den Neurologen zusammenarbeiten. Dieser kann eine zugrunde liegende neurologische Störung bestätigen oder ausschließen. Neurologische und neurophysiologische Methoden kommen hier zur Anwendung. Leider berichten Patientinnen wiederholt von unqualifizierten Aussagen einiger Kollegen, die über die Qualität der Paarbeziehung urteilen, bevor eine organische Ursache der Sexualstörung untersucht wurde. Eine solche Vorgehensweise verunsichert die Betroffenen und behindert den Weg zu möglichen Therapien. Zudem gibt es noch zu wenig gemeinsame Einrichtungen, wo die Patienten in eigenen Spezialambulanzen interdisziplinär betreut werden können.

Dr. Ronny Teutscher, Ärzte Woche

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