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Impfen gegen Krebs

Österreich hat als erstes europäisches Land die HPV-Vakzine in den offiziellen Impfplan übernommen. Was die Finanzierung betrifft, sind uns andere Staaten voraus. Während weltweit bereits in 11 Ländern jungen Mädchen die kostenlose Impfung ermöglicht wird, gibt es in Österreich noch keine Einigung über die Kostenübernahme.

In Europa treten jährlich 33.500, in Österreich etwa 500 neue Fälle von Zervixkarzinomen auf, ungefähr 15.000 Frauen sterben europaweit jedes Jahr an den Folgen, in Österreich werden 130 bis 180 Todesfälle jährlich registriert. Mehr als 70 Prozent der Zervixkarzinome werden durch die Typen 16 und 18 der humanen Papillomviren (HPV) verursacht. Die Typen 6 und 11 sind für mehr als 90 Prozent aller Genitalwarzen verantwortlich.
Von den mehr als 100 humanen Papillomvirenstämmen, die mittlerweile identifiziert werden konnten, infizieren 40 Typen beim Menschen die Schleimhaut im Genitalbereich. Die Übertragung erfolgt hauptsächlich durch Intimkontakte. Die humanen Papillomviren gelten als Hauptverursacher für prämaligne Veränderungen und Karzinome im Bereich des Gebärmutterhalses, des Penis, der Vulva und des Anus.
Zur Frühdiagnose werden im Rahmen der gynäkologischen Vorsorgeuntersuchungen ein Abstrich vom Gebärmutterhals mit einer Färbung nach Papanicolaou (PAP) und bei verdächtigem Befund histologische Untersuchungen nach Gewebsentnahmen durchgeführt.
Seit September 2006 kann nun in Österreich die HPV-Vakzine® (Sanofi Pasteur MSD) zur Vermeidung einer Infektion mit den Virusstämmen 6, 11, 16 und 18 verabreicht werden. Über das humane Papillomvirus und die Möglichkeit, sich durch eine Impfung effektiv vor HPV-assoziierten Erkrankungen zu schützen, sprach die ÄRZTE WOCHE mit Prof. Dr. Elmar Joura, Klinische Abteilung für Gynäkologie und Geburtshilfe, Univ.-Klinik für Frauenheilkunde Wien.

Welche Personen sollten vorrangig mit der HPV-Vakzine geimpft werden?
Joura: Hauptzielgruppen sind Mädchen und junge Frauen zwischen neun und 26 Jahren und Buben zwischen neun und 15 Jahren. Die Obergrenze ergibt sich aus der Zulassung, das liegt an der Studienlage. Allein für die Gruppe der jungen Frauen wurden 25.000 Probandinnen benötigt. Wegen der momentanen Beschränkung auf diese Altersgruppe glauben manche, der Impfstoff wäre ab 27 nicht mehr wirksam. Das stimmt natürlich nicht. Die Zulassung wird heuer ohnehin wahrscheinlich noch bis 45 Jahre erweitert werden. Allerdings gilt für die Impfung durchaus das Prinzip: je jünger, desto besser. Denn erstens reagiert das Immunsystem bei jungen Menschen besser und zweitens ist eine Prophylaxe dann am wirkungsvollsten, wenn noch keine Infektion erfolgt ist.

Macht es bei einer Prävalenz von etwa 30 Prozent HPV-positiver Frauen und mehr als 30 Prozent HPV-positiver Männer überhaupt einen Sinn, wenn ältere Frauen geimpft werden?
Joura: Durchaus, auch HPV-positive Personen profitieren von der Impfung, denn es wird durch eine Infektion keine Immunität aufgebaut, das heißt, man kann immer wieder von neuem infiziert werden. Je öfter solche Infektionen erfolgen, desto größer ist aber die Gefahr für Frauen, an einem Zervixkarzinom zu erkranken. Es ist daher auch nicht erforderlich, vor der Impfung einen HPV-Test zu machen.

Es wird primär von dem Risiko für Frauen bezüglich eines Gebärmutterhalskrebses gesprochen. Warum ist es dann notwendig, auch Buben zu impfen, so wie es im Österreichischen Impfplan vorgesehen ist?
Joura: Männer haben häufiger Genitalwarzen als Frauen, sogenannte Kondylome. Sind Männer mit dem onkogenen Stamm HPV-16 infiziert, erhöht sich das Risiko für die Partnerin, an einem Zervixkarzinom zu erkranken, um den Faktor zehn. Dies entspricht dem gleichen Faktor, um den das Risiko für Zigarettenraucher, an einem Bronchuskarzinom zu erkranken, erhöht ist. Männer erleiden zwar seltener HPV-assoziierte Karzinome, aber natürlich haben auch sie ein höheres Risiko, im Laufe ihres Lebens an Krebs zu erkranken, als nicht-infizierte Personen.

Welche HPV-assoziierten Karzinome treten bei Männern am häufigsten auf?
Joura: Allein in den USA erkranken pro Jahr 10.000 Männer an durch HPV verursachten Karzinomen. Die meisten im Hals- und Rachenraum, bei 3.000 Männern ist der Genitalbereich betroffen.

Gibt es Kontraindikationen für die HPV-Impfung? Wer sollte keine Vakzine erhalten?
Joura: Während einer Schwangerschaft sollte nicht geimpft werden. Wurden aber bereits Impfungen vorgenommen, kann der Impf­zyklus nach der Geburt des Kindes fortgesetzt werden. Von den 25.000 Frauen, die an der ersten Studie zur HPV-Impfung teilgenommen haben, sind ein paar hundert schwanger geworden. Es gab keinerlei Hinweise auf Missbildungen oder Erkrankungen. Damit stellt die Impfung auch absolut keine Indikation für einen Schwangerschaftsabbruch dar, sollte die Frau die Vakzine zu einem Zeitpunkt erhalten haben, zu dem sie noch nichts von der Schwangerschaft wusste.

Sollten immunsupprimierte Personen geimpft werden?
Joura: Zu dieser Frage liegen noch keine konkreten Daten vor. Es wird aber befürchtet, dass das Immunsystem zu wenige Antikörper bilden könnte, um wirkungsvoll gegen eine Infektion geschützt zu sein.

Sind bei den bisher geimpften Personen Nebenwirkungen aufgetreten?
Joura: Mittlerweile sind weltweit viele 100.000 Personen geimpft worden, ohne dass nennenswerte Nebenwirkungen aufgetreten wären. Es kann natürlich zu leichten lokalen Symptomen oder leichtem Fieber kommen.

Wie effektiv ist die Impfung bezüglich eines Schutzes vor einem HPV-assoziierten Karzinom?
Joura: Die Impfung schützt vor den Stämmen 6, 11, 16 und 18. Das Risiko, an einem Zervix-Karzinom zu erkranken, ist um etwa 70 Prozent verringert, die Entstehung von Genitalwarzen kann zu 90 Prozent verhindert werden. Es gibt auch erste Hinweise auf eine Kreuz­immunität mit den Stämmen 45 und 31, die genetisch mit 16 und 18 verwandt sind.

Wie lange hält der Impfschutz an?
Joura: Bisher liegen Daten über einen fünf Jahre dauernden Schutz vor. Es wird aber angenommen, dass der Schutz länger hält, eventuell sogar lebenslang. Es ist aber trotzdem notwendig, dass Frauen jedes Jahr einen PAP-Abstrich vornehmen lassen

Welche Erwartungen bezüglich einer Verringerung der Neuerkrankungen an HPV-assoziierten Karzinomen werden in den Impfstoff gesetzt?
Joura: Langfristig werden 70 bis 80 Prozent der Karzinome, die durch HP-Viren verursacht werden, zurückgehen. Zunächst wird sich relativ rasch der Erfolg bei den auffälligen Abstrichen der Krebsvorstufen abzeichnen, aber bis letztlich auch die Neuerkrankungen an invasiven Karzinomen seltener werden, dauert es natürlich länger. Am meisten profitieren die Kinder, die jetzt geimpft werden.

Es sind drei Impfungen erforderlich, jede Einzelimpfung kostet in Österreich 155 Euro. Ist damit für die meisten Eltern nicht eine zu hohe Hürde gesetzt, um ihre Kinder tatsächlich impfen zu lassen?
Joura: In Österreich wurde zwar die erste HPV-Impfung Europas durchgeführt und wir waren auch das erste Land, das diese Vakzine im Impfplan verankert hat, aber bezüglich der Finanzierung nehmen wir leider keine Vorreiterrolle ein. Italien und Griechenland führen die Impfung bereits für alle 12-Jährigen kostenlos durch, in Deutschland übernehmen manche Krankenkassen die Kosten. Es ist zu hoffen, dass auch hierzulande alle gefährdeten Personen von dieser wichtigen Vorsorge profitieren können – unabhängig vom Familieneinkommen.

 Impfplan für Frauen

Dr. Maria Schöndorfer, Ärzte Woche 20/2001

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