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Das Alter messbar machen

Um das biologische Alter und eventuelle Gesundheitsgefahren festzustellen, sind keine aufwändigen Tests notwendig. Die Patienten 30-mal ein Stockerl rauf und runter steigen oder Liegestütz machen zu lassen, ist auch in der Hausarztpraxis möglich und gibt schon mal gute Hinweise auf den kardiovaskulären Zustand.

„Lang leben will halt alles, aber alt werden will kein Mensch“, konstatierte Johann Nestroy vor mehr als 150 Jahren. Dass der Wunsch bestand und besteht, das Leben bis zum Schluss in geistiger und körperlicher Beweglichkeit zu erleben, versteht sich von selbst. Aber auch heute bedeutet die immer weiter in die Höhe geschraubte Lebenserwartung nicht zwangsläufig, gesund zu altern. Reparaturmaßnahmen kommen da oft zu spät, es gilt, mit Prävention den Verfall aufzuhalten, wenngleich am Ende immer der Tod steht.

High-Tech nicht notwendig

Es braucht keine High-Tech-Geräte, um festzustellen, dass ein Mensch keine zwanzig mehr ist. Gang, Habitus, Körperschema verraten das – abgesehen von den viel zitierten, in letzter Zeit immer öfter geglätteten Falten. Auch wie fest einer zupackt, wenn er etwas ergreift, lässt sein Alter erkennen. Dergleichen Merkmale, die mit der Zahl der Jahre immer ausgeprägter werden, müssen jedoch nicht mit dem tatsächlichen Alter übereinstimmen. Beim einen kommen sie früher, beim anderen später, vieles ist ausschlaggebend dafür, wie schnell die individuelle biologische Uhr tickt: die genetische Ausstattung, die Lebensweise und einzelne biochemische Parameter.
So hat eine amerikanische Wissenschaftsgruppe die Bilder von Frauen einigen Probanden vorgelegt, die das Alter der Abgebildeten schätzen mussten. Gleichzeitig wurde der Östradiolspiegel der Frauen gemessen. Es zeigte sich, dass die Hormonwerte umso höher waren, je geringer das Alter eingeschätzt wurde – und umgekehrt.
Um altersbedingte Faktoren, die das Risiko für bestimmte Krankheiten erhöhen, so früh wie möglich aufzuspüren, braucht es gewisse messbare Parameter. Etliche davon hat der Gynäkologe Prof. Dr. Alfred Wolf vom Institut Menfit für Präventionsmedizin in Ulm zusammengestellt und auf dem ersten europäischen Kongress für Anti-Aging-Medizin Mitte Oktober in Wien präsentiert.
Wie sehr die Alterung mit einem Verlust der Vitalität und damit der Gesundheit einhergeht, weiß man auch aus der Nachbeobachtung der Folgen der Atombombenabwürfe von Hiroshima und Nagasaki. Denn durch die Strahlung wurden Altersprozesse der Zellen quasi beschleunigt.

Nachlassen der Vitalität

Grundsätzlich könne davon ausgegangen werden, so Wolf, dass die Vitalität eines Organs oder Organkomplexes die funktionale Kapazität beschreibt und in einer gewissen Kurve verläuft. Von der Geburt bis zu einem Maximum zwischen dem 18. und 25. Lebensjahr steigen die biologischen, biochemischen und physischen Funktionen rasch an, um dann nach und nach abzunehmen (siehe Grafik).
Für einen gewissen Zeitraum können Defizite noch ausgeglichen werden, doch irgendwann einmal machen sie sich bemerkbar: als deutliche Funktionsverringerung oder als Krankheit. Nach diesem Muster verlaufen etwa die Hautdichte und -elastizität, Lungenfunktion und Knochendichte, maximale Sauerstoffaufnahmekapazität und der Hormonspiegel.
Einer der Parameter, die Wolf zur Feststellung des biologischen Alters und damit des Risikos für gewisse Krankheiten empfiehlt, ist beispielsweise der Körperbau. Es gibt genug wissenschaftliche Daten darüber, die untermauern, dass die Gefahr einer kardiovaskulären Erkrankung mit der Menge des viszeralen Bauchfetts zunimmt. Bei einem Bauchumfang von mehr als 102 Zentimetern bei Männern und 88 Zentimetern bei Frauen sei das Risiko für metabolische Komplikationen deutlich erhöht.
Ein anderer Marker ist die maximale Sauerstoffaufnahmefähigkeit. Mit Hilfe der Ergospirometrie ermittelt, ist „VO2-max der bedeutendste Indikator der kardiorespiratorischen Fitness“, so Wolf. Komplizierte Geräte seien zur Messung gar nicht notwendig, „es reicht ein einfaches Stockerl; man lässt die Patienten 30-mal auf- und absteigen“. Liege der Wert unter 20 ml/kg/min, so sei das ein deutlicher Hinweis auf eine kardiovaskuläre Gefährdung.

In Netzwerken denken

Ebenso zur Altersbestimmung gehöre ein Hormonstatus, mit dem die Östradiol- bzw. Testosteronwerte gemessen werden, die Feststellung der Muskelkraft, ermittelt durch Sit-ups und Liegestützen in der Zeiteinheit, sowie die Beurteilung der visuellen und akustischen Reaktionszeit und der Gedächtnisleistung.
Für die Praxis hat Wolf ein seiner Aussage nach einfaches Testpaket in Form eines Computerprogramms zusammengestellt. Insgesamt möchte der Ulmer Gynäkologe und Anti-Aging-Mediziner die Ärztekollegen einladen, „mehr in Netzwerken zu denken“ und bei der Beurteilung der altersbedingten Gesundheitsrisiken den ganzen Menschen zu sehen und nicht bloß einige Faktoren.

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