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Gespaltenes Babygewebe verhindern

Ausgewogene Ernährung garantiert die ausreichende Aufnahme von Folsäure. Ein Punkt, der in Europa anscheinend nicht erfüllt wird, da große Teile der Bevölkerung an einem Mangel des Vitamins leiden. Besonders bitter zeigt sich die Unterversorgung bei Schwangeren, die mit einem erhöhten Risiko für Neuralrohrdefekte und Spaltungen im Gesichtschädel ihres Neugeborenen rechnen müssen.

Mehrere Tonnen Spinatblätter waren notwendig, ehe es 1941 einer Gruppe um Esmond Snell gelang, erstmals das Vitamin B9 zu isolieren. Ein Umstand, das den Namen des lichtempfindlichen Vitamins in Hinkunft prägen sollte: Nämlich Folsäure, vom lateinischen Wort „folium“ für Blatt. Folate können in tierischen und pflanzlichen Lebensmitteln vorkommen, insbesondere im grünen Blattgemüse. Des Weiteren sollte sich der Folsäurehungrige an Zitrusfrüchte, Vollkorngetreide sowie Weizenkeime und Eigelb halten. Auch in Fisch und Fleisch finden sich geringe Mengen, wobei sich die Folate tierischer Herkunft vor allem in der Leber ansammeln. Da das Vitamin sauerstoff- und hitzeempfindlich und gut wasserlöslich ist, sollte es nicht zu lange gekocht, gewässert oder gelagert werden. Vielleicht ist gerade diese Empfindlichkeit ein Grund für die häufige Folsäure-Unterversorgung in der europäischen Bevölkerung, obwohl eine ausgewogene, abwechslungsreiche Ernährung den normalen Bedarf decken kann. Ein guter Grund für das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR), jüngst 25 europäische Fachleute zu einem Expertentreffen einzuladen. Dort wurde über den Folsäurestatus in Europa und etwaige Interventionsmöglichkeiten diskutiert.

Was kann die Folsäure

Folsäure ist an Zellteilungs- und Wachstumsprozessen (Synthese von Nukleinsäuren, Aminosäuremetabolismus) an vorderster Linie beteiligt, weshalb sich ein Mangel vor allem dann äußert, wenn Prozesse mit hohem Zellumsatz ab-laufen. Allgemeine Symptome eines chronischen Mangels sind etwa Energie- und Antriebslosigkeit, megaloblastische Anämie, Ver-dauungsstörungen sowie Entzündungen auf Schleimhäuten. Die ausreichende Folsäureversorgung sollte vor allem bei Schwangeren gewährleistet werden. Ein Mangel kann insbesondere im ersten Monat zum fehlerhaften Verschluss des Neuralrohrs und zu Entwicklungsstörungen des zentralen Nervensystems führen. Um Neuralrohrdefekte (NRD; „spina bifida“) zu verhindern, werden derzeit Vorschläge geprüft, die Folsäureversorgung von Frauen im gebärfähigen Alter auf ein höheres Niveau zu bringen. In einigen Staaten, in denen das Mehl mit Folsäure angereichert wird, kann ein deutlicher NRD-Rückgang verzeichnet werden. In den USA und in Kanada wurde die Anreicherung sogar gesetzlich vorgeschrieben. Als erstes europäisches Land wird Irland diese Vorgangsweise ebenfalls bald durchsetzen.

Deutlicher Substitutionseffekt

Inwiefern eine Substitution die Zahl der NRD senkt, kann nur grob geschätzt werden. Die vom BfR eingeladenen Experten spekulieren mit einer Reduktionsrate zwischen 20 und 40 Prozent, was eine Nahrungsergänzung von zumindest 600 µg Folsäure pro Tag bei Frauen im gebärfähigen Alter durchaus rechtfertigen könnte. Aber nicht allein eine NRD-Prävention macht eine Folat-Substi-tution empfehlenswert. Laut einer aktuellen Fall-Kontroll-Studie könnte auch die Inzidenz von Spaltenbildungen im Gesichtsschädel gesenkt werden (BMJ; 2007: doi: 10.1136/bmj.39079.618287.0B). 573 Mütter von Kindern mit dieser Missbildung wurden hinsichtlich ihrer Ernährung während der Schwangerschaft nebst einer gesunden Kontrollgruppe befragt. Die Autoren erkannten, dass bei täglicher Folatsupplementierung von wenigstens 400 µg das Risiko einer Spaltbildung um rund 40 Prozent gesenkt wird. Ein ähnlicher Effekt, eine Risikosenkung um 25 Prozent, wird laut Studie durch den gezielten Verzehr von folathaltigen Nahrungsmitteln erreicht. Erkenntnisse wie diese leisten den Befürwortern einer Nahrungsanreicherung Vorschub. Tatsächlich gibt es bereits in einigen EU-Ländern zahlreiche Lebensmittel dieser Art. Ein Trend, der weiter zunehmen wird; spätestens dann, wenn die europäische Anreicherungsverordnung und die Verordnung über Nährwert- und gesundheitsbezogene Werbeaussagen abgesegnet und „functional food“ deutlicher angepriesen werden darf. Aber nicht alle sind über diese Entwicklung glücklich. So bestehen Bedenken, dass statt einer gewünschten gleichförmigen Versorgung der Bevölkerung eine Überversorgung besonders motivierter Bevölkerungsgruppen einsetzt. Befürchtungen, dass eine übermäßige Substitution Krebswachstum beschleunigt, konnten allerdings bislang nie belegt werden. Trotzdem überdeckt zuviel Folsäure die neurologischen Veränderungen eines Vitamin-B12-Mangels. Davon betroffen wären vor allem Ältere, die das Vitamin B12 nur ungenügend aus der Nahrung resorbieren. Eine Sorge, die laut Fachkreisen nur in Extremfällen, also bei einer täglichen Aufnahme von mehr als 1.000 µg synthetischer Folsäure berechtigt wäre.

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Raoul Mazhar, Ärzte Woche 11/2007

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