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Immer noch aktuell: Weiblichkeitsstereotypen

Egal ob Beruhigungsmittel, Neuroleptika oder Antidepressiva: Frauen werden immer noch die meisten Psychopharmaka verschrieben. Geschlechtsstereotypen spielen dabei eine wichtige Rolle, sowohl auf Seiten der MedizinerInnen als auch auf Seiten der PatientInnen.

Das weibliche Geschlecht ist ein signifikanter Prädiktor für die Verordnung von Psychopharmaka. Es wurde bereits in mehreren Studien bestätigt, dass ein geschlechtsspezifisches Muster bei Psychopharmakaverschreibungen existiert. So werden in Österreich rund zwei Drittel aller Tranquilizer Frauen verordnet. Auch Antidepressiva und Antipsychotika werden Frauen deutlich häufiger verschrieben als Männern. Im Interview mit der ÄRZTE WOCHE erläutert Prof. Dr. Karin Gutierrez-Lobos, Klin. Abt. für Sozialpsychiatrie und Evaluationsforschung, Univ.-Klinik für Psychiatrie am AKH Wien, zugrunde liegenden Mechanismen dieser Verschreibungspraxis und zeigt auf, warum Geschlechtssensibilität nicht das Gleiche ist wie Geschlechtsstereotypen.

Worauf führen Sie die geschlechtsspezifische Verordnung von Psychopharmaka zurück?
Gutierrez-Lobos: Verschreibungsmuster können nicht unabhängig von gesellschaftlichen Gegebenheiten gesehen werden. Traditionelle Weiblichkeitsstereotype, wie sie auch in der Gesellschaft immer noch vorhanden sind, haben Einfluss auf Verschreibungsmuster, ebenso wie geschlechtsspezifische Einstellungen zu Gesundheit, Krankheit und Behandlung.

Zeigen Psychopharmaka bei Frauen und Männern unterschiedliche Wirkungen?
Gutierrez-Lobos: Die Pharmakokinetik einer Substanz hängt von einer Vielzahl von Variablen ab. Dazu gehört die gastrointestinale Absorption des Medikaments ebenso wie die Verteilung der Substanz im Organismus. Frauen haben mehr Körperfett und eine zu Männern unterschiedliche Plasmaproteinbindungskapazität. Dazu variiert auch die Enzymaktivität zwischen den Geschlechtern.
Die Pharmakodynamik wird signifikant durch die Ionenkanäle beeinflusst, deren Aktivität teilweise durch die Geschlechtshormone reguliert wird. Abgesehen vom Hormonhaushalt, spielt auch der Stoffwechsel eine essenzielle Rolle: Viele Medikamente werden von Frauen rascher abgebaut. Die weibliche Leber enthält größere Mengen des Enzyms CYP3A4, das für den Abbau von mehr als der Hälfte aller Medikamente verantwortlich ist. Fettlösliche Substanzen wirken bei Frauen stärker, wasserlösliche schwächer.

Können Sie einige Beispiele für unterschiedliche Wirkungsweisen nennen?
Gutierrez-Lobos: Benzodiazepine werden vom weiblichen Körper langsamer ausgeschieden, was das Abhängigkeitsrisiko erhöht. Lithium, zur Therapie der bipolaren Störung, reichert sich im Blut von Frauen stärker an. Das führt häufiger zu einem Auftreten von unerwünschten Nebenwirkungen wie etwa Zittern. Und während Männer auf die Behandlung von Depressionen mit trizyklischen Antidepressiva besser ansprechen, helfen Frauen eher selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer.

Warum werden Frauen so viel häufiger Psychopharmaka verordnet als Männern?
Gutierrez-Lobos: Die überproportionale Verordnung von Psychopharmaka an Frauen steht nicht in Zusammenhang mit der geschlechtsspezifischen Verteilung der Prävalenzzahlen für die entsprechenden psychiatrischen Diagnosen. Es wird vermutet, dass es sich dabei aber oft nicht um die Behandlung von wirklichen Erkrankungshäufigkeiten aus dem Bereich psychischer Störungen handelt, sondern vielmehr um die diagnostische Zuschreibung geschlechtsstereotyper Annahmen handeln könnte. Außerdem könnte es sein, dass nicht in allen Fällen das Vollbild einer psychischen Störung vorliegt, sonder nur einzelne Symptome.

Welche Vorgehensweise schlagen Sie für eine geschlechtssensible Psychopharmakaverordnung vor?
Gutierrez-Lobos: Von ExpertInnen der Frauengesundheit und ForscherInnen wird schon seit langem kritisiert, dass Frauen systematisch von klinischen Untersuchungen zur Medikamentenwirkung ausgeschlossen werden. Das hat zu einem Wissensmangel über die wirksame Behandlung von Frauen und über unter Umständen lebensbedrohliche Nebenwirkungen geführt. Frauen werden mittlerweile zwar vermehrt in klinische Studien miteinbezogen, es erfolgt jedoch teilweise noch immer keine systematische Untersuchung hinsichtlich möglicher Geschlechtsunterschiede.
Geschlechterstereotype beeinflussen auch die Darstellung und Wahrnehmung von Symptomen sowohl bei PatientInnen als auch bei MedizinerInnen. Männer und Frauen haben aber ein unterschiedliches Verständnis von Gesundheit und Krankheit. Das sollten MedizinerInnen in ihrer Diagnostik und Therapie immer mit bedenken.

Sabine Fisch, Ärzte Woche 45/2006

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