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Manus ferrei und Perforationstrepan (Narrenturm 74)

Nach Auflösung der I. und II. Universitäts-Frauenklinik in Wien am 3. September 1993 und deren Übersiedelung ins neue AKH mussten nicht nur Gemälde, Plastiken und tausende wertvolle Bücher der beiden Kliniken sicher aufbewahrt werden. Auch für die bis dahin etwas vernachlässigte Sammlung geburtshilflicher Instrumente galt es, einen besseren Platz zu finden. Hier bot sich wieder einmal das pathologisch-anatomische Bundesmuseum im Narrenturm an.

Jahrzehntelang befand sich die Sammlung geburtshilflicher Instrumente – „ungeordnet, ungepflegt und sich selbst überlassen“, wie es der Gynäkologe Prof. Dr. Anton Schaller in seiner hervorragenden, großzügig illustrierten Monographie über die alten Instrumente der ehemaligen Universitäts-Frauenkliniken in Wien ausdrückt – in einer Vitrine im Hörsaalbereich der II. Wiener Frauenklinik.
Ernst Wertheim hielt hier von 1910 bis 1920 seine Vorlesungen, und die Klinik selbst hieß allgemein die Wertheim-Klinik. Deshalb wurde die Vitrine, in der die Sammlung „schlecht und recht museal“ ausgestellt war, selbst von historisch interessieren Besuchern zumeist kaum beachtet. Der Begründer der Sammlung war mit hoher Wahrscheinlichkeit Carl Braun Ritter von Fernwald (1823–1891). Der Vorstand der „Geburtshilflichen Klinik“ in Wien von 1856 bis 1891 hatte ein besonderes Interesse an geburtshilflichen Instrumenten und Instrumentenkunde. Er selbst erfand und modifizierte eine Reihe von Werkzeugen. Untrennbar ist sein Name mit der so genannten „Wiener Schulzange“ verbunden, von der es natürlich einige in der Sammlung gibt.
Da der Kaiserschnitt bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts für die Mutter oft tödlich endete, stand für gefährliche Komplikationen lange Zeit nur die Geburtszange zur Verfügung. Solche Zangen sollen bereits in der Antike bekannt gewesen sein, wie man aus den Funden in Pompeji zu wissen glaubt. Verwendet wurden sie damals allerdings nur zum Entwickeln toter Kinder.

 Instrumente

Von oben nach unten: Perforations-Kephalothrypter nach Albert Döderlein, Embryo­tomie-Guillotine nach Dr. Demeter Théodorides, Perforationstrepan nach Guyon. Zerstückelungsinstrumente haben im 20. Jahrhundert weitgehend ihre Bedeutung verloren und werden in der modernen Geburtshilfe nicht mehr verwendet. In Ländern der Dritten Welt – wenn der Fötus bei der Entbindung abstirbt und keine geburtshilfliche Klinik in der Nähe ist – kann man aber auch heute noch nicht völlig auf diese Instrumente verzichten.

Foto: Regal/Nanut

Drei Stunden Qual

Der Erste, der lebende Kinder mit einer Zange auf die Welt holte, war der Engländer Peter Chamberlen der Ältere (1560–1631). Über Generationen bewahrte die Geburtshelferfamilie Chamberlen das Geheimnis ihrer Geburtszange. Als ein Enkel Chamberlens 1670 Zange und Geheimnis in Paris für teures Geld verkaufen wollte und sein Instrument an einer seit drei Tagen ohne Erfolg Kreissenden vorführen sollte, scheiterte er kläglich. Nach drei Stunden Qual starben Frau und Kind. Die Obduktion ergab, dass der Uterus an mehreren Stellen förmlich zerrissen war. Hugh Chamberlen verließ Paris fluchtartig. Das Familiengeheimnis „nahm er mit ins Grab“.

 Geburtszangen

Von links nach rechts: Zange nach Chamberlen, Zange nach Palfyn (Manus ferrei), Zange nach Osiander, Zange nach Boër, Wiener Schulzange.

Foto: Regal/Nanut

Werkzeuge in der Kammer

Dass man heute eine Nachbildung dieser Zange im Narrenturm besichtigen kann, liegt daran, dass 1818 nach dem Tod des letzten Chamberlen im alten Wohnsitz der Familie eine vermauerte geheime Kammer gefunden wurde. In ihr befanden sich die bis dahin geheimen Instrumente. Auch die von Johannes Palfyn erfundene Geburtszange, seine „Manus ferrei“, die er 1723 in der Pariser Akademie der Wissenschaften öffentlich vorstellte, kann im Narrenturm studiert werden. Eindrucksvoll ist der optische Vergleich zwischen der Zange des Wiener Geburtshelfers und Anhängers der sanften, natürlichen Geburt – Forcepsrate 0,39 Prozent – Lukas Boër (1751–1835) und dem Göttinger „Entbindungskünstler“ Benjamin Osiander (1759–1822), der auf seine Forcepsrate von 40 Prozent stolz war.
Neben den vielfältigen, oft verbesserten Zangenmodellen – Ende des 19. Jahrhunderts gab es bereits an die 300 verschiedene Konstruktionen – besitzt die Wiener Sammlung auch Instrumente zur Beckenmessung, zur Inspektion des Fruchtwassers und historische Apparate zur Tokometrie und -graphie sowie zahlreiche so genannte Zerstückelungsinstrumente. Verwendet wurden sie bei extremen Schädelbeckenmissverhältnissen und Querlagen, wenn eine Wendung nicht gelang.
Die nicht nur für Geburtshelfer eindruckvolle Sammlung wird heute wieder in ihrer „angestammten“ Vitrine aus der ehemaligen II. Universitäts-Frauenklinik präsentiert – im pathologisch-anatomischen Bundesmuseum im Narrenturm, wo die Direktorin Dr. Beatrix Patzak heimatlos gewordenen Sammlungen aus dem In- und Ausland nicht nur Unterschlupf bietet, sondern auch die notwendige Pflege und zumeist auch museale Aufstellung angedeihen lässt.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 44/2006

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