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Papillomviren geht es nun an den Kapsid-Kragen

Die HPV-Infektion ist die häufigste Geschlechtskrankheit. Aus persistierenden HPV-Infektionen kann sich Gebärmutterhalskrebs entwickeln. Impfstoffe sollen diesen Prozess nun durchbrechen.

Einige DNS-Viren haben die Eigenschaft, lebenslang persistierende Infektionen hervorzurufen, in deren Gefolge maligne Zellveränderungen entstehen können. Zu diesen Viren gehört das humane Papillomvirus (HPV), welches das Risiko für Gebärmutterhalskrebs erhöht. „Die Wissenschaft konnte bereits mehr als 100 Vertreter der Papillomviren identifizieren, 40 davon stellen für den Menschen eine große Gefahr dar“, erklärte Prof. Dr. Ingomar Mutz, Vorstand der Abteilung für Kinder und Jugendliche, LKH Leoben, und Vorsitzender des Impfausschusses des obersten Sanitätsrates, anlässlich der Loipersdorfer Praxisgespräche im Oktober: „Sorgen bereiten uns vor allem die Papillomvirustypen 6, 11, 16 und 18, die hauptsächlich durch intime Kontakte übertragen werden. Noch immer herrscht allerdings die Meinung vor, dass eine Übertragung ausschließlich über sexuelle Handlungen erfolgt. Das ist falsch!“ So können sich auch während der Geburt Säuglinge infizieren und an Papillomatose der Atemwege erkranken. In den USA werden pro Jahr 3.000 Fälle bei Jugendlichen diagnostiziert, davon versterben etwa drei Prozent. „Dies ist ein unheimlich schwierig zu behandelndes Leiden“, erläuterte Mutz, „da sich die Herde von Larynxpapillomen ausgehend bis in die Lunge ausbreiten.“

Virus setzt Onkoproteine frei

Vorherrschender Übertragungsweg bleibt der Geschlechtsverkehr. Gelangt das Virus zur undifferenzierten Basalzellschicht in den Übergangszonen von Zervix und Anus, beginnt der Reproduktionszyklus. Dabei entstehen die Genprodukte E6 (Onkoprotein) und E7, welche die Expression von Tumorsuppressorgenen unterdrücken und daher eine Schlüsselrolle bei der Tumorentstehung einnehmen.

Männer haben die Schuld, Frauen das Virus

Speziell die Virusstämme 16 und 18 bergen ein hohes Risiko. Immerhin verursachen sie als so genannte „onkogene Typen“ rund 70 Prozent der Zervixkarzinome. Die Stämme 6 und 11 sind zwar weniger karzinogen, allerdings mit 90 Prozent aller Kondylome assoziiert. Im Laufe ihres Lebens werden 75 Prozent aller Frauen mit dem HPV angesteckt. Mutz: „Jeder neue Sexualpartner erhöht die Gefahr. Nicht umsonst wird gesagt, dass Männer die Schuldigen sind und Frauen die Opfer.“ Im Rahmen dieser Problematik zeigt sich interessanterweise ein Vorteil der Beschneidung, da die Prävalenz bei beschnittenen Männern deutlich niedriger liegt (5,5 versus 19,6 Prozent), was vermutlich an der dickeren Penis-Epithelschicht liegt. Andererseits sind besonders homosexuelle Männer gefährdet, da passivem Analverkehr ein hohes Infektionsrisiko inne wohnt. So entwickeln 35 von 100.000 homosexuellen Männern ein Analkarzinom. Aufgrund des Infektionsweges sei die Inzidenz in jenen Gegenden am imposantesten, in denen eine hohe sexuelle Promiskuität vorherrscht und gleichzeitig eine überdurchschnittliche Quote an entzündlichen Genitalerkrankungen den Eintritt der Erreger erleichtert.
Die Häufigkeit von Feigwarzen ist in Österreich wegen der fehlenden Meldepflicht schwer abzuschätzen. Allerdings verwies Mutz auf die Verkaufszahlen von relevanten Therapeutika. Insgesamt wurden 2005 von Condylox® rund 8.200 Dosen verkauft und von Aldara® 7.500: „Dies führt uns das Ausmaß des Problems vor Augen“, schlussfolgerte Mutz. Darüber hinaus sei die Therapie mühsam, da sich bei drei Viertel der Betroffenen die Warzen binnen sechs Monaten erneut einfinden. Das ernstere Problem bleibt freilich das vervielfachte Krebsrisiko. Auch hier sprechen die Daten eine deutliche Sprache: Allein in Europa treten jährlich 33.500 neue Fälle von Gebärmutterhalskrebs auf. Fast die alleinige Verantwortung für den zweithäufigsten Krebs bei europäischen Frauen zwischen 15 und 44 Jahren tragen die HP-Viren. In der nüchternen Sprache der Statistik heißt das, dass alle 35 Minuten eine Frau in Europa an ein Zervixkarzinom verstirbt.
Seit einer Publikation im Lancet (2004; 364: 1757-1765) gibt es allerdings einen wegweisenden Lichtschimmer am dunklen Horizont: Eine Impfung gegen die Virusstämme 16 und 18 mit mehr als 1.000 Frauen erzielte einen fulminanten Erfolg und erzielte bei guter Verträglichkeit eine Wirksamkeit gegen Neuinfektionen zu 91,6 Prozent und gegen persistierende Infektionen an die 100 Prozent.
Der Organismus bildet nach der Impfung, bestehend aus Virus-Kapsiden, hundertfach mehr Antikörper als nach natürlichem Viruskontakt. Trotzdem müsse man bei aller Euphorie berücksichtigen, dass die Langzeiteffekte auf die Zervixkarzinom-Inzidenz noch offen seien, schränkte Mutz ein. Zudem ist die Dauer der Schutzwirkung noch unbekannt. Über die Wirksamkeit der Vakzination bei Frauen, die infiziert sind oder bereits eine Infektion durchgemacht haben, lässt sich derzeit keine Aussage treffen.
Bislang wurden zwei Impfstoffe entwickelt (siehe Kasten 1). Als Zielgruppen der präventiven Impfung werden Mädchen vor Eintritt in das sexuell aktive Alter sowie junge Frauen während ihrer sexuell aktiven Zeit definiert. Mutz unterstützt Überlegungen, auch Knaben zu impfen, da sie als Überträger fungieren. Obendrein sei ein direkter Nutzen durch die Verhinderung der Kondylome auch bei Männern zu erwarten. Die Möglichkeiten der Impfung lassen Raum für viel Hoffnung, allerdings warnte Mutz davor andere Krebsvorsorgemaßnahmen nun schleifen zu lassen: „Die derzeit verfügbaren Impfstoffe decken nur die zwei wichtigsten krebserregenden HPV-Typen ab, obwohl eine Kreuzreaktion gegen andere häufige Stämme gegeben ist.“

 Kasten 1: Impfstoffe gegen humane Papillomviren

 Kasten 2: Papillomviren

Raoul Mazhar, Ärzte Woche 44/2006

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