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Risikoarme Hormonersatztherapie

Orale Östrogene und synthetische Gestagene zu verabreichen ist aus Sicht einiger Hormonexperten nicht mehr zeitgemäß.

„Fast jede Zelle unseres Körpers benötigt Östrogen“, so Doz. Dr. Alexander Römmler, Hormonzentrum München, auf dem Kongress „Menopause – Andropause – Anti-Aging“ in Wien. Allerdings ist die Gabe von Östrogenen zur Behandlung menopausebedingter Störungen bekanntlich nicht unproblematisch.

Kein natürlicher Ersatz

Römmler: „Die orale Applikation des Östrogens stellt – im Unterschied zur transdermalen Verabreichung – keinen natürlichen Hormonersatz, sondern eine hochdosierte pharmakologische Behandlung dar. Hinzu kommen zahlreiche negative Effekte des hepatischen First-Pass-Effektes.“ Eine orale Gabe führe unter anderem zu unphysiologisch hohen Östrogenspiegeln und einem unausgewogenen Verhältnis Östron/Östradiol, zu einer Bildung präkanzerogener Substanzen, einer Zunahme der Mammadichte, einem Anstieg des Angiotensinogens und des C-reaktiven Proteins, thrombosefördernden Veränderungen bei Gerinnungsparametern und zu einer Zunahme der Triglyzeride. „Eine orale Östrogengabe erhöht daher das Risiko für thromboembolische Ereignisse wie tiefe Beinvenenthrombose, Lungenembolie und Schlaganfall“, so Römmler. Bei transdermaler Darreichung sei das Risiko deutlich geringer, wie eine französische Multicenter-Studie ergab (Scarabin et al., Lancet 2003). Die Zugabe von natürlichem Progesteron führe zu keiner Risikosteigerung, was bei synthetischen Gestagenen teilweise der Fall sei. Darüber hinaus sinke unter einer oralen Östrogensubstitution IGF-1 (Insulin-like Growth Factor) ab, was schlecht für die „Body composition“ sei (Zunahme der Körperfettmasse, Abnahme der Muskelmasse). „Bei transdermaler Gabe gibt es dieses Problem nicht“, so Römmler. Viel diskutiert wurde in den letzten Jahren auch die Erhöhung des Brustkrebsrisikos durch eine Hormonersatztherapie (HRT). So berechneten etwa Bakken et al. für Norwegen, dass ein beträchtlicher Prozentsatz der Brustkrebsfälle auf eine HRT zurückzuführen sei. In einer amerikanischen Studie (Peck et al. 2002) wurde der Einfluss der Steroidhormon-Spiegel in der Schwangerschaft auf das Risiko, im späteren Leben Brustkrebs zu entwickeln, untersucht. Höhere Östron-Spiegel während der Gravidität waren dabei mit einer Zunahme des Krebsrisikos assoziiert, während Progesteron eher eine schützende Wirkung hatte. „Denkbar ist“, so Römmel, „dass Progesteron die östrogenbedingte Zellproliferation inhibiert und so eine Schutzwirkung entfaltet. Hingegen erhöhen synthetische Gestagene das Krebsrisiko.“ Interessante Ergebnisse lieferte auch die Auswertung der französischen E3N-EPIC-Kohorte, die im April 2005 im International Journal of Cancer publiziert wurde. Fournier et al. fanden bei über 54.000 postmenopausalen Frauen unter einer HRT während eines Follow-up von im Schnitt 5,8 Jahren 948 Brustkrebsfälle. Die Anwendungsdauer der HRT betrug dabei im Mittel 2,8 Jahre. Östrogene allein erhöhten das Brustkrebsrisiko nur leicht (relatives Risiko im Vergleich zu keiner HRT: 1,1, 95%-Konfidenzintervall 0,8-1,6), in Kombination mit Gestagenen betrug das relative Risiko 1,3. „Es fand sich ein signifikanter Unterschied zwischen einer HRT mit synthetischen Progestinen und einer mit natürlichem Progesteron“, berichteten die Autoren. Während die Kombination von Östrogenen mit synthetischen Gestagenen ein um rund 40 Prozent erhöhtes Risiko ergab, führte eine Östrogen-Applikation in Kombination mit natürlichem mikronisiertem Progesteron zu keiner Zunahme des Mammakarzinom-Risikos. „In Kombination mit synthetischen Progestinen kann selbst eine kurzfristige Einnahme von Östrogenen das Brustkrebsrisiko erhöhen“, betonten die Wissenschafter.

Gabe über längeren Zeitraum

Wie Römmler sagte, erhöhe Tibolon ebenfalls das Mammakarzinom-Risiko. Dies habe die Million Women Study oder die Danish Nurse Study ergeben. Der Hormon-Spezialist empfiehlt daher für die HRT transdermales Östrogen sowie natürliches mikronisiertes Progesteron. „Ich denke, dass bei natürlichen Substanzen eine Gabe auch über einen längeren Zeitraum möglich ist“, meinte Römmler. Im Rahmen des Kongresses wurden natürlich auch die Effekte von Progesteron auf andere Organe (wie das ZNS) beleuchtet. So wies etwa Prof. Dr. Johannes C. Huber von der Wiener Universitätsklinik für Frauenheilkunde in einem Vortrag darauf hin, dass Progesteron sich positiv auf den Schlaf auswirkt. „Interessant erscheint mir auch, dass sich in der Prostata viele Progesteron-Rezeptoren finden“, sagte der Experte.

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