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Der doch nicht so kleine Unterschied

Ob Herz oder Hirn, Magen oder Knochen: Die Forschung der letzten 15 Jahre hat erstaunliche Unterschiede zwischen Männern und Frauen aufgezeigt. Beim ersten International Gender Symposium der Wiener Medizinuniversität Ende Mai unterstrichen die Referenten, dass geschlechtsspezifische Medizin nicht Frauengesundheit heißt und auch nichts mit Feminismus zu tun hat.

„Was wir brauchen, ist eine echte Gender-Medizin, die auf die Besonderheiten beider Geschlechter Rücksicht nimmt“, sagte Prof. Dr. Gerald Maurer, Vorstand der Klinischen Abteilung für Kardiologie am Wiener AKH, beim ersten Internationalen Symposium über Gender-Medizin der Wiener Medizinischen Universität Ende Mai. Ursprünglich, so Maurer, habe sich die medizinische Forschung praktisch ausschließlich mit Männern beschäftigt und daraus oftmals für Frauen problematische Schlussfolgerungen abgeleitet. Dann konzentrierte sich die Frauenmedizin auf die Benachteiligungen von Frauen in Forschung, Diagnostik und Therapie: „Heute wissen wir aufgrund neuer Daten, dass die isolierte Betrachtung eines Geschlechts den komplexen Zusammenhängen nicht gerecht werden kann.“

Unterschiedliche Anfälligkeit

Auch Prof. Dr. Marianne Legato vom New Yorker Columbia University College of Physicians and Surgeons betonte, dass „Gender Medicine nicht gleichbedeutend mit Frauengesundheit ist und auch streng von Feminismus getrennt werden muss”. Die Forschungsergebnisse der letzten 15 Jahre zeigen laut Legato, dass es teilweise überraschende Unterschiede in den verschiedenen Organsystemen von Mann und Frau gibt. Am Anfang waren es vor allem Daten aus der Kardiologie, die der Bewegung Auftrieb gaben. So treten etwa koronare Herzerkrankungen bei Frauen erst rund zehn Jahre später auf als bei Männern – und dann auch mit zum Teil anderen Symptomen. Doch dafür gebe es laut Maurer bereits eine zunehmende Sensibilisierung von Seiten der Kardiologen: „Das Risiko von Patientinnen liegt zwar noch immer im möglichen Nichterkennen einer koronaren Symptomatik durch den Erstuntersucher. Nach der Diagnosestellung erfolgt allerdings die invasive Therapie heute genauso oft wie bei Männern.” Inzwischen ist man der unterschiedlichen Anfälligkeit für diverse Erkrankungen auf der Spur. Legato: „Es gilt, die Vorstellungen und Konzepte von Krankheit, die größtenteils auf dem männlichen Organismus beruhen, zu revidieren. Denn unser Wissen ist, was Männer betrifft, unvollständig; und was Frauen angeht, so gut wie nicht existent.” Bekannt ist bisher, dass sich etwa die tägliche Anpassung des Knochenmetabolismus ebenso unterscheidet wie der Zeitpunkt der höchsten Knochendichte. Aus der Sportmedizin wusste man bereits, dass sich Frauen öfter Knieverletzungen zuziehen als Männer. Untersuchungen an Rückkehrern aus dem Irak-Krieg haben nun gezeigt, dass weibliche Soldaten beim Sprung aus dem Hubschrauber öfter Stressfrakturen erlitten als ihre männlichen Kameraden. Was das Gehirn betrifft, so ist die unterschiedliche Anatomie und vor allem die geringere Größe des Frauenhirns seit jeher Anlass für allerlei Witzchen, wenngleich heute niemand mehr ernsthaft verminderte intellektuelle Fähigkeiten damit in Zusammenhang bringen wird. Tatsächlich haben Untersuchungen ergeben, dass Stress sich bei Frauen anders auswirkt als bei Männern. Nach emotionalen Belastungen bleibt der weibliche Cortisolspiegel für längere Zeit erhöht. „Möglicherweise ein Grund dafür, warum Frauen am Morgen nach einem abendlichen Ehekrach immer noch sauer sind und das Thema noch einmal aufwärmen wollen”, so Legato. Ein wesentlicher Ansatz der geschlechtsspezifischen Forschung gilt der Reaktion auf Medikamente. So ist etwa bei Frauen der Verdauungsvorgang insgesamt langsamer, Arzneimittel bleiben also länger im Magen, und nicht nur das, auch die Metabolisierung ist anders.

Andere Metabolisierung

Ein klassisches Beispiel dafür sei Aspirin, das bei Frauen nur das Auftreten eines Schlaganfalls positiv beeinflusse, erklärte Prof. Dr. Jeanette Strametz-Juranek von der Medizinischen Universität Wien. Bei Männern wirke Aspirin hingegen vorbeugend gegen Herzinfarkte. Das Problem sei jedoch laut Legato, Frauen vermehrt in klinische Medikamentenstudien aufzunehmen: „Es kann zu dramatischen rechtlichen, moralischen und wirtschaftlichen Konsequenzen kommen, wenn eine Probandin im Anschluss an eine Studie ein Kind mit einer Behinderung zur Welt bringt.“ Jedenfalls, so Legato abschließend, „wir lernen im Zuge unserer Forschungen mehr über die Pathophysiologie der Krankheiten – bei Männern und bei Frauen.Die Erkenntnisse sollten der Behandlung von Patienten zugute kommen.“

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