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Allgemeinmedizin 7. Juni 2006

Liebe braucht auch Verantwortung

Zwar ist im Überschwang der Gefühle nicht immer alles plan- und berechenbar. Doch fundiertere Kenntnisse über die Möglichkeiten, eine ungewollte Schwangerschaft zu vermeiden, könnten dazu beitragen, die Abtreibungszahlen zu senken.

35 Jahre ist es her, seit Alice Schwarzer die Aktion „Wir haben abgetrieben“ initiierte, in der sich Frauen erstmals öffentlich dazu bekannten, eine Schwangerschaft abgebrochen zu haben. Doch das Thema Abtreibung ist immer noch ein Tabu. Wie viele tatsächlich in Österreich vorgenommen werden, darüber gibt es keine verlässlichen Statistiken. „An die 40.000 pro Jahr“, hat Elke Graf, Geschäftsleiterin des prowoman-Ambulatoriums in Wien hochgerechnet. Bei jährlich rund 78.000 Geburten würde das bedeuten, dass jedes dritte Baby abgetrieben wird. Und so will das Institut, das bis vor kurzem unter dem Namen Ambulatorium am Fleischmarkt bekannt war und bald nach der Einführung der Fristenlösung gegründet wurde, mit der neuen Bezeichnung gleich auch neue Schwerpunkte setzen: Prävention statt Krisenmanagement. Das bedeutet: „Wir wollen uns intensiver als bisher vor allem für Aufklärung und Bewusstseinsbildung in Sachen Empfängnisverhütung engagieren.“

Umfrage mit Nachwirkung

Anlass dafür war eine Umfrage des Instituts, die vor kurzem bei einer Pressekonferenz präsentiert wurde. Von den 300 Befragten (86 Prozent Frauen) waren 82 Prozent wegen eines Schwangerschaftsabbruchs ins Ambulatorium gekommen, 15 Prozent für eine Sterilisation. Was die Altersstruktur anlangt, so waren 23 Prozent zwischen 18 und 24 Jahre alt und rund zwei Drittel zwischen 25 und 45. Nach ihren Verhütungsmethoden befragt, gaben 46 Prozent der Frauen, die zu einem Schwangerschaftsabbruch kamen, an, verhütet zu haben, 45 Prozent davon mit Kondom, ein Drittel mit der Pille. Die Gründe dafür, gar keine Vorsorge getroffen zu haben, sieht Graf als „teilweise erschreckend“ an: Mehr als ein Drittel der Frauen meinten, sie hätten nicht gedacht, schwanger zu werden, 22 Prozent hatten nicht geplant, Sex zu haben, und immerhin jede siebente behauptete, Verhütungsmittel nicht zu vertragen. „Jede zweite Schwangerschaft tritt ungeplant und daher überraschend ein“, weiß Prof. Dr. Beate Wimmer-Puchinger, Wiener Frauengesundheitsbeauftragte, aus eigenen Studien. Schon den prinzipiellen Kinderwunsch zeichne eine gewisse Psychodynamik aus. „Es ist ein Mythos“, mahnte die Psychologin, „dass jede Frau sofort auf Wolke sieben schwebt, wenn sie erfährt, dass sie ein Kind erwartet.“ Vielmehr bedeute Schwangerschaft zuerst einmal so gut wie immer eine so genannte normative Krise, zumal es gerade beim ersten Kind keinerlei Vorbereitung gebe, keine Erfahrung, dafür aber das Bewusstsein eines grundlegenden Rollenwechsels. Ob sich eine Frau schließlich dafür entscheidet, das Kind zu bekommen oder nicht, hängt von vielerlei Faktoren ab: von der Qualität der Beziehung, dem Einkommen, dem Alter und der Zahl der bereits vorhandenen Kinder. Und der Entschluss zu einem Abbruch, so eines der Ergebnisse einer von Wimmer-Puchinger im Jahr 2001 durchgeführten Studie, „ist für jede Frau eine schwierige, verantwortungsvolle Entscheidung“. Internationale Zahlen zeigen laut Wimmer-Puchinger einen gewissen Trend. So wird in Holland laut Aufzeichnungen des US-amerikanischen Alan Guttmacher Institute nur jede zehnte Schwangerschaft künstlich beendet. Die Wiener Frauengesundheitsbeauftragte führt das auf die in den Niederlanden seit langem durchgeführte vorbildliche sexualpädagogische Erziehung zurück. Zu der gehört auch eine Aufklärung über die verschiedenen Möglichkeiten der Verhütung. „Hormonelle Verhütungsmittel sind nicht immer die erste Wahl“, betonte Dr. Wolfgang Grin, Oberarzt an der Abteilung für Gynäkologie und Geburtshilfe der Krankenanstalt Rudolfstiftung. Die Nebenwirkungen seien zwar insgesamt gering, doch etwa bei Raucherinnen sei die jahrelange Hormongabe eine zusätzliche Belastung. Bei abgeschlossenem Kinderwunsch käme etwa auch eine Tubensterilisation bei der Frau bzw. eine Vasektomie beim Mann in Frage, Eingriffe, die – in Zeiten von Lebensabschnittspartnern – zu einem heute schon hohen Prozentsatz auch wieder rückgängig gemacht werden können.

Interaktive Aufklärung

„Die Frauen müssen, was Verhütung anlangt, den Männern ein Stück entgegengehen“, so Wimmer-Puchinger. Denn wie sich in Umfragen gezeigt hat, sind vor allem junge Männer in puncto Empfängnis und Schwangerschaft ziemlich ahnungslos. Das soll sich, vorerst in Wien, ab dem nächsten Schuljahr ändern. Mit Unterstützung des Wiener Programms für Frauengesundheit startet der Stadtschulrat sexualpädagogische Workshops in den Schulen der Bundeshauptstadt. Diesmal zwar ohne den Sexkoffer der 80er Jahre, dafür aber computergestützt „interaktiv“.

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