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Gestationsdiabetes nimmt zu

In Mitteleuropa liegt die Inzidenz für Gestationsdiabetes (GDM) bei steigender Tendenz zwischen fünf und sieben Prozent. Patientinnen mit dieser Erkrankung tragen ein erhöhtes Risiko für Harnwegsinfekte, schwangerschaftsinduzierte Hypertonie und Präeklampsie/Eklampsie. Aber auch das Kind ist gefährdet. Im Rahmen der Jahrestagung der Österreichischen Diabetes Gesellschaft wurden Diagnose und Therapie der Erkrankung vorgestellt und diskutiert.

Gestationsdiabetes (GDM) ist als eine in der Schwangerschaft erstmals auftretende oder diagnostizierte Glukosetoleranzstörung definiert. Sie tritt üblicherweise in der zweiten Schwangerschaftshälfte auf und kann mild verlaufen, jedoch ebenso mit einer erheblichen Hyperglykämie und hohem Insulinbedarf in der Gravidität verbunden sein. Die diabetogene Stoffwechsellage wird dabei durch eine genetische Prädisposition für Diabetes mellitus Typ 2 und hormonelle Umstellung im zweiten Trimenon bedingt. Beide Faktoren führen zu einer Reduktion der Insulinsensitivität auf 30 bis 50 Prozent sowie zu einer vermehrten hepatischen Glykogenproduktion.

Gefahr für Mutter und Kind

Das Vorliegen eines Gestationsdiabetes führt zu einem erhöhten Risiko für die Entwicklung von Harnwegsinfekten, es kommt eher zu Hypertonie, Präeklampsie und Eklampsie. Die Entbindung erfolgt häufiger via Sectio cesarea oder vaginal-operativ. Unbehandelt führen erhöhte Blutglukosewerte und postprandiale Blutzuckerspitzen der Mutter zu einem fetalen Hyperinsulinismus. Dieser ist mit einer höheren Rate an Makrosomien und damit assoziierten Geburtskomplikationen, neonataler Hypoglykämie, Hypokalzämie, Polyglobulie, Hyperbilirubinämie, Atemnotsyndrom und Anpassungsstörungen verbunden. Mehrere Studien deuten weiters auf ein höheres Risiko für Frühgeburten hin. Unbehandelt kann schwerer GDM sogar zu intrauterinem Fruchttod führen. 28 Prozent der pränatalen Todesfälle haben einen unerkannten GDM zur Ursache.

Aufnahme in Mutter-Kind-Pass noch in diesem Jahr?

Die Diagnostik der Erkrankung erfolgt in der Regel in der 24. bis 28. Schwangerschaftswoche durch einen oralen Glukosetoleranztest (oGTT) mit 75g Glukose. Derzeit ist dieser Test noch nicht im Mutter-Kind-Pass vorgeschrieben. Eine Aufnahme dieser Untersuchung könnte allerdings, nach positiven Rückmeldungen von Gesundheitsministerin Maria Rauch-Kallat, noch in diesem Jahr erfolgen. Liegt ein hohes Risiko (Tabelle 1) vor, sollte die Untersuchung bereits im ersten Trimenon erfolgen. „Wird ein dementsprechender Blutglukosewert im kapillären Vollblut oder venösen Plasma erreicht oder überschritten, liegt ein GDM vor“, erläuterte Prof. Dr. Alexandra Kautzky-Willer von der Klinischen Abteilung für Endokrinologie und Stoffwechsel an der Medizinischen Universität Wien (Tabelle 2). „Diese Patientinnen sind nach der Diagnosestellung umgehend an eine ambulante diabetologische und geburtshilfliche Schwerpunkteinrichtung mit der Möglichkeit einer neonatalen Intensivüberwachung zu überweisen“, hielt Kautzky-Willer weiter fest.

Individuelle Therapie

Zur GDM-Behandlung erhält jede Patientin einen nach ihrem Gewicht und dem Ausmaß ihrer körperlichen Aktivität gestalteten Diätplan und erlernt die Blutglukoseselbstmessung. Die Diät enthält bei Normalgewicht etwa 24 bis 30 kcal/kg (40 bis 50 Prozent Kohlenhydrate, 30 bis 40 Prozent Fette, 15 bis 20 Prozent Proteine), aufgeteilt auf fünf bis sechs Mahlzeiten pro Tag. Dazu kommen regelmäßige Blutglukosemessungen zur Erstellung eines Blutglukoseprofils. „Die Patientinnen sollten mindestens vier Messungen durchführen“, empfahl Kautzky-Willer: „Dazu gehört die Nüchternblutzuckermessung, eine oder zwei Stunden postprandial, bei Insulintherapie muss zusätzlich abends und bei Unsicherheit gemessen werden.“ Werden die Grenzwerte überschritten, muss eine Therapie mit humanem Insulin eingeleitet werden. Insulin ist derzeit das einzige in Österreich zugelassene Blutglukose senkende Therapeutikum. „Die strikte Stoffwechselführung ist bis zur Entbindung und während der Geburt notwendig, um neonatale Hypoglykämien und Anpassungsstörungen zu vermindern“, sagte Kautzky-Willer.

Intensive Überwachung

Nach der Diagnosestellung sollte die Patientin während der Schwangerschaft intensiv überwacht und in ein- bis dreiwöchigen Abständen kontrolliert werden. Es empfiehlt sich zudem, die Geburt möglichst zeitnah zum errechneten Geburtstermin stattfinden zu lassen und eine Überschreitung des Termins wenn möglich zu vermeiden. Beim Neugeborenen muss eine, drei und zwölf Stunden post partum eine Blutzuckerbestimmung durchgeführt werden. Acht Wochen nach der Geburt gehört die Glukosetoleranz der Mutter erneut gemessen. Dabei sollte die Mutter über das erhöhte Risiko für die Entwicklung eines Typ-2-Diabetes und die Notwendigkeit von Präventionsmaßnahmen informiert und später alle zwei Jahre zu einem oGTT eingeladen werden.

Sabine Fisch, Ärzte Woche 17/2006

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