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Gene und Seele im Einklang

Ein zentrales Thema beim Kongress „Menopause–Andropause–Anti-Aging 2005“, der Ende letzten Jahres in Wien stattfand, waren neue molekularbiologische Perspektiven. Prof. DDr. Johannes Huber, Leiter der Abteilung für Gynäkologie, Endokrinologie und Sterilitätsbehandlung der Univ.-Klinik für Frauenheilkunde, Wien, spannte einen gedanklichen Bogen von genetischem Polymorphismus und Präventivmedizin über Spiritualität hin zu „successful aging“.

An der Individualisierung der Medizin führt kein Weg mehr vorbei, betonte Prof. DDr. Johannes Huber anlässlich des Menopause-Kongresses 2005 (Ärzte Woche Nr. 48, 1. Dezember 2005). Diesmal sprach die ÄRZTE WOCHE mit dem international anerkannten Experten über konkrete Einsatzmöglichkeiten neuer Erkenntnisse in Gendiagnostik und –therapie, über seelische Einflüsse auf die Gesundheit sowie präventivmedizinische Ansätze, um Grundlagen zu schaffen, das Leben bis ins hohe Alter aktiv und sinnvoll zu gestalten.

Welche Bedeutung besitzen die Polymorphismen im Rahmen von Genetik und Epigenetik?

Huber: Die Polymorphismus-Diagnostik ist die Frucht einer Koalition zwischen der medizinischen Molekularbiologie und der Datenverarbeitung und Computerwissenschaft. Dadurch ist es möglich geworden, diese über 30.000 Gene nicht nur zu identifizieren, sondern die kleinen Unterschiede in den Genen zu erkennen und gewissen Erkrankungen zuzuordnen. Man muss sich diese Polymorphismen so wie die Nase vorstellen. Es gibt nur eine menschliche Nase, diese aber dafür in vielen Ausformungen. Jedes Gen ist für ein Protein spezifisch, kann jedoch wie die Nase in unterschiedlichen kleinen Variationen vorkommen. Und diese kleinen Variationen sind manchmal mit bestimmten Erkrankungsanfälligkeiten verbunden. Diese Wissenschaft boomt sehr stark und beginnt momentan große prospektive Studien wie die Nurse Health Study auszuwerten. Die Daten erlauben uns, zwischen diesen besonderen individuellen Genotypen und Erkrankungsanfälligkeiten Verbindungen herzustellen. Bei Frauen mit einem Polymorphismus der Gerinnungsfaktoren II und V ist die Wahrscheinlichkeit einer Thrombose unter einer Hormonersatztherapie 15-mal höher. Eine deutlich erhöhte Thromboseneigung besteht bei diesen Risikopatientinnen auch, wenn sie die „Pille“ einnehmen. Von der Nurse Health Study weiß man, dass der Androgenrezeptor-Polymorphismus, vor allem wenn in der Familie schon eine Erkrankung an einem Mammakarzinom bestand, mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit verbunden ist, ebenfalls einen Brustkrebs zu bekommen. Einen ähnlichen Polymorphismus – evaluiert durch die Nurse Health Studie –- gibt es für die Gene des Vitamin D- und des Progesteron-Rezeptors. Außerdem gibt es die Möglichkeit, durch die Polymorphismen vorherzusagen, wie schnell Medikamente abgebaut werden. Das ist zum Beispiel für die Verabreichung von Psychopharmaka und Blutverdünnungsmitteln von großer Bedeutung. In dieser neuen Wissenschaft steckt das Potenzial, die medizinische Landschaft in weiten Bereichen zu verändern.

Welchen Einfluss besitzen „Psyche und Spiritualität“ auf unsere Gesundheit und Genesung?

Huber: Dass die Seele einen Einfluss auf den Körper hat, ist schon lange bekannt. Jetzt sieht man beispielsweise zunehmend auch einen Zusammenhang zwischen Psyche und Knochen. Man hätte es früher nie für möglich gehalten, dass so ein hartes Organ wie der Knochen von der Seele abhängig ist und Neurotransmitter, die für die Seele mitverantwortlich sind, auch den Knochen verändern können. Anlass zu dem Thema war eine große Untersuchung von Kardiologen in Amerika, die gezeigt hat, dass die Prognose von Menschen bei Herzoperationen besser ist, wenn für sie gebetet wird. In die Mantra-Studie des Duke University Medical Center in North Carolina wurden insgesamt 750 Patienten aufgenommen. Die bemerkenswerte Aussage der Studie war, dass Patienten, für die gebetet wurde, nach Herzoperationen eine bessere Überlebenswahrscheinlichkeit hatten. Diese Schlussfolgerung möchte ich, da ich kein Kardiologe bin, nicht bewerten. Aber Faktum ist, dass der Spiritualität und der inneren Verfassung des Menschen eine zunehmend größere Bedeutung für die Gesundheit des Körpers zukommt. Hier muss der Mediziner Toleranz zeigen und auch unabhängig von den Angeboten der Schulmedizin verstehen, dass es unter Umständen auch andere Behandlungsoptionen gibt. Zwischen Himmel und Erde gibt es viele Dinge, welche die Medizin nicht erkennt, und trotzdem sind sie existent. Der goldene Weg zu naturwissenschaftlichen Erkenntnissen sind prospektive, randomisierte Untersuchungen.

Wie lässt sich das Schlagwort „Successful Aging“ erfolgreich mit Leben füllen?

Huber: Das ist deswegen ein großes Thema, weil es in den G7-Staaten ab dem Jahr 2010 zu einer explosionsartigen Zunahme der über 85-Jährigen kommen wird und man alles tun muss, damit die gewonnenen Lebensjahre mit Gesundheit und Lebensqualität erfüllt werden. Das heißt, es sollten zum Beispiel kardiale Komplikationen oder Osteoporose vermieden werden. Mit Hilfe der Präventivmedizin – insbesondere auch mittels genetischer Diagnostik – sollten die Komplikationen des Alterns verhindert oder zumindest hinausgeschoben werden. Übergewicht ist dabei der größte das Leben verkürzende Faktor. Demgegenüber führt Kalorienrestriktion nachweislich zu einer Lebensverlängerung. Auch durch spezielle Untersuchungen, wie Magnetresonanztomographie oder Sonographie, lassen sich Risikoentwicklungen feststellen, zum Beispiel Gehirnatrophie oder atheromatöse Plaques. Es wird also nicht gewartet, bis das Alterungsproblem da ist, sondern versucht Risikokonstellationen zu erkennen und diese dann im Vorfeld schon zu modifizieren.

Dr. Wolfgang Steflitsch, Ärzte Woche 9/2005

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