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Phytohormone auf dem Prüfstand

Daidzein, Formononetin, Genistein, Biochanin A oder Equol sind nur einige Vertreter einer heterogenen Wirkstoffgruppe: Phytoöstrogene werden in vielen Ländern bereits breit angewendet. Bislang sind keine erhöhten Nebenwirkungs- und Malignitätsraten gemeldet worden. Doch halten die Bioprodukte, was sie versprechen?

„Die Bindungstasche der Östrogenrezeptoren ist um einiges größer als für 17-beta-Östradiol notwendig. Dadurch können zahlreiche Substanzen an den Rezeptoren binden. Ein östrogener Effekt wird erreicht, wenn die Bindung des Liganden auch zu einer Aktivierung des Rezeptors führt“, erklärte Prof. Dr. Alois Jungbauer vom Department Biotechnologie der Universität für Bodenkultur Wien (Boku) beim Kongress „Menopause – Andropause – Anti-Aging 2005“. An der Boku widmet sich Jungbauers Forschungsgruppe östrogen aktiven Molekülen pflanzlichen Ursprungs und ihren Metaboliten: „Phytoöstrogene können auch an Androgen- und Progesteronrezeptoren binden. Die resultierenden Wirkungen sind in der Regel nicht sehr stark, aber vielfältig. Neben Bindungen an Steroidrezeptoren im Zellkern sind auch Einflüsse auf membranständige Signalwege, wie die Stickstoffmonoxid (NO) Synthese möglich.“ Über die Hemmung des Enzyms Aromatase haben einige Phytoöstrogene auch anti-östrogene Effekte. Die Aromatase wandelt Testosteron im Bindegewebe in Östrogene um.

Nicht jede Frau kann Equol bilden

Aufgenommene Isoflavone werden im Körper vielfältig verändert. Ein Beispiel dafür ist die Dekonjugation des inaktiven Genistins zum östrogen wirksamen Genistein. Phytoöstrogene werden wie humane Steroidhormone in der Leber glucuroniert und über die Niere und den Darm ausgeschieden. „Ein wichtiger Mechanismus ist die Bildung von Equol aus Formononetin durch die Darmflora. Diese Reaktion findet nur bei etwa einem Drittel bis der Hälfte aller Frauen statt. Die Fähigkeit zur Equolbildung ist für die Frau vorteilhaft“, sagte Jungbauer: „Da Tiere im Gegensatz zum Menschen gute Equolbildner sind, gelten tierische Produkte, vor allem Käse, als wichtige Quellen dieses Isoflavons.“ Lieferanten pflanzlicher Östrogene sind neben Trifolium prataensae, dem Rotklee, vor allem die Sojabohne und der Hopfen. Die einzelnen Isoflavone kommen in den verschiedenen Pflanzen in unterschiedlicher Konzentration vor. „Das ist besonders wichtig, weil viele Phytoöstrogene durch bevorzugte Bindung am beta-­Östrogenrezeptor auffallen. Die beta-Rezeptoren kommen bevorzugt in Zellen von Herz, Gefäßen und im Gastrointestinaltrakt vor und könnten die günstigen Effekte der Isoflavone für diese Organe erklären. Demgegenüber dominieren in der Brust und Gebärmutter die alfa-Östrogenrezeptoren“, fügte Jungbauer hinzu.

20.000 Gene mit Rotklee-Extrakten getestet

Dr. Georg Steiner, Univ.-Klinik für Urologie, Medizinische Universität Wien, untersucht den Einfluss isoflavonhaltiger Präparate auf molekularer Ebene: „In Ländern mit verbreiteter Anwendung von Rotkleeprodukten sind keine erhöhten Neoplasieraten beschrieben. Im Gegenteil, manche Tumoren kommen dort seltener vor. Mit Hilfe modernster Genom-Chips sind wir der Frage, ob Phytoöstrogene die Genomaktivität von Epithelzellen der Brustdrüse verändern, nachgegangen. Die größte Herausforderung war dabei die Entwicklung eines aussagekräftigen Testsystems. Alle bisherigen Forschungen basierten auf Untersuchungen an hochmalignen Tumorzelllinien.“ Die Wiener Forscher überprüften Veränderungen an 20.000 definierten Genen von primären Mammaepithelzellen (MF11RCE) unter dem Einfluss pflanzlicher Östrogene. Um ein möglichst wirklichkeitsnahes Modell zu schaffen, wurden Seren von Patientinnen, die 12 Stunden zuvor Rotkleeprodukte aufgenommen hatten, gepoolt und über den Zellkulturen inkubiert. Steiner: „Diese Zellen reagieren ganz anders als sonst in der Kultur verwendete Tumorzellen. Wir konnten unter dem Einfluss der Isoflavone die Induktion verschiedener Apoptosegene und zahlreiche Down-Regulationen beobachten. Vor allem die Expression von VEGF, ein für die Gefäßversorgung von Tumoren wichtiger Faktor, war nach der Rotklee-Einnahme verringert.“

Ergänzung und Alternative zur HRT

Eine aktuelle Wiener Studie untersuchte randomisiert und prospektiv 103 Patientinnen (Altersschnitt 54,5 Jahre) mit menopausalen Beschwerden unter Therapie mit 80 mg eines Rotklee Präparates gegenüber Placebo. „Bei den eingebundenen Frauen wurden dabei regelmäßig eine Vaginalzytologie, die Endometriumdicke, verschiedene Depressions-Scores und der Kupperman Score zur Beurteilung der menopausalen Symptomatik erhoben. Daneben wurden die Serumspiegel der Steroidhormone und der Gonadotropine LH und FSH überwacht“, sagte Prof. Dr. Martin Imhof, Abteilung für Endokrinologie und Fertilitätsbehandlung, Univ.-Klinik für Gynäkologie Wien. Die Studie wurde im gleichen Design auch bei 60 Frauen in Ecuador durchgeführt. Die Wiener Patientinnen zeigten eine signifikante Verbesserung der Stimmungsschwankungen und der Konzentrationsfähigkeit in der Rotklee-Gruppe. „Die Depressionssymptomatik besserte sich sowohl in der Verum- als auch in der Placebogruppe“, fügte Imhof hinzu und ergänzte: „Während es zu einem 22-prozentigen Anstieg der Testosteronspiegel kam, blieben Östradiol und die Gonadotropine unverändert. Bei der Endometriumdicke konnte eine signifikante Verringerung beobachtet werden.“ Bei den Frauen in Ecuador besserten sich ebenfalls die menopausalen Symptome. Im Gegensatz zur Wiener Population konnte in Südamerika auch eine Verminderung der Triglyceride und des LDL Cholesterins verzeichnet werden, demgegenüber wurde keine Veränderung des Testosterons festgestellt. Imhof definierte klare Ziele für eine weitere Erforschung der pflanzlichen Östrogene: „Künftige klinische Studien werden die optimale Standardisierung der Präparate, aber auch individuelle Faktoren wie die Ernährungsgewohnheiten der Teilnehmerinnen stärker fokussieren müssen. Die individuelle Resorption und der Stoffwechsel müssen im Stu­diendesign berücksichtigt werden. Dennoch erscheint die Behandlung mit pflanzlichen Wirkstoffen schon heute als wertvolle Ergänzung und möglicherweise schon bald als Alternative zur etablierten HRT.“

Dr. Alexander Lindemeier, Ärzte Woche 9/2005

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