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Sterben unsere Alten gesund?

Hochbetagte sterben nicht allein an Altersschwäche. Die Todesursachen sind jedoch in und außerhalb von Institutionen unterschiedlich.

Weltweit sind schätzungsweise 180.000 Menschen =100 Jahre alt, 2050 sollen es drei Millionen sein. In Österreich gab es 1950 nur vier über 100-Jährige, inzwischen sind es mehr als 400 (Bevölkerungs-Vorausschätzung 2001 bis 2050. Statistik Austria 2006). Verlässliche pathologisch-anatomische Daten sind nur spärlich verfügbar (Kohn et al., JAMA. 1982; 247:2793–2797. Poli et al., Gerontology. 1993; 39:55–63. Bendkowski et al., J Am Geriatr Soc. 1973;21: 405–408). In einer Untersuchung von über 24.000 Obduktionen, die von 1993 bis 2002 am Department für Gerichtliche Medizin Wien durchgeführt wurden, betrafen acht Prozent der Todesfälle aus natürlicher Ursache über 85-Jährige. Diese 1.886 Patienten waren außerhalb von Krankenhäusern und Geriatrischen Zentren verstorben. Vergleichsweise waren in dieser Zeitspanne insgesamt 59.071 über 85-Jährige in Wiener Spitälern und Pflegeheimen verstorben. Das Durchschnittsalter betrug 88 Jahre. 29 Frauen und elf Männer waren =100 Jahre. Bei 30 Prozent der über 85-Jährigen und 60 Prozent der 100-Jährigen waren anamnestisch keine Vorerkrankungen erhebbar. Sie wurden von ihren Angehörigen als gesund beschrieben.

Akuter Herz-Gefäßtod weit vor anderen Todesursachen

Die Aufgliederung der Todesursachen nach Krankheit bzw. betroffener Organgruppe im Kollektiv der über 85-Jährigen zeigte, dass der akute Herz-Gefäßtod mit 78 Prozent weit vor den Erkrankungen der Atmungsorgane (13%), des Magen-Darmtraktes (5%) sowie Erkrankungen des Zentralnervensystems (3%) rangierte. Eine ähnliche Gewichtung der Todesursachen war bei den über 100-jährigen zu sehen. Eine andere Reihung der Todesursachen ergab sich bei den in Krankenhäusern und Pflegeheimen verstorbenen Gleichaltrigen. Diese starben in erster Linie an Infekten und Malignomen (Mac Gee et al., Virchows Arch A Pathol Ana Histopathol. 1993;423:343–349). Als pathologisch-anatomische Todesursache dominierte sowohl bei den über 85-Jährigen als auch den über 100-Jährigen die koronare Herzkrankheit. Unter den Lungenerkrankungen waren in beiden Gruppen etwa 60 Prozent der Todesfälle auf Lungenembolien zurückzuführen. Obwohl entzündliche Lungenerkrankungen üblicherweise mit schweren Krankheitserscheinungen einhergehen, konnten zahlreiche Fälle gezählt werden, in denen diese Erkrankung scheinbar symptomlos zum plötzlichen Tod führte. Im Magen-Darmtrakt wurde als Haupttodesursache ein perforiertes Altersulkus des Magens, Duodenums oder ein Malignom diagnostiziert, das in allen Fällen zu einer fibrinös-eitrigen Peritonitis führte, die den Tod zwanglos erklärte. Bei den Todesursachen des Zentralnervensystems stand in beiden Altersgruppen der zerebrale Insult an erster Stelle. Die Verteilung der Todesursachen bei den über 85-Jährigen entsprach jener der über 100-Jährigen, unterschied sich aber von den Todesursachen der in Institutionen verstorbenen gleichaltrigen Patienten.

Andrea Berzlanovich1,2, Wolfgang Keil1, Thomas Waldhoer3, Ernst Sim4, Peter Fasching5, Barbara Fazeny-Dörner6 n

1) Institut für Rechtsmedizin, LMU, München
2) Department für Gerichtliche Medizin, MUV, Wien, 3) Abt. für Epidemiol./Krebsforschung, MUV, Wien, 4) Unfall-KH Meidling, Wien,
5) Geriatrisches Zentrum Baumgarten, Wien, 6) Univ.-Klinik f. Innere Medizin I, MUV, Wien

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