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Späte Schwangerschaft – ein sozialpolitisches Problem?

Obwohl die Menschen durch die geänderten Lebensbedingungen in der industrialisierten westlichen Welt immer älter werden, sinkt die Anzahl der Kinder pro Familie. Auf der anderen Seite steigt das Alter der Frau beim ersten Kind stetig an und liegt in den meisten europäischen Ländern bereits bei knapp 30 Jahren. Auch die späte Vaterschaft nimmt in diesen Ländern zu.

Viele Faktoren, wie die Priorität von Ausbildung und Karriere (Kinder werden „später“ nachgeholt), die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, die Verlässlichkeit von Partnerschaften oder auch die Frage nach der gesellschaftlichen Akzeptanz berufstätiger Mütter, nehmen auf das Geburtsverhalten einer Generation Einfluss. Der Trend in Europa geht eindeutig in Richtung späte erste Mutterschaft, jenseits des 35. Lebensjahrs. Auch hierfür sind die Gründe mannigfaltig. Das geänderte Frauenbild, hochqualifizierte Ausbildungen mit langen Ausbildungszeiten, stärkeres berufliches Engagement und die damit verbundene exakte Planung von Karriere und Kind spielen ebenso eine wesentliche Rolle wie finanzielle Gründe, der Wunsch, das Leben zu „genießen“ und danach das Schaffen von optimalen Rahmenbedingungen für ein Kind. Auch neue Behandlungsmethoden gewinnen stark an Bedeutung. Die Erfolge der Fortpflanzungsmedizin, vor allem in den Medien auch für die späteren Jahre als problemlos dargestellt, wiegen die Frauen oft jedoch in falscher Sicherheit, dass diese Techniken die Altersproblematik abfangen könnten. Zwischen 1985 und 1998 stieg die Quote der ersten Kinder bei späten Müttern (35 Jahre und älter) von 3,5 auf 12 Prozent. Die Zahl der Frauen, die zwischen 35 und 45 ein Kind bekommen, hat sich in Bayern in den letzten fünf Jahren von 8,2 auf 16,2 Prozent verdoppelt. Jedes siebente Baby wird von einer Frau über 35 Jahren geboren (Retzinger und Weissenbacher 2002). Einer deutschen Statistik zufolge sind 30 Prozent der Frauen des Geburtsjahrganges 1965 kinderlos, bei den Akademikerinnen sind es 41 Prozent. Zahlen, die eine deutliche Sprache sprechen, aber in der politischen Öffentlichkeit kaum wahrgenommen werden.

Rahmenbedingungen müssen geschaffen werden

Hier ist die Öffentlichkeit in Zukunft gefordert, die entsprechenden Rahmenbedingungen zu schaffen, nicht nur für die Kinderwunschpaare, die medizinisch assistierte Hilfe benötigen, sondern auch für berufstätige Frauen, damit sie Familie und erfolgreiches Berufsleben in Einklang bringen können. Flexiblere Arbeitsbedingungen werden dafür zunehmend erforderlich sein. Die skandinavischen Länder, aber auch Frankreich zeigen, dass dies sehr wohl möglich ist. Nach dem derzeitigen Wissensstand muss aber mit einer weiteren Zunahme des Alters der werdenden Eltern gerechnet werden.

Entkoppelung von Sexualität und Fortpflanzung

Dies bedingt als weitere Änderungen die Entkoppelung der Sexualität von der Fortpflanzung, sowie die Entkoppelung des Gebäralters vom reproduktiven Alter. Es werden neue Techniken der Reproduktionsmedizin entwickelt werden müssen, um hier zum Teil helfend eingreifen zu können. Ebenso wird es zur weiteren Aufgabe der „Spontangeburt“ über die elektive Sectio („Wunschkaiserschnitt“) der werdenden Mutter kommen. Dieser „Trend“ ist ja bereits voll im Gange. Auch die Entkoppelung des fetalen Wachstums vom Uterus ist vorstellbar. Auf diesem Gebiet sind die Forschungen in Tierversuchen schon sehr weit gediehen. Der Wunsch nach einem gesunden Kind ist so alt wie die Menschheit, das Ziel also wird gleich bleiben, der Weg dorthin wird sich aber zunehmend ändern. „Im neuen Jahrtausend wird sich der Sex im Bett, die Fortpflanzung aber unter dem Mikroskop abspielen“ (Carl Djerassi zur Jahrtausendwende).

A.o. Univ. Prof. Dr. Franz Fischl, Abt. f. gynäkolog. Endokrinologie und Sterilitätsbehandlung, Univ. f. Frauenheilkunde Wien; dzt. Gastprofessor und Leiter des Univ.-Kinderwunschzentrums der Univ.-Frauenklinik Mainz, E-Mail:

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