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Harninkontinenz ist nicht schicksalshaft

Durch den Abfall der Östrogenproduktion in der Menopause kommt es bei vielen Frauen zu Blasenproblemen. Oft wird das Problem jedoch von den Betroffenen verschwiegen oder gar als „natürliche“ Folge des Alterungsprozesses hingenommen.

Rund jede dritte Frau über 50 Jahren in Wien leidet an einer Harninkontinenz, so die Ergebnisse einer vom Urologen Doz. Dr. Stephan Madersbacher, Abteilung für Urologie am SMZ-Ost/Donauspital, durchgeführten Befragung, die 2003 veröffentlicht wurde. Zu einer Abklärung und Behandlung von Blasenproblemen in bzw. nach der Menopause kommt es jedoch häufig nicht. Die Gründe dafür sind vielfältig, nicht zuletzt spielt die Scham der betroffenen Frauen und die Ansicht, dies sei wohl altersbedingt und nicht zu ändern, eine nicht unwesentliche Rolle. Damit der Blasenverschluss gewährleistet bleibt, ist ein Zusammenspiel teilweise antagonistischer Muskelkräfte und ein straffes, aber elastisches Widerlager durch Bänder notwendig. Ein wesentlicher Bestandteil ist eine elastische vordere Vaginalwand. Verliert diese durch Hormonmangel ihre Elastizität, wird eine Stressinkontinenz begünstigt.

Komplexes Zusammenspiel

Ebenso wie das Vaginalepithel zeigt auch das Urothel eine ähnliche Atrophie unter Östrogenmangel. Chronische Entzündungen sind die Folge. Es kommt zu Reizblase und Dranginkontinenz. Den Daten aus der Studie von Madersbacher zufolge liegt bei 40 Prozent der menopausalen Frauen eine reine Belastungsinkontinenz vor, bei 92 Prozent wurde eine Belastungskomponente angegeben. 50 Prozent der befragten Frauen gaben an, auch unter einer Dranginkontinenz zu leiden. Eine reine Dranginkontinenz ist allerdings selten. Nur sieben Prozent der Befragten gaben eine solche an. Die Problematik nimmt mit steigendem Alter zu. Bei den über 60-jährigen befragten Frauen in dieser Studie berichteten bereits 37 Prozent, unter einer Harninkontinenz zu leiden. Allerdings gaben nur fünf Prozent der Frauen an, wegen Inkontinenzbeschwerden einen Arzt konsultiert zu haben. Neben Hormonmangel kann eine Reihe von weiteren Risikofaktoren eine Belastungsinkontinenz begünstigen. Dazu gehören Übergewicht, Geburten und eine Hysterektomie, aber auch Rauchen. Schwächere Korrelationen zeigen sich zur Miktionsfrequenz, dem Blutdruck und den Blutfettwerten. Mit steigendem Alter nimmt auch die Inkontinenzproblematik zu, wobei dann meist mehrere Blasenprobleme in Kombination vorhanden sind. Da Blasenprobleme massiv dazu beitragen können, dass soziale Probleme wie Rückzug und Vereinsamung auftreten, sollte die Harninkontinenz unbedingt behandelt werden. Die entsprechende Frage nach Problemen sollte bei postmenopausalen Frauen immer Teil des ärztlichen Gesprächs sein.

Mehrfacher therapeutischer Ansatz

Die Normalisierung oder Erhöhung der Trinkmenge auf bis mindestens zwei Liter pro Tag bildet den ersten Schritt der Therapie. Die Verordnung vaginal zu applizierender Östrogene führt zudem zu einer signifikanten Reduktion der subjektiven Blasenbeschwerden bei Reizblase, Drang- und Stressinkontinenz. Beckenbodengymnastik stellt einen wesentlichen Eckpfeiler der Behandlung von Harninkontinenz dar. Die Fähigkeit, die Beckenbodenmuskeln wieder kontrahieren zu können, ermöglicht den Betroffenen, einen drohenden Harnabgang durch Kontraktionen des Beckenbodens zu verhindern.

Medikamentöse Behandlung

Anticholinergika zur Therapie der Dranginkontinenz sollten aufgrund der im Alter veränderten Resorptions- und Ausscheidungsbedingungen mit vergleichsweise kleinen Dosen beginnen und schrittweise auftitriert werden, wenn dies notwendig erscheint. Die störendste Nebenwirkung dieser Substanzklasse ist Mundtrockenheit. Unter Trospiumchlorid (Spasmolyt®) tritt diese Nebenwirkung deutlich seltener auf, als unter anderen Anticholinergika. Bei Vorliegen einer schweren Belastungsinkontinenz hat sich der Serotonin Noradrenalin Wiederaufnahmehemmer Duloxetin, der seit 2004 in Österreich zugelassen ist, als wirksam erwiesen.

Literatur: Madersbacher St. et al. Prävalenz der weiblichen Harninkontinenz: Die Belastungskomponente ist prädominant. J. Urol Urogynäkol. 1/2003, Seite 26, 27

Sabine Fisch, Ärzte Woche 9/2005

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