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Chance für die natürliche Geburt

Es muss nicht immer ein Kaiserschnitt sein: Das Risiko von Beckenendlagen wird von vielen Ärzten überschätzt. Im Vergleich zu anderen Geburtslagen ist die Gefahr einer natürlichen Geburt für Mutter und Kind nicht erhöht, wenn einige Kriterien beachtet werden. In der neuen Beckenendlagen-Ambulanz der Wiener Semmelweis-Klinik haben Beratung und Betreuung der werdenden Mütter oberste Priorität.

„Man könnte fast von einem Glaubenskrieg in der Geburtshilfe sprechen. Eiserne Verfechter des Kaiserschnitts stehen ebenso erbitterten Gegnern gegenüber. Die Frauen bleiben dabei oft auf der Strecke. Vorgefasste Meinungen von niedergelassenen, wie auch im Spital tätigen Ärzten können große Verunsicherung auslösen“, beschreibt Dr. Michael Adam, Leiter des Department Semmelweis-Frauenklinik, Wien, die Situation. „Viele Kollegen halten die Beckenendlage für gefährlich und raten jeder Frau automatisch zur Sectio. Dabei ist die Beckenendlage nicht nur eine geburtsfähige Lage, es konnte in Nachuntersuchungen gezeigt werden, dass das Risiko für neurologische Defizite beim Kind mit jenem von Sectio und vaginaler Geburt aus anderen Lagen vergleichbar ist“, ergänzt Oberarzt Dr. Hermann Karas, Semmelweis Klinik, Wien. „Die Beratung rund um die Geburt sollte jenen Ärzten überlassen werden, die sie auch durchführen.“

Kriterien für eine natürliche Geburt

Eine Beckenendlage kann in der Mehrzahl der Fälle natürlich entwickelt werden. Zu den Voraussetzungen zählt vor allem die Größe des Kindes: Es darf weder zu groß noch zu klein sein und keine Dysproportionen zwischen Brustkorb und Kopf haben. Von medizinischer Seite muss die Bereitschaft zur sekundären Sectio rund um die Uhr gewährleistet sein. Die Beckenendlagengeburt wird grundsätzlich von einem Facharzt geführt. Karas: „Spontaner Wehenbeginn und ein konstanter Geburtsfortschritt weisen auf eine gute Dynamik hin. Umgekehrt tritt in Situationen, in denen eine vaginale Entwicklung nicht möglich ist, auch kein Geburtsfortschritt ein, und die Indikation für die Sectio ist gegeben.“

Vertrauen im Vordergrund

In der Semmelweis-Klinik werden etwa 2.700 Kinder pro Jahr geboren, davon 110 aus Beckenendlage im Jahr 2004. Angeboten wird dabei sowohl die natürliche vaginale Geburt, als auch der Kaiserschnitt. „Es geht nicht darum, eine Frau für die eine oder andere Methode zu gewinnen, sondern ihr mit optimaler Beratung eine Entscheidung zu ermöglichen“ sagt Karas. Die Fortschritte der Operationstechnik und ein wachsender forensischer Druck haben auch in Österreich zu einem steigenden Anteil an Kaiserschnitten geführt. Gleichzeitig bleibt das Bedürfnis, die natürliche Geburt als Ereignis miterleben zu dürfen, neben durchaus schlagkräftigen medizinischen Argumenten für die Spontangeburt bestehen. Karas: „Wir stehen zur spontanen Geburt – die Entscheidung trägt die Frau, sofern die geburtshilflichen Kriterien erfüllt sind.“

Die Angebote der Beckenendlagen-Ambulanz

Wir möchten in der Beckenendlagenambulanz die Frau schon im Vorfeld der Geburt, etwa in der 35. Schwangerschaftswoche, sehen“, so Karas. Nach Untersuchungen und Beratung kann die Geburt geplant und vorbereitet werden. Dabei stehen sowohl aktuelle vaginal geburtshilfliche Techniken als auch die Möglichkeit zur Sectio der Beckenendlage zur Verfügung. „Auch die äußere Wendung darf dabei nicht vergessen werden: Etwa 50 Prozent der Beckenendlagen können mit diesem Manöver erfolgreich gedreht werden“, ergänzt Karas. Das Ziel der neuen Einrichtung in der Semmelweis-Klinik steht jedenfalls fest: gesunde und zufriedene Mütter mit gesunden Kindern.

Dr. Alexander Lindemeier, Ärzte Woche 3/2006

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