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Gynäkologie und Geburtshilfe 30. November 2005

Genvarianten: Schlüssel zu aktivem Leben bis ins Alter

Der Wiener Kongress „Menopause – Andropause – Anti-Aging“ gilt europaweit als die jährliche Standortbestimmung zur umfassenden Thematik von Menopause, Andropause und präventiver Anti-Aging Medizin. Große internationale Gesellschaften haben die Veranstaltung, die wie jedes Jahr im Kongresszentrum Hotel Hilton Vienna stattfindet, als Plattform für ihre Wissenschaftssitzungen gewählt.

Internationale Experten werden beim Kongress „Menopause – Andropause – Anti-Aging 2005“ vom 8. bis 10. Dezember 2005 State-of-the-Art Medizin verbunden mit praxisrelevanten Anwendungsbeispielen vermitteln. Die ÄRZTE WOCHE sprach mit dem Kongress-Präsidenten Prof. DDr. Johannes Huber, Leiter der Klin. Abt. für Gynäkologie, Endokrinologie und Sterilitätsbehandlung der Univ.-Klinik für Frauenheilkunde, Wien, über die zentralen Themen dieses „Wiener Kongresses“.

Welche Schwerpunkte dürfen sich die Besucher beim „Menopause – Andropause –Anti-Aging“-Kongress erwarten?
Huber: Ein zentrales Thema werden höchst interessante neue molekularbiologische Perspektiven darstellen. Das Genomprojekt ist jetzt so weit gediehen, dass Erkenntnisse der Variabilität unserer Gene schon in die Klinik, und zwar präventivdiagnostisch und -therapeutisch, involviert werden können. Vor etwa drei Wochen titelte die Cover-Story von Nature das „The HapMap Project“. Das Projekt hat mehr als eine Million so genannte „single nucleotide polymorphisms“, SNPs, in den Gensequenzen von 269 Menschen katalogisiert. Untersucht wurden die Individualität der Gene und deren Impact für die Gesundheit sowie die individuelle Betreuung von Menschen. An der Individualisierung der Medizin führt kein Weg mehr vorbei. Zwei ebenso erst kürzlich im Lancet publizierte prospektive Arbeiten am Beispiel von Brust- und Lungenkrebs zeigten, dass es hier Möglichkeiten gibt, Risikopatienten zu selektieren und gezielt präventiv zu behandeln. Auch in der Hormonersatztherapie und in der Altersprävention werden diese neuen Erkenntnisse berücksichtigt werden müssen.

Welche Entwicklungen gibt es die HRT betreffend? Wie sieht die aktuelle Situation in Bezug auf das Brustkrebsrisiko aus?
Huber: Ein ganz wichtiger Punkt: Bekommen Frauen eine Östrogenmonotherapie, dann kommt es weniger häufig zu Brustkrebs als ohne Hormontherapie, das zeigte die endgültige Publikation der Ergebnisse des „estrogen only arm“ der WHI-Studie. Diese Botschaft wurde jedoch meiner Meinung nach aus der öffentlichen Diskussion bewusst ausgeblendet, was zur starken Verunsicherung der Frauen beigetragen hat. Die Individualität des Genoms wird auch hier zunehmend klinisch genützt und beispielsweise in der Dosierung berücksichtigt. Aufgrund der Analysen der Genvarianten wissen wir, wie individuell Medikamente bzw. Hormone vom Körper eliminiert werden. Bezüglich der Genvarianten beim Mammakarzinom gibt es zwei abgesicherte Untersuchungen. In der zitierten Arbeit aus dem Lancet wurde ein hochsignifikanter Zusammenhang des genetischen Polymorphismus mit dem Mammakarzinom gefunden. Ebenso zeigte schon eine Analyse von Daten aus der „Nurse Health Study“, dass bestimmte Genvarianten mit einem erhöhten Risiko für das Mammakarzinom assoziiert waren. Auch manche männlichen Hormone besitzen zum Schutz der Brust eine enorme Bedeutung. Wenn diese Hormone nicht transportiert werden, weil der Androgenrezeptor aufgrund einer Genvariante nicht arbeitet, dann ist der Schutz nicht gegeben.

Wie kann das theoretische Wissen nun in die Praxis umgesetzt werden?
Huber: Aufgrund dieser Erkenntnisse können wir die Frauen anders beraten. Es werden besondere Vorkehrungsmaßnahmen empfohlen, eventuell sogar eine präventive Chemotherapie. Vorsorgeuntersuchungen sind wichtig, aber fast noch wichtiger ist es, alles zu unternehmen, damit gar nichts entdeckt werden kann. In den europäischen und auch angelsächsischen Ländern steigen hormonabhängige Karzinome ab dem 50. Lebensjahr dramatisch an. Screenings wie die Mammografie oder auch PSA-Kon­trollen in Hinsicht auf das Prostatakarzinom haben ihren Stellenwert. Meiner Meinung nach ist es jedoch noch wichtiger, rechtzeitige Interventionsstrategien anzudenken. Es findet hier ein Paradigmenwechsel in der Medizin statt. Prävention muss eine gezielte Sache sein. Es ist ein großer Irrtum zu glauben, dass Vorsorgeuntersuchungen im großen Stil präventiv sind. Damit ist eine Früherkennung möglich. Die eigentliche Prävention erfordert schon vorher spezifische Maßnahmen. Hierzu zählen auch Lebensstilveränderungen, aber vor allem die genetische Diagnostik, um gezielt präventiv-therapeutische Handlungen setzen zu können.

Welche Rolle kommt dem Allgemeinmediziner bei dieser Thematik zu?
Huber: Ein großes Problem ist, dass dieser Bereich für uns alle ganz neu ist und wir nicht darin ausgebildet wurden. Umso wichtiger ist, dass das Wissen nicht im Olymp bleibt, sondern beispielsweise im Rahmen von Kongressen vermittelt wird. Konkret sollte bei den niedergelassenen Ärzten das Bewusstsein für die Thematik gesteigert werden. Etwa, wenn eine Frau die Pille möchte, schon im Anamnesegespräch nach Thrombosen bei der Mutter zu fragen. Wir wissen, dass bei einer Genvariante des Faktor 5 die Wahrscheinlichkeit, unter der Pille eine Thrombose zu bekommen, besonders hoch ist. In Kursen und Workshops soll genau erklärt werden, bei welcher biografischen Belastung welche Genuntersuchungen gemacht werden sollten.

Wohin kann der Praktiker die Betroffenen dann überweisen? Und, wer übernimmt die Kosten?
Huber: In großen molekularbiologischen Labors werden diese Gen­untersuchungen durchgeführt. Niedergelassene Ärzte können ihre Patienten dorthin überweisen. Nach einer entsprechender Beratung muss der Patient eine Einverständniserklärung unterzeichnen. Die Kosten betragen je nach gewünschter Bestimmung zwischen 100 und 350 Euro und müssen privat getragen werden.

Zum Thema Andropause – was haben Gynäkologen mit dem Mann zu tun, sollten diese Aufgabe nicht eher Urologen übernehmen?
Huber:Gynäkologen haben sich subsidiär auch mit dem Mann beschäftigt, da erstens die Frau oft den Mann zum Arzt mitbrachte und weil wir wahrscheinlich auf diesem Gebiet eine Pionierrolle in der Medizin hatten. Wir erkannten früh, dass es nicht nur wichtig ist, somatische Krankheiten zu heilen, sondern ein wesentlicher Stellenwert darin liegt, die Lebensqualität zu verbessern. Entscheidend beim Altern des Mannes ist nicht nur die Abnahme des Testosterons, sondern vor allem das Ansteigen des Östrogens. Damit bekommt er Probleme. Eine intersdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Gynäkologen und Urologen ist also extrem sinnvoll.

Wie stehen Sie als Vorsitzender der Bio-ethikkommission allgemein der Anti-Aging-Kultur gegenüber?
Huber: Die Fitness der alternden Bevölkerung ist eine zutiefst ethische Frage. Das drastische Ansteigen der Bevölkerungspyramide nicht nur in unseren Breiten, sondern auch in Japan und China, bringt viele soziale Probleme mit sich, die bis zur aktiven Sterbehilfe reichen. Unser Anliegen ist es nicht, das Leben mit Gewalt zu prolongieren, sondern alles zu unternehmen, dass die zweite Lebenshälfte ähnlich aktiv verläuft wie die erste, im Idealfall ohne Osteoporose, ohne Bypass-OP und ohne Demenz, damit die Menschen nicht nur älter werden – denn das werden sie sowieso –, sondern dass dieses Älterwerden auch in einem besseren Zustand erlebt wird. Ich sehe es als Aufgabe der Medizin, sich um die zweite Lebenshälfte mehr zu kümmern und Krankheiten, die mit dem Alter assoziiert sind, präventiv zu eliminieren.

Das Gespräch führte

Dr. Myriam Hanna Klinger, Ärzte Woche 48/2005

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