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Gynäkologie und Geburtshilfe 23. November 2005

Weibliche Hormone verstärken Schmerzen

Dass Frauen häufiger unter chronischen Schmerzen leiden als Männer, ist den Forschern seit langem bekannt. Nun hat eine Wissenschaftlerin der Universität Siena gezeigt, dass Hormone daran wesentlich beteiligt sind.

Auf die Spur kam Prof. Dr. Anna Maria Aloisi vom Institut für Physiologie der Universität Siena durch den Umstand, dass Männer, die sich zu Frauen „umoperieren“ ließen, plötzlich über chronische Schmerzen klagten, berichtete die Forscherin unlängst im Wissenschaftsmagazins Nature. Die Physiologin hat im Test 54 Männer, die im Zuge einer Geschlechtsumwandlung Östrogen und Anti-Androgene verabreicht bekamen, genau untersucht. Demnach traten bei 30 Prozent der Behandelten Schmerzen, in erster Linie chronische Kopfschmerzen, auf. „Tatsächlich konnten wir nachweisen, dass Östrogen, in hohen Dosen verabreicht, zu den Schmerzen führte“, so die Forscherin beim 11. Welt-Schmerzkongress in Sydney. In einer anderen Studie mit Frauen, die sich einer Geschlechtsumwandlung unterzogen und das männliche Hormon Testosteron verabreicht bekommen hatten, berichteten die Teilnehmer über ein Nachlassen der Schmerzen. „Sie schienen sich generell wesentlich besser zu fühlen“, so Aloisi.

Seit langem bekannte Geschlechtsunterschiede

Die Studie unterstreicht die seit langem bekannten Geschlechterunterschiede bei Schmerzen. Obwohl niemand erklären kann, wie Hormone tatsächlich das Schmerzempfinden beeinflussen, bestätigte die Untersuchung vorhergehende Ergebnisse. Nach dem derzeitigen Stand des Wissens stumpft Testosteron das Schmerzempfinden ab, indem es gewisse Schmerzpfade im Nervensystem dämpft. Umgekehrt wirkt Östrogen deshalb schmerzverstärkend, weil es Hemmmechanismen, die das Schmerzempfinden senken, blockiert.

Komplexe Wirkweise

Doch die Wirkweise von Östrogen ist offenbar wesentlich komplexer als vermutet. Frauen leiden nämlich während der Menstrua­tion dann am meisten, wenn der Östrogenwert am niedrigsten ist. Umgekehrt verspüren Mädchen in der Pubertät dann verstärkt Schmerzen, wenn die Östrogenwerte ansteigen. Nach Ansicht mancher Forscher sind nicht die absoluten Östrogenspiegel, sondern rasche Veränderungen der Hormonwerte dafür verantwortlich, dass Schmerzen auftreten. „Es sind nicht die Werte per se“, meint etwa Prof. Dr. Linda LeResche vom Department of Oral Medicine der University of Washington in Seattle, die sich in ihren Forschungsarbeiten auf epidemiologische und Verhaltensaspekte bei Schmerz konzentriert. In weiteren Untersuchungen sollen nun die genauen Zusammenhänge geklärt werden.

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