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Von der Wiege bis zur Bahre

Nicht nur nach mehreren Geburten oder im Senium machen Funktionsstörungen des Beckenbodens Frauen zu Patientinnen, sondern bereits im Kindesalter treten Erkrankungen dieser Muskel- und Fasciengruppe auf.

„Schon Kinderurologen haben mit Störungen des Beckenbodens zu tun“, erklärte OA Dr. Christine Sam, Universitätsklinik für Frauenheilkunde, Medizinische Universität Wien, bei einer wissenschaftlichen Sitzung der Gesellschaft der Ärzte in Wien. Als Beispiel führte die Gynäkologin die Bladder-neck-dysfunction (BND) an, die häufiger bei Mädchen als bei Knaben auftritt. Normalerweise kontrahiert sich der Detrusor vesicae beim Urinieren, der Beckenboden entspannt sich, und Harn kann fließen.

Zu späte Entspannung

Bei Mädchen mit BND kommt es zwar zur Kontraktion des Detrusors, der Beckenboden relaxiert sich aber sehr viel später. Dadurch arbeitet der Detrusor gegen den Beckenboden, und der Harn fließt verspätet. Die Mädchen klagen auch über Schmerzen im Bereich des Beckenbodens.
Mit Hilfe von Videourodynamik und gleichzeitigem Beckenboden-EMG konnte eine Studie beweisen, dass bei Gesunden diese Opening-time sehr schnell geht, bei Kranken kommt es aber aufgrund dieser Nichtrelaxation des Beckenbodens zu einer massiven Verzögerung. Nach der zusätzlichen Gabe von Alpha-Blockern tritt eine deutliche Verbesserung ein.
Wenn Mädchen über Bauchschmerzen klagen, dann muss nicht immer eine Appendizitis oder Verdauungsstörungen die Ursache sein, es könnte sich auch ein Pelvic-floor-Spasmus dahinter verbergen. „Oft findet diesen erst der Kinderurologe nach einem längeren Leidensweg der kleinen Patientinnen“, so Sam. „Diese Erkrankung ist laut einer Arbeit von Hoebeke et al. sehr gut mit Biofeedback zu behandeln, was er allerdings nur bei wenigen Kindern zeigen konnte. Nach drei Monaten Biofeedback waren 17 von 21 geheilt. Auch in der Langzeitauswertung gab es nur drei Rezidive, die dann neuerlich mit Biofeedback therapiert wurden.“
Schwangerschaft und Geburt haben natürlich einen bedeutenden Einfluss auf den Beckenboden und eine mögliche Inkontinenz. „Die Untersuchung der Subgruppen in einer Studie ergab, dass Patientinnen, die ein Jahr nach der Geburt unter Stressinkontinenz litten, diese auch schon während der Schwangerschaft hatten. Eine länger dauernde Geburt, vor allem die letzte Phase, nimmt Einfluss auf die Kontinenz. Die Hälfte aller Frauen erkrankte danach an einer mittleren bis schweren Inkontinez, aber nur 15 bis 18 Prozent dieser symptomatischen Patientinnen haben ärztliche Hilfe aufgesucht“, wundert sich die Gynäkologin.

Frühkomplikationen häufig

Zu Patientinnen, die älter als 70 Jahre sind, gibt es nur wenig Literatur. Eine retrospektive Kohortenstudie von Harriet Pugsley hat unter anderem die Komplikationen von über 70-jährigen Frauen, die wegen Stressinkontinenz entweder eine TVT (Tension free vaginal tape, Einlage einer spannungsfreien suburethralen Polypropylenschlinge) oder eine Colposuspension (CS) erhielten, untersucht.
Die Heilungsrate war sowohl bei CS als auch bei TVT für unter- und über 70-Jährige gleich gut. Ältere Patientinnen litten nach beiden Operationen in einem sehr hohen Ausmaß an den Frühkomplikationen Blasenentzündung und -entleerungsstörung. An Spätkomplikationen der CS zeigten sich neben intermittierendem Katheterismus, der bei den Älteren viel häufiger war, auch Schmerzen und überaktive Blase. Bei der TVT bestand ein massiver Unterschied in der Spätkomplikation bei älteren Patientinnen. Blasenentleerungsstörungen und rezidivierende Harnwegsinfekte waren hier deutlich häufiger.„In der Zukunft wird bei der Diagnostik möglicherweise der 3D-Ultraschall das MR ablösen, bei der Therapie liegt die Hoffnung im Tissue engeneering und den Stammzellen“, resümierte Sam.

Österreichische Studie

Ein neues und ehrgeiziges Projekt der Österreichischen Arbeitsgruppe für Urogynäkologie und rekonstruktive Beckenbodenchirurgie stellte Prof. Dr. Engelbert Hanzal, Universitätsklinik für Frauenheilkunde, Medizinische Universität Wien, in der wissenschaftlichen Sitzung vor: „Wir haben mit einer österreichischen, prospektiv randomisierten Multicenter-Studie über suburethrale Schlingenoperationen begonnen und brauchen jede Unterstützung. Es geht um TVT mit herkömmlicher Technik und um die TVT-O, wo das Band statt retrosymphysär transobturatoriell eingeführt wird. Bisher ist nicht bekannt, welche der Methoden besser oder schlechter ist für den Outcome der Patientinnen.“
Diese Studie hat bereits begonnen und alle Ethikkommissionen erfolgreich durchlaufen. Aufgenommen werden alle Patientinnen, bei denen eine Operation wegen einer Belastungsinkontinenz geplant ist. „Wir brauchen 600 Patientinnen aus ganz Österreich, die zu jeweils 300 in einer Gruppe randomisiert werden. Präoperativ erfolgen so wie bisher genaue klinische und urodynamische Untersuchungen. Neu bei dieser Studie ist – und das wird ein großer Mehraufwand – die Erhebung der Lebensqualität mit den entsprechenden Frageinstrumenten“, erklärte Hanzal. Ausschlusskriterien sind fehlende Einwilligung, Voroperationen wegen Inkontinenz, ausgenommen die Kolporrhaphie, weiters Patientinnen mit Hauptsymptom Drang sowie konkomitante Hysterektomien oder Descensusoperationen. Nach einem Zeitraum von drei Monaten, zwei und fünf Jahren wollen die Wissenschaftler die Patientinnen wieder kontrollieren und die Ergebnisse überprüfen.

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