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© Friede Clausz | zero one film

Die Schauspielerin Julia Jentsch mit ihrer gesunden Filmtochter in „24 Wochen“.

 

Eine einsame Entscheidung

Trisomie 21. Der Film „24 Wochen“ zeigt eine Frau, die im 6. Monat ihrer Schwangerschaft vom Down-Syndrom ihres Kindes erfährt. Trotz aller Hilfsangebote, muss am Ende sie selbst über Leben oder Tod entscheiden.

Es wird ganz still als Astrid (Julia Jentsch) die Hand des Frühchens berührt, die Hintergrundmusik fadet aus. Es ist ein behutsam inszenierter Moment des Films „24 Wochen“ der deutschen Regisseurin Anne Zohra Berrached. „Wollen sie sie anfassen“, hat die Mutter auf der Frühchenstation gefragt. Astrid, Kabarettistin und werdende Mutter eines Kindes mit Down-Syndrom, hat eine Gegenfrage: „Wie?“ Lorentz ist mit ihrem Lebensgefährten Markus (Bjarne Mädel), dem Vater, auf Besuch auf einer Frühchen-Station. Die Frage, ob sie ihr Kind bekommen wollen oder nicht, spaltet das Paar.

Angefangen hat alles mit der Nachricht, das ihr Kind Trisomie-21 habe. Zusätzlich wird ein schwerer Herzfehler diagnostiziert. Das Paar bereitet sich vor, trifft Sänger eines „Downie“-Kinderchors un lässt danach in der Disco Dampf ab – Markus: „Downie darf man sagen, Mongo nicht.“ Und jetzt ist es, als würde die Zeit still stehen. Trotz zahlreicher Sex-Szenen ist die Berührung der winzigen Hand der intimste Moment des Films. Hier ist Astrid klar: „Ich kann es nicht.“

Es ist: ihren Buben zur Welt bringen, wissen, dass er kurz nach der Op am Herzen operiert werden müsste. Hier bekommt auch die bis dahin liebevolle Beziehung zu ihrem Partner unschöne Risse. „Du hast doch gesehen, dem Kind geht es gut“, versucht Markus die Contenance zu bewahren. Doch da ist Astrid bereits einen Schritt weiter: „Ich weiß nicht, was du da gesehen hast, für mich sah da überhaupt nichts gut aus. Ich weiß auch nicht wie es dem Kind geht, es leidet vielleicht entsetzlich, es sah so aus als ob es schreckliche Schmerzeh hat“. So geht es hin und her. Astrid wird immer klarer, was sie will: „Ich habe das Gefühl, dass ich das gerade ernst gemeint habe.“

Astrid ist ein Bühnenmensch, um keinen Schmäh verlegen. Sie stellt sich im Profil mit Baby-Bauch und fragt ins Publikum, ob heute etwas anders sei an ihr („Ich hab neue Schuhe“). Markus ist der Mann, der die klaren Worte findet („Egal was du anziehst, nichts steht dir“), optimistisch bleibt. Hinter der soliden Fassade offenbart er eine Zerbrechlichkeit, die man bei einem wie ihm, TV-Produzent und Manager, nicht annimmt. Der Film „24 Wochen“ zeichnet sich, neben der schonungslos ehrlichen darstellerischen Leistung, durch eine einfache Sprache aus. Seine besten Momente erreicht er, wenn die Verzweiflung, über Leben oder Tod eines Ungeborenen entscheiden zu müssen, zum Greifen ist.

Markus: „Ist es deine Entscheidung oder unsere?

Astrid: „Meine.“

Moralisches Dilemma

Regisseurin Berrached über ihren Film: „Das Recht auf Abtreibung, auf die Selbstbestimmung über den eigenen Körper haben Generationen von Frauen vor uns hart erkämpft. Es ist integraler Bestandteil unserer Definition als unabhängige, gleichberechtigte Frauen, die ihr Leben selbst gestalten. Die Gleichberechtigung hilft uns aber nicht im moralischen Dilemma. Mich interessiert der moralische Konflikt als Ergebnis unserer modernen medizinischen Welt. Wir müssen uns neu versichern und das Erreichte immer wieder verteidigen. Wir müssen darauf bestehen, dass nicht nur geschieht, was technisch möglich ist, sondern das, was wir eigentlich wollen. 24 Wochen konfrontiert den Zuschauer mit einer Frage, die jeder nur für sich selbst beantworten kann.“

Martin Krenek-Burger

, Ärzte Woche 35/2016

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