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Schwangerenscreening senkt Frühgeburtenrate

An über 4.000 Schwangeren wurde in einer randomisierten Wiener Studie der Zusammenhang zwischen vaginalen Infekten und Frühgeburten beobachtet. In der zweiten Mutter-Kind-Pass-Untersuchung wurde bei den Frauen ein Infektionsscreening mittels Vaginal- abstrich durchgeführt. 

Prof. Dr. Herbert Kiss, Universitätsklinik für Frauenheilkunde, Abteilung für Geburtshilfe Wien, konnte mit seiner Studie nachweisen, dass ein einfaches Screening nach vaginalen Infektionen während der 2. Mutter-Kind-Pass-Untersuchung mit anschließender Therapie, falls erforderlich, die Frühgeburtenrate um 50 Prozent senken konnte. Die Studie K.I.S.S. (Konsequentes Infektionsscreening in der Schwangerschaft) ist eine aktuelle Studie mit über 4.000 Schwangeren.

3.000 Frühgeburten im Jahr

Die Frühgeburt ist der häufigste Grund für neonatale Mortalität, Morbidität und Behinderung. In Österreich erfüllen sieben Prozent aller Geburten die Kriterien einer Frühgeburt (in oder vor der 37. Schwangerschaftswoche und Geburtsgewicht unter 2.500 Gramm), zwei bis drei Prozent sind kleine Frühgeburten (<1.900 g). In Wien zeigte sich in den letzten Jahren sogar ein leichter Anstieg der leichten Frühgeburten. Ansonsten veränderte sich die Frühgeburtenrate von 3.000 Frühgeburten pro Jahr nicht. Diese sind für etwa 80 Prozent der Geburtsprobleme verantwortlich.
Die häufigste Ursache für Frühgeburten sind vaginale Infektionen, die unbemerkt aszendieren und zur fetalen Infektion, zu vorzeitigen Wehen, Blasensprung und zur Frühgeburt führen können.
"Diagnose und Therapie müssen frühzeitig einsetzen, bevor Symptome auftreten. Wenn die Infektion bereits ausgeprägt ist, ist es zu spät. Dann können wir nur die Rahmenbedingungen verbessern, das Problem, die drohende Frühgeburt aber nicht mehr aufhalten", betonte Prof. Dr. Peter Husslein, Vorstand der Universitätsklinik für Geburtshilfe und Gynäkologie im Wiener AKH bei der Präsentation der Untersuchungsergebnisse von K.I.S.S.

Vaginalabstrich in Speziallabor

Diese prospektive, randomisiert kontrollierte Studie wurde multizentrisch bei 25 Fachärzten für Frauenheilkunde und Geburtshilfe im Wiener Raum durchgeführt. Aufgenommen wurden 4.429 Schwangere, die im Rahmen der 2. Mutter-Kind-Pass-Untersuchung (16. bis 20. Schwangerschaftswoche) ihren Frauenarzt aufsuchten. Die Schwangeren waren sowohl subjektiv als auch aus der Sicht des Frauenarztes beschwerdefrei.
Mittels Vaginalabstrich wurde Vaginalsekret auf einen Objektträger aufgebracht und zur mikroskopischen Untersuchung an ein mikrobiologisches Speziallabor geschickt. Alle Präparate wurden auf die wichtigsten Erreger einer vaginalen Infektion, nämlich bakterielle Vaginose (BV), Trichomonadeninfektion und vaginale Kandidose untersucht.

Standardisierte Therapie

In Gruppe A (Studiengruppe) wurde der behandelnde Frauenarzt bei Vorhandensein eines pathologischen Befundes innerhalb von 48 Stunden informiert. Worauf eine standardisierte Therapie mit Nachkontrolle eingeleitet wurde.
Bei der bakteriellen Vaginose wurde Clindamycin lokal bzw. bei Rezidiv peroral verwendet. Im Rahmen einer Pilzinfektion wurde als lokales Antimykotikum Clotrimazol angewandt. Metronidazol wurde lokal bei Trichomonas vaginalis jeweils für sechs Tage eingesetzt.
In der Gruppe B (Kontrollgruppe) erhielt der Frauenarzt keinen Befund. Nach der Geburt wurden bei allen die Schwangerschaftswoche und das Geburtsgewicht als wichtigste Parameter dokumentiert. Die Zuordnung zu den beiden Gruppen erfolgte per Zufallsgenerator.
Bei 21,5 Prozent aller (asymptomatischen!) Schwangeren bestand eine mikroskopisch nachweisbare vaginale Infektion (zu ca. 60 Prozent eine Kandidose, ca. 30 Prozent Bakterielle Vaginose, ca. sieben Prozent BV mit Kandidose kombiniert, der Rest waren vor allem Mischinfektionen).

Frühgeburtenrate gesenkt

Die Zahl der Frühgeburten in der Studiengruppe A war signifikant geringer als in der Kontrollgruppe. Mittels einfacher Diagnostik und konsequenter Therapie konnte die Frühgeburtenrate in allen Gewichtsklassen um über die Hälfte gesenkt werden.
Das betrifft sowohl die Frühgeburten unter 2.500 g (34 in Gruppe A versus 70 in Gruppe B), als auch die stärker gefährdete Gruppe unter 1.900 g (11 versus 26), die praktisch immer eine neonatologische Intensivbetreuung benötigen. Auch die Spätaborte reduzierten sich in der Gruppe A um 50 Prozent.
Als "Nebeneffekt" führte dieses einfache Vorsorgeprogramm zu massiven Einsparungen an direkten wie indirekten Folgekosten der Frühgeburten. Allein in der Studie konnten durch die Frühgeburtenreduktion Kosten von etwa einer Million Euro gespart werden.
In Wien könnte man bei 50 Prozent weniger Frühgeburten (derzeit sind es 360 pro Jahr) Spitalskosten um etwa 10 Millionen Euro senken. Die "Einsparung" an indirekten Folgekosten (und menschlichem Leid) durch Behinderung (nur 50 Prozent der überlebenden Kinder mit einem Geburtsgewicht <1000 g sind nicht behindert) beziehungsweise die häufigere Morbidität im Klein- und Kindesalter, sind kaum berechenbar.

Geringe Untersuchungskosten

Der Abstrich kann grundsätzlich ganz einfach von jedem Gynäkologen in ganz Österreich abgenommen und zur Auswertung an ein spezialisiertes Labor verschickt werden. Die Kosten für diese einfache mikrobiologische Untersuchung betragen zwischen zehn und 30 Euro, diese Kosten werden zur Zeit nicht im Rahmen des MKP übernommen.
Kiss: "Die Erkenntnis, dass vaginale Infektionen für Frühgeburten verantwortlich sind, ist nicht neu. Derzeit nehmen Gynäkologen alle möglichen Abstriche ab, führen alle möglichen Untersuchungen durch und bekommen einen Berg von teilweise sehr aufwändigen Befunden, die noch mehr verwirren und letztlich keine klare Aussage bringen. Wir hingegen haben ein ganz einfaches und praktikables Untersuchungsverfahren mit ganz klarer Aussage und ganz klarer Therapieempfehlung." Der großartige Erfolg der Studie bestätigt dieses Konzept.

Dr. Klaus Huber, Ärzte Woche 28/2003

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