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Wenn Frauen(ärztinnen) im Kreißsaal mitreden.....

Abstract: Das persönliche Geburtserlebnis spielt im Leben jeder Mutter eine bedeutende Rolle und wird daher von ihr zunehmend kritisch analysiert. Als Geburtshelfer ist es uns ein Anliegen, den uns anvertrauten Frauen ein befriedigendes Geburtserleben zu ermöglichen.

Welche Faktoren sind es aber, die das Erlebnis beeinflussen? Welche Wünsche haben Frauen unter der Geburt und wie können wir ihnen bei der Umsetzung ihrer Vorstellungen helfen?

Um das zu erfahren, wurden im Jahre 1999 Österreichs Gynäkologinnen mittels Fragebogen zum Thema Geburtshilfe und persönliches Geburtserleben befragt. 194 Kolleginnen waren zu diesem Zeitpunkt als Fachärztinnen, niedergelassen oder im Spital, und in Ausbildung tätig. 51% der Angeschriebenen antworteten.

72% aller Kolleginnen hatten spontan entbunden, 23 % mittels Sectio und 5 % vaginal operativ. Außer nach dem Geburtsmodus wurde auch nach dem Zeitpunkt der Ausbildung bei der Entbindung, dem Geburtshelfer, der Analgesie, der Betreuungsqualität, der Dauer der Geburt und der persönlichen Erinnerung gefragt. Parameter Zufriedenheit Eine erstaunlich hohe Anzahl der Kolleginnen (33%) zeigte sich mit ihrem Geburtserlebnis unzufrieden. Bei der Nachforschung nach den Ursachen zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen den Kolleginnen, die vor der Ausbildung entbunden hatten und jenen, die Fachärztinnen zur Zeit der Entbindung waren.

Ebenfalls deutliche Unterschiede gibt es bei der Zufriedenheit in Abhängigkeit von der Geburtsdauer. 67% aller Kolleginnen mit einer Geburtsdauer von über 12 Stunden hatten eine unangenehme Erinnerung an das Erlebnis. Auch die Betreuungsqualität scheint eine signifikante Rolle im Empfinden zu spielen. War die Betreuung subjektiv unzureichend, haben 71% der Kolleginnen eine unangenehme Erinnerung an das Geburtserlebnis.

Weniger Unterschiede dagegen gibt es zwischen den Geburtsmodalitäten: bei Spontangeburten war die Zufriedenheit mit 67% etwa gleich hoch wie bei Sectio (74%). Auch die Kolleginnen, die eine vaginal operative Beendigung der Geburt erlebten, waren in 65% zufrieden. Die Analgesie scheint das Erlebnis nicht positiv beeinflussen zu können, denn 100% der unzufriedenen Fachärztinnen waren subjektiv ausreichend analgesiert.

Tabelle 1

Zufriedenheit mit dem Geburtserlebnis in Abhängigkeit vom Geburtsmodus

Spontan 67% zufrieden
Sectio 74% zufrieden
Vaginal operativ 65% zufrieden

2-Klassen -Medizin? Die Unzufriedenheit mit dem Geburtserlebnis liegt bei den Turnusärztinnen mit 41% deutlich höher als bei Fachärztinnen mit 22%. Die Frage nach dem "Warum?" drängt sich auf. Analysiert man die Geburten der Turnusärztinnen, so zeigt sich, dass nur 44% von ihrem persönlichen Gynäkologen entbunden wurden, jedoch 95% der Fachärztinnen.

Das schlägt sich in der Betreuungsqualität nieder: 46% der Turnusärztinnen fühlten sich vom Geburtshelfer unzureichend betreut. Bei den Fachärztinnen ist die Zufriedenheit mit dem Geburtserlebnis weitaus höher, denn 95% hatten eine subjektiv gute Betreuungsqualität.Auch die Geburtsdauer ist deutlich unterschiedlich in Abhängigkeit vom Ausbildungsgrad. 37% der Turnusärztinnen hatten über 12 Stunden Wehen, aber nur 17 % der Fachärztinnen . 

Die größten Unterschiede zeigen sich jedoch in der Geburtsmodalität: 47,8% der Fachärztinnen entbanden per sectionem, bei den Turnusärztinnen ist die Sectiorate mit 7,4% signifikant geringer. Dafür liegt die Rate an Spontangeburten bei den Fachärztinnen mit 47,8% deutlich unter dem Durchschnitt (72%) und auch unter der Spontangeburtenrate der Turnusärztinnen mit 88,8%.

Tabelle 2

Einfluss von Ausbildungsgrad auf die Entbindung

  Turnus Ausbildung Fachärztin
Spontan 88,8%  78,3% 47,8%
Sectio   7,4%  14,3% 47,8%
Vaginal operativ 3,8%  7,4% 4,3%
Persönlicher Geburtshelfer 44,4%  64,4% 95,7%
Gute Betreuung  54,0% 88,5%  95,1%
Wehendauer >12 h 37,3% 27,2% 17,7%

Die Wahl des Geburtshelfers scheint ein entscheidender Faktor zu sein. Frauen, die einen persönlichen Geburtshelfer haben, fühlen sich in 95,1% gut betreut. Sie haben in 80,5% eine Geburtsdauer von unter 12 Stunden und auch eine gute Erinnerung an die Geburt (78,1%). Im Gegensatz dazu haben Frauen, die vom diensthabenden Arzt entbunden werden, nur in 50,3% eine gute Erinnerung.

Tabelle 3

Einfluss des Geburtshelfers auf Entbindung

  Persönlicher Geburtshelfer diensthabender Arzt
Gesamt (TÄ u FÄ) 64,6% 28,1%
Gut betreut 95,1% 77,8%
Wehen >12 h 19,5%  44,4%
Gute Erinnerung 78,1%  50,3%

Was wünschen sich Frauen? 

Wenn wir davon ausgehen, dass Fachärztinnen der Gynäkologie und Geburtshilfe eine genaue Vorstellung von ihren Wünschen haben, die Risiken und Komplikationen einer Geburt kennen und sehr wahrscheinlich in der Lage sind, die meisten Entscheidungen mit zu beeinflussen, müssen wir deren Geburtsverläufe, die zusätzlich in einer glücklichen Erinnerung gipfeln, als die idealen, und von Frauen gewünschten, betrachten.

Was zeichnet nun also eine "ideale" Geburt aus?

Zwei Parameter scheinen entscheidend zu sein: die Dauer der Geburt und eine subjektiv zufriedenstellende Betreuungsqualität.

Wie kann man ("frau") diese Parameter beeinflussen?

Zunächst scheint die Wahl eines persönlichen Geburtshelfers sehr wichtig zu sein, da die meisten Frauen mit der Betreuung ihres persönlichen Geburtshelfers zufriedener waren, als Frauen, die vom "zufällig" diensthabenden Arzt entbunden wurden. Der Geburtshelfer scheint auch die Dauer der Geburt zu beeinflussen, da Frauen mit persönlichem Geburtshelfer deutlich kürzere Wehendauer angaben, als die andere Gruppe. Die Tatsache, dass dieser Faktor an eine sehr hohe Rate von sectiones gekoppelt ist, scheint keinen negativen Einfluss auf die Geburtserinnerung zu haben. 

Zusammenfassung: Bei einer Umfrage unter Gynäkologinnen Österreichs wurden zwei entscheidende Parameter gefunden, die das Geburtserlebnis zu einem befriedigendem werden lassen: eine Geburtsdauer längstens bis zu 12 Stunden und die zufriedenstellende persönliche Betreuung unter der Geburt . Beide Faktoren sind deutlich vom Geburtshelfer abhängig, aber unabhängig von der Art des Geburtsmodus (spontan- sectio- vag operativ). Die hohe Rate an sectiones bei Fachärztinnen in Koppelung mit der hohen Zufriedenheit wirft zwei Fragen auf:

  1. Ist die kurze Geburtsdauer weitaus befriedigender als der Geburtsmodus (die Sectio-Gruppe hatte niedrigere Geburtsdauer als die spontan Entbundenen), sogar wenn das Erlebnis der Spontangeburt fehlt?
  2. Ist eine Sectio für Frauen kein Misserfolgserlebnis, sondern kann sogar zu einem sehr befriedigendem Geburtserlebnis werden?

M. Krumpl-Ströher, P. Sevelda, Ärzte Woche 18/2002

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