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Depressive Schwangere unbedingt behandeln

Die Patientin litt unter chronischen Schlafstörungen und Depressionen. Sie hatte außerdem Panikattacken bekommen und in den vergangenen drei Wochen fünf Kilogramm abgenommen, als sie mit ihrem Arzt entschied, Nortriptylin einzunehmen. Wenige Tage nach der Entscheidung erfuhr die junge Frau, dass sie schwanger war. Was tun?
Der Psychiater und der Gynäkologe rieten von der Medikation ab mit der Begründung, Nortriptylin sei nicht sicher für das Kind. Nach einer speziellen Beratung für schwangere Frauen mit seelischen Störungen entschied sich die Frau für eine Nortriptylin-Therapie. Mit gutem Ergebnis: Die Depressionen besserten sich innerhalb weniger Wochen, das Baby kam gesund auf die Welt.

Risiken einer Therapie oft überschätzt

Den Nutzen einer medikamentösen, antidepressiven Therapie für die Mutter gegen die potenziellen Risiken für das Kind abzuwägen, ist oft schwierig und erfordert eine intensive Beratung, berichtete Professor Katherine L. Wisner bei der Jahrestagung der amerikanischen psychiatrischen Gesellschaft in New Orleans. "Wenn eine Frau in der Schwangerschaft schwere Depressionen hat und nicht behandelt wird, ist das Risiko groß, dass die Erkrankung auch nach der Geburt des Kindes bestehen bleibt und chronisch wird", sagte Wisner.

Acht bis zehn Prozent der Schwangeren leiden unter Depressionen und etwa ebenso viele auch nach der Geburt des Kindes, berichtete Professor Lee S. Cohen aus Boston. Die Risiken einer Psychopharmaka-Therapie für das Kind wie Fehlgeburt, körperliche Fehlbildungen sowie Wachstums- und geistige Entwicklungsverzögerungen für das Kind würden häufig überschätzt.
In einer Metaanalyse von vier Studien mit etwa tausend Frauen, die Antidepressiva während der Schwangerschaft eingenommen hatten, stellte Wisner fest, dass es keinen Hinweis auf ein erhöhtes Fehlgeburtsrisiko bei den trizyklischen Antidepressiva gibt und auch nicht bei den Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (SSRI).

All diese Substanzen passieren die Plazenta, so Professor Zachary N. Stowe, Psychiater an der Emory University in Atlanta. Auch schwere Körperfehlbildungen treten bei diesen Substanzen nach den Ergebnissen von Wisners Untersuchung nicht häufiger auf als in Kontrollgruppen ohne Antidepressiva. Ebenfalls keine signifikanten Unterschiede gibt es bei den genannten Substanzen Wisners Meta-Analyse zu Folge in Bezug auf das Geburtsgewicht, die Körperlänge und den Kopfumfang des Kindes.
In einer Studie wurde untersucht, wie sich Kinder geistig-seelisch entwickeln, deren Mütter in der Schwangerschaft trizyklische Antidepressiva oder Fluoxetin, eingenommen hatten. Sie wiesen weder kognitive Leistungseinbußen noch psychische Störungen auf.

Medikamente eventuell reduzieren

Bei trizyklischen Antidepressiva, die bis zum Ende der Schwangerschaft eingenommen werden, könnten um die Geburt vorübergehend Entzugserscheinungen beim Kind auftreten, so die Forscherin. Das seien zum Beispiel Tachypnoen, leichte Tachykardien und Bewegungsstörungen sowie Probleme beim Stillen gewesen. Auch wenn Fluoxetin bis zur Geburt eingenommen worden war, seien gelegentlich Entzugssymptome beim Kind beobachtet worden, die Daten hierzu seien aber widersprüchlich. Sie wies darauf hin, dass Fluoxetin eine relativ lange Halbwertszeit habe und Babies die Substanz möglicherweise noch nicht gut metabolisieren könnten. Man könne je nach Rückfallrisiko für die Mutter erwägen, die Substanzen zehn bis 14 Tage vor dem erwarteten Geburtstermin zu reduzieren, um Entzugserscheinungen zu vermeiden.

Intrauteriner Stress

Lee S. Cohen konnte in einer Studie mit 70 Kindern, deren Mütter SSRI inklusive Fluoxetin eingenommen hatten oder trizyklische Antidepressiva allerdings keine Wirkungen auf das Kind feststellen. Die Frauen hatten die Substanzen bis zur Geburt und darüber hinaus eingenommen.
Cohen: "Natürlich gibt es in Bezug auf Antidepressiva keine absolute Sicherheit für das Kind. Aber es ist zu verantworten und auch ratsam, schwangere Frauen mit Depressionen medikamentös zu behandeln. Die Gefahr, dass die Depression post partum weiterbesteht, ist groß. Frauen haben sogar unmittelbar nach der Geburt ein erhöhtes Risiko für Depressionen."

Die Wissenschaftler wiesen darauf hin, dass eine schwere Depression nicht nur der werdenden Mutter, sondern auch dem Kind schaden könne.
Wenn die betroffenen Frauen zu wenig essen, was bei schweren Depressionen häufig ist, haben die Kinder bei der Geburt eher Untergewicht. Außerdem sei das Risiko für Frühgeburten erhöht, so Wisner.
Und schließlich reagieren Kinder, die schon intrauterin Stress ausgesetzt waren, nach der Geburt ebenfalls verstärkt mit Stresssymptomen, wie Stowe mit einer Untersuchung belegen konnte.

ÄZ/Nicola Siegmund-Schultze, Ärzte Woche 24/2001

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