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Non-Disease: Wie wäre es, die Menopause nicht als Krankheit aufzufassen, sondern als Chance auf Weiterentwicklung?
 

Das Lachen der Sara

Ethische Bemerkungen zu Lebensklima und Klimakterium.

Der postmenopausale Lebensabschnitt ist eine Einladung zu neuer Autorität und einer neuen, anderen Fruchtbarkeit. Den Ärzten kommt in der Begleitung von Frauen durch die Wechseljahre besondere Verantwortung zu: als „Sherpas und Körperwärter“.

In seinen sprachwissenschaftlichen Überlegungen zum Begriff „Leben“ geht C. S. Lewis auf den Zusammenhang zwischen „Leben“ und „Blut“ ein; ein Verlust von Blut und Blutfluss ist auch ein Verlust von Leben und muss in seinen existentiellen Dimensionen ernst genommen werden. Ein Weg, Einsichten in die existentielle Dimension der Menopause zu erhalten, besteht in einem Blick auf einen Mythos.

Die postmenopausale Sara

Ein Mythos erzählt, nach einem Wort Sallusts, das, was nie geschah, aber immer wahr ist, was also historisch nicht greifbar ist, aber Ordnungsprinzipien zum Ausdruck bringt. Eine solche Orientierungserzählung finden wir im Alten Testament im Buch Genesis in der Gestalt der Sara (Sarai). Zum Zeitpunkt des Eintretens der Menopause ist Sara eine Frau mit Lebenserfahrung, sie hat Schwieriges und auch Schuldhaftes erfahren, verbrachte aufgrund einer Lüge Abrahams eine Zeit im Palast des Pharaos (Gen 12), behandelte ihr Magd Hagar grausam und hart (Gen 16).

Die postmenopausale Frau Sara wird als Person mit neuer Autorität dargestellt – sie legt in dieser Lebensphase den Namen „Sarai“ ab und wird „Sara“ („Herrin“) genannt (Gen 17,15). Sie muss sich allerdings in dieser Situation auch gegen das Lachen der Anderen und gegen den eigenen Zynismus wehren: Abraham lacht angesichts der Verheißung, dass seine Frau noch ein Kind bekommen wird (Gen 17,17), so wie auch Sara in sich hineinlacht, als sie diese Ankündigung vernimmt (Gen 18,12). Der Kampf gegen die Verachtung der Anderen weist auf die soziale Bedeutung der Menopause hin, der Kampf gegen den eigenen Zynismus, der vom Leben nichts mehr erwarten lässt, auf den Kampf gegen die eigene Resignation.

Neue Autorität

Die Botschaft, die dem Mythos des Buches Genesis entnommen werden kann, könnte lauten: Höre nicht auf, dem Leben eine neue Fruchtbarkeit und dir eine neue Autorität aufgrund dieser anderen Fruchtbarkeit zuzutrauen! Das wird deutlich im Vers Gen 18,14: „Ist beim Herrn etwas unmöglich?“ – diese mythische Erzählung scheint folgende Einsicht in die Menopause zu vermitteln: Der postmenopausale Lebensabschnitt ist eine Einladung zu neuer Autorität und anderer Fruchtbarkeit.

Den Ärztinnen und Ärzten kommt in diesem Zusammenhang der Arbeit an neuer Fruchtbarkeit eine besondere Verantwortung zu. Ich möchte zwei ärztliche Rollen in der Begleitung von Frauen durch die Wechseljahre nennen: die Rolle der Sherpas und die Rolle der Körperwärter.

Zur Rolle der Reisebegleiter

Altern ist eine Expedition. Menschen, die in einem Familienverband und sozialen Gefüge altern, sind Pioniere, die anderen zeigen, was ein Eintreten in einen bestimmten Lebensabschnitt bedeuten kann. Dazu brauchen diejenigen, die einen hohen Berg erklimmen, geschulte Sherpas, denen es darum geht, die betreffende Person im Aufstieg zu unterstützen. Hier stellt sich die Frage nach den relevanten Lebensaufgaben.

„Human females stop reproducing long before they die“ (Johnstone et Cant, 2010): Die Beobachtung eines langen menopausalen Lebensabschnitts bringt Überlegungen zu „Spätlebensaufgaben“ mit sich. Hier kann man sich mit Blick auf die neue Autorität, wie wir sie bei Sara gesehen haben, neue Verantwortungsformen („late life helping“) im sozialen Rahmen überlegen.

Frauen mit Lebenserfahrung haben Autorität und können diese in Form von Verantwortung einbringen. Das ist eine Frage der robusten Identität, die auch durch die Wechseljahre hindurch nicht brüchig wird. Hier haben Ärztinnen und Ärzte eine Verantwortung in der Identitätsbegleitung. Frauen in den Wechseljahren stehen vor der Herausforderung robuster Identität, die auch durch Übergänge stabil bleibt, mit ihren Säulen der Anerkennung, Zugehörigkeit und einem Verständnis dessen, was mit starker Sorge erfüllt und wichtig ist. Identität kann durch eine Einsicht in das, was wichtig ist („robust concern“) ebenso gestärkt werden wie durch das Bemühen sozialer Netze. Fielder und Kurpius haben etwa gezeigt, dass menopausale Symptome in glücklichen Ehen weniger stark auftreten als in weniger glücklichen Partnerschaften – diese Stützen mögen Ärzte in ihrer Rolle als Sherpas thematisieren, erkennen und bestärken.

Zur Rolle der Körperwärter

Der Philosoph Michel Foucault hat auf die Bedeutung der „Biopolitik“ aufmerksam gemacht, auf die Bedeutung von Macht, die am Körper und im Körper vollzogen wird. Hormonbehandlungen können in diesem Zusammenhang als Normierungstätigkeiten verstanden werden, die einem bestimmten Standard zu genügen haben und den Körper entsprechend diesem Standard gefügig machen sollen und entsprechend zurichten. Hier stellen sich neben Fragen der Macht (Wer entscheidet über den Standard und das entsprechende Zurichten des Körpers?) auch Fragen des kulturellen Kontexts und der Verortung des Klimakteriums.

Es ist interessant, dass in einer Sprache Papua Neuguineas ein Wort für postmenopausale Frau „erfüllte Frau“ bedeutet, die im Status dem Mann gleich gestellt wird. Hier wird der Arzt nicht umhin kommen, sich auch Gedanken über den kulturellen Kontext des eigenen Tuns zu machen. Eine hilfreiche kritische Kategorie kann in diesem Zusammenhang der Begriff der „non-disease“ sein, die Idee von medizinisch harmlosen Phänomenen (Haarausfall von Männern, herabhängende Tränensäcke), die durch kulturelle Faktoren pathologisiert werden. Ist die Menopause tatsächlich eine Estrogenmangelkrankheit?

Die existentielle Dimension der Menopause weist auf die Last von Zynismus (das Lachen Abrahams und das Lachen der Sara) hin, auf das Potenzial einer anderen Fruchtbarkeit und einer neuen Autorität und auf die besondere Verantwortung der ärztlichen Reisebegleiter auf diesem Weg. Diese Reisebegleitung kann eine Richtung haben, die Lars Tornstam mit dem Begriff der „gerotranscendence“ bezeichnet hat – den Übergang von materiellen zu immateriellen Werten als Ausdruck und Ermöglichung guten Alterns.

Prof. DDDr. Clemens Sedmak ist Theologe und Philosophieprofessor am King’s College London, Leiter des Zentrums für Ethik und Armutsforschung der Universität Salzburg und Präsident des Internationalen Forschungszentrums für soziale und ethische Fragen (ifz), Salzburg.

Literatur

[1] C.W. Lewis, Studies in Words. Cambridge: CUP 2002 (reprint), Kap. 10.

2 R.A: Johnstone, M.A. Cant, The evolution of menopause in cetaceans and humans. Proc Biol Sci. 2010 Dec 22;277(1701):3765-71.

3 K.V. Fielder, S.E. R. Kurpius, Marriage, Stress and Menopause: Midlife Challenges and Joys. Psicologia 19,1-2 (2005) 87-106.

4 M. Foucault, Die Geburt der Biopolitik. Frankfurt/Main: Suhrkamp 2006.

5 C. Binder-Fritz, Transkulturelle Perspektiven auf die Wechseljahre: Körperbilder-Körperfragen. Journal für Menopause 12,2 (2005) 7-13; M. Wolf, Körper ohne Gleichgewicht. Die kulturelle Konstruktion der Menopause. Münster: LIT 2009.

6 R. Smith, In search of “non-disease”. British Medical Journal 324 (2002) 883-885.

7 L. Tornstam, Gerotranscendence. A Developmental Theory of Positive Aging. New York: Springer 2005.

Clemens Sedmak, Ärzte Woche 1/3/2015

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