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Harninkontinenz nicht verschweigen

ede dritte Frau über 50 Jahren leidet an einer Form der Harninkontinenz. Gesprochen wird darüber aber höchst selten. Nur ein Drittel bis ein Viertel der erkrankten Frauen geht mit diesem Problem zum Arzt. Dabei ist eine erfolgreiche Therapie in den meisten Fällen möglich.

Die häufigste Form der Harninkontinenz ist die Belastungsinkontinenz. Bei dieser Störung kommt es durch Niesen, Husten oder körperliche Aktivitäten, wie etwa Springen oder Heben, zu unkontrolliertem Harnverlust. „Von dieser Form der Harninkontinenz sind dreimal mehr Frauen als Männer betroffen“, erklärt Doz. Dr. Stephan Madersbacher, Vorstand der Abteilung für Urologie am Wiener Donauspital. „92 Prozent aller Frauen, die unter Harninkontinenz leiden, erkranken an einer Belastungsinkontinenz“. 40 Prozent davon sind ausschließlich von Belastungsinkontinenz betroffen, 54 Prozent leiden an einer Mischinkontinenz. „Extrapoliert man diese Daten auf die österreichische Bevölkerung, so bedeutet das, dass bei rund 780.000 Frauen eine Misch­inkontinenz mit einer Belastungskomponente und bei 340.000 Frauen eine reine Belastungsinkontinenz vorliegt“, erläutert Prof. Dr. Engelbert Hanzal, Oberarzt an der Klin. Abt. für Gynäkologie und Geburtshilfe der Univ.-Klinik für Frauenheilkunde am AKH Wien. „Eine Dranginkontinenz, bei der es zu unfreiwilligem Harnabgang bei intaktem Verschlussmechanismus durch ungehemmte Detrusorkontraktionen kommt, ist in gut der Hälfte der Fälle mitbeteiligt und die zweithäufigste Form der Harninkontinenz. Während Misch- und Dranginkontinenz mit steigendem Alter zunehmen, tritt die Belastungsinkontinenz vor allem bei jüngeren Frauen sowie Frauen mittleren Alters auf. Eine andere, deutlich seltener auftretende Form der Harninkontinenz ist die Reflexinkontinenz, die durch eine abnorme spinale Reflexaktivität gekennzeichnet ist. Sie tritt etwa bei hoher Querschnittlähmung auf. Dazu kommen weiters die Überlaufinkontinenz, bei der der Blasendruck wegen passiver Überfüllung der Harnblase den Harnröhrendruck übersteigt, und die extrautherale Inkontinenz, bei der der Urin außerhalb der Harnröhre, z.B. über Blasen-Scheidenfisteln, abfließt.

Schamhafter Rückzug

Harninkontinenz wird von der International Continence Society (ICS) als unkontrollierter Urinabgang mit sozialen oder hygienischen Problemen beschrieben. 86 Prozent der Frauen mit Belastungsinkontinenz leiden darunter, aber nur rund 30 Prozent suchen einen Arzt auf. „Belastungsinkontinenz wird oft aus Scham verschwiegen, was dazu führt, dass sich die Frauen nicht selten aus ihrem Berufsleben und von sozialen Aktivitäten zurückziehen“, erklärt die Leiterin des Wiener Institutes für Sozialmedizin, Prof. Dr. Anita Rieder. Im Rahmen einer Prävalenzstudie von Doz. Madersbacher stellte sich heraus, dass zwei Drittel der Frauen sich durch die Harninkontinenz in ihrer Lebensqualität beeinträchtigt fühlen.

Beckenbodentraining oder OP

Jede Inkontinenzform erfordert eine andere Therapie. Bei der häufigsten Form der Harninkontinenz, der Belastungsinkontinenz, standen lange Zeit nur konservative Methoden, wie Verhaltenstherapie, Lebensstilmodifikationen und Beckenbodentraining, sowie operative Methoden, wie die TVT-Operation (Tension free Vaginal Tape) zur Verfügung. Mit Beckenbodentraining werden, je nach Schweregrad der Erkrankung und Durchhaltevermögen der Patientin, in der Literatur Erfolgsraten zwischen 30 und über 90 Prozent angegeben. „Immerhin rund 70 Prozent unserer Patientinnen gaben an, mit den konservativen Behandlungsstrategien zufrieden zu sein“, stellt Prof. Dr. Helmut Madersbacher, Leiter der Neuro-Urologischen Ambulanz am LKH Inns­bruck fest. Die Kontinenzraten mit einer TVT-Operation liegen zwischen 74 und 95 Prozent. „Für viele Frauen ist allerdings ein operativer Eingriff keine therapeutische Option“, gibt Prof. Madersbacher zu bedenken.

Medikamentöse Alternative

Im Gegensatz zur Dranginkontinenz konnte die Belastungsinkontinenz lange Zeit nicht medikamentös behandelt werden. Anticholinergika, wie sie bei der ­Dranginkontinenz zum Einsatz kommen, zeigten in der Behandlung der Belastungsinkontinenz keine Wirkung. Seit Oktober vergangenen Jahres ist mit dem Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer Duloxetin erstmals eine medikamentöse Alternative zur Behandlung der Dranginkontinenz auf dem Markt. Das Medikament steigert die Schließmuskelaktivität der Harnröhre und führt zu einer Abnahme der Inkontinenzepisoden. Wenn Frauen nach der Menopause von Belastungsinkontinenz betroffen sind, hat sich eine orale oder lokale Östrogentherapie ebenfalls als wirksam erwiesen. Für die lokale Anwendung steht dabei Estriol als Creme, Suppositorium oder als Silikonring zur Verfügung. Außerdem kann Östrogen oral, als Pflaster oder Depotspritze verabreicht werden. Östrogen bewirkt eine vermehrte Proliferation des Harnröhrenepithels und erhöht die Sensitivität der Alpha-Rezeptoren, die den Tonus der glatten Muskulatur von Blasenhals und Harnröhre steuern.

Achtung auf Nebenwirkungen

Während sich in der Therapie der Belastungsinkontinenz bisher nur ein Medikament als wirksam erwiesen hat, bestehen in der Behandlung der Dranginkontinenz mehrere medikamentöse Möglichkeiten. „Am häufigsten werden Anticholinergika eingesetzt“, erläutert Prof. Madersbacher. „Die Wirkung ist gut belegt und hat sich über Jahre in der Praxis bewährt.“ Zu den gängigsten Anticholinergika zählen Oxybutynin, Propiverin, Tolterodin sowie das quartiäre Amin Trospiumchlorid. Zu beachten ist dabei, vor allem bei älteren Patientinnen, dass die drei erstgenannten Substanzen, die Blut-Hirn-Schranke passieren und zentralnervöse Nebenwirkungen auslösen können. Trospiumchlorid ist nicht liquorgängig. Für alle Anticholinergika gilt, dass sie Nebenwirkungen wie Mundtrockenheit, Obstipation und Erhöhung des Augeninnendrucks auslösen können. ExpertInnen empfehlen eine einschleichende Dosierung der Medikamente mit zweimal 15 mg pro Tag, um die Verträglichkeit zu erhöhen. Die maximale Anticholinergika-Dosis pro Tag beträgt 60 mg.

Therapeutische Alternativen

Neben Anticholinergika stehen tertiäre Amine, die direkt die Kalziumkanäle der Zellmembran blockieren, was zu einem intrazellulären Kalziumabfall führt, zur Therapie der Dranginkontinenz zur Verfügung. Zu diesen Substanzen gehören Oxybutynin sowie Propiverin. Reine Kalziumkanalblocker wie etwa Flavoxat wirken ausschließlich über die Kalziumkanäle und bessern die Drangsymptomatik etwas weniger gut als Anticholinergika.

Quellen:
Symposium: „Neue Wege in der Therapie der Belastungsinkontinenz“, 16. Oktober 2004, Hotel im Palais Schwarzenberg,
www.forum-bela.at
Ärztezeitung „Forschung und Praxis“, Jahrgang 24, Nr. 404, Februar 2005

Sabine Fisch, Ärzte Woche 15/2004

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