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Experten-Consensus für die Praxis

Neue internationale Studien bestätigen dem synthetischen Steroidhormon Tibolon (Liviel®) hohe Sicherheit. Darauf basierend erstellten nun fünf heimische Fachgesellschaften eine Empfehlung zur Hormonersatztherapie.

Vor einigen Jahren war die Welt der Hormonersatztherapie (HRT) noch in Ordnung. Studien wie die Women’s Health Initiative (WHI) oder die One-Million-Women-Study beendeten vor drei Jahren allerdings abrupt die Euphorie. Eine große Verunsicherung von Ärzten und Patientinnen war die Folge. „Dieses Thema hat speziell in den letzten Jahren zu teilweise emotional und rational nicht mehr nachvollziehbaren Diskussionen geführt“, erklärte Dr. Christian Menzel, Vorstand der Univ.-Klinik für Spezielle Gynäkologie der Paracelsus-Medizinischen Privatuniversität, bei einer Consensus-Veranstaltung Mitte April im Wiener Billrothhaus. „Die Palette der Standpunkte reichte von ‚Hormone als Spender ewiger Jugend‘ bis ‚Hormone erzeugen Krebs’. Die Studienlandschaft zur HRT zeichnete sich durch divergierende Ergebnisse und methodische Mängel aus“, so Menzel.

Folgen der Verunsicherung

Oft wurde auf Phytopräparate zurückgegriffen, nach dem Motto „nihil nocere“. Darunter litten vor allem jene Frauen, die aufgrund ihrer klimakterischen Beschwerden dringend einer Therapie bedurften und sich angesichts der Diskussion nicht dazu entschließen konnten bzw. diese abbrachen. Von dieser Kontroverse blieb auch Tibolon (Liviel®) nicht verschont. Menzel: „Eine Substanz, die für spezielle Patientengruppen, für die eine herkömmliche Hormontherapie nicht möglich oder geeignet war, schlechthin die Lösung ihrer klimakterischen Probleme darstellte.“ Während Östrogene und kombinierte Östrogen-Gestagen-Therapien zu einer Zunahme der Dichte des Brustdrüsengewebes führen und das Endometriumgewebe stimulieren, zeigt das synthetische Steroidhormon Tibolon diese Wirkweise nicht. Es ist der erste Vertreter einer Substanzklasse in der HRT, der im Hinblick auf das Gewebe selektiv wirkt: Sowohl mit den Östrogenen als auch mit den Gestagenen und vor allem auch androgenen Rezeptoren kann Tibolon reagieren. Dies liegt im Wesentlichen an den Metaboliten, in die es nach oraler Einnahme abgebaut wird. Gerade bei Frauen mit Wechselbeschwerden nach einer Brustkrebstherapie ist dies von großem Vorteil.

Konsensus-Empfehlung

So haben sich fünf renommierte österreichische Fachgesellschaften zu einem Experten-Hearing entschlossen, um einen Konsensus hinsichtlich der Wertigkeit von Tibolon zu schaffen: Am 4. Dezember 2004 einigten sich die Gesellschaft für Senologie (ÖGS), die Arbeitsgemeinschaft Gynäkologische Onkologie der Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (AGO), die Menopausegesellschaft, die Gesellschaft für Sterilität, Fertilität und Endokrinologie sowie die Röntgengesellschaft (ORG) auf einen Consensus mit einer klaren Aussage: Die Anwendung von Tibolon für die Behandlung schwerer klimakterischer Beschwerden wird – bei entsprechender Indikationsstellung – von allen fünf Fachgesellschaften empfohlen. „Nach derzeitiger Studienlage stellt Tibolon“, wie Menzel betont, „ein effektives, weitgehend nebenwirkungsfreies Präparat mit einer nachgewiesenen Sicherheit dar.“

Zustimmung der Radiologie

Auch aus radiologischer Sicht wirkt sich die klassische HRT durch einen möglichen Anstieg der diffusen Brustdichte diagnostisch erschwerend und damit ungünstig aus. Dies bewirkt in der Praxis, dass bei der Mammografie kleine Karzinome „verschleiert“ werden können, vor allem bei einem an sich schon dichten Brustgewebe (BI-RADS-Stadien 3 und 4). Unter Tibolon ist hingegen keine oder nur eine geringe Änderung der Brustdichte zu beobachten. Es kommt auch zu keiner Größenzunahme von Zysten. Nach einer aktuellen Studie aus Wien, die kürzlich im „British Journal of Obstetrics and Gynaecology“ veröffentlicht wurde, ist Tibolon mit großer Wahrscheinlichkeit für Frauen nach Brustkrebs und unter Tamoxifen die sicherste Form der HRT. Die Kombination von Tamoxifen und Tibolon führte in der Untersuchung zu keinerlei Stimulation des Endometriums. Die Ergebnisse der Pilotstudie der Universitäts-Frauenklinik werden derzeit in einer großen Untersuchung (LIBERATE-Studie) an 3.100 Frauen weltweit überprüft. Speziell für niedergelassene Ärzte bedeutet das Ergebnis des Consensus eine Erweiterung der Medikamentenpalette und zugleich eine Qualitätssicherung der Verschreibung. Menzel: „In der Klinik besteht der Vorteil, therapeutische Empfehlungen im Rahmen der klinischen Gesamtstruktur leichter erarbeiten und verantworten zu können. Der Arzt in der Praxis befindet sich in einer wesentlich schwierigeren Lage. Er allein entscheidet, übernimmt dafür die volle Verantwortung und hat nicht die Möglichkeit, im Zweifelsfall vor Ort in einem größeren Kreis von Kollegen zu diskutieren. So ist er mehr als jeder andere Arzt auf Leit- und Richtlinien sowie Konsensusempfehlungen angewiesen.“ Zudem soll die Consensus-Empfehlung auch Druck auf die Versicherungsträger machen, die zur Zeit restriktive Verschreibbarkeit von Tibolon im Boxensystem zu vereinfachen.

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