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„Das Fach muss zusammenbleiben!“

Der amtierende Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (ÖGGG), Prof. Dr. Sepp Leodolter, sieht die umfassende Betreuung von Patientinnen als zukunftsweisenden Auftrag für die facettenreich gewordene Frauenheilkunde.

„Ursprünglich war die Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe eine wissenschaftlich orientierte Vereinigung. In den letzten Jahren hat sie sich allerdings auch gesellschaftspolitischen und rechtlichen Fragen zugewendet“, resümiert Leo­dolter im Gespräch mit der ÄRZTE WOCHE kurz vor Ende seiner Amtsperiode im Mai 2005. „Schließlich weist unser Fach ein äußerst breites Spektrum auf.“ Erfreulich für einen Gynäkologen sei, wenn in der Ordination drei oder vier Generationen aus- und eingehen: Von der Jugendlichen, die ein Kontrazeptivum bekommen möchte, über die Frau Mitte 30 mit Kinderwunsch, die Patientin im Klimakterium bis zur Dame im Senium, die zur Krebsvorsorge kommt. „Trotz dieser großen Bandbreite handelt es sich um ein Fachgebiet“, betont Leodolter.

Kann der Frauenarzt wirklich als Arzt der Frau gesehen werden?

Leodolter: Laut Statistiken ist der Gynäkologe bei Frauen zwischen dem 14. und 50. Lebensjahr der ärztliche Ansprechpartner schlecht­hin. Eine umfassende Gesundheitsberatung, die über die Grenzen des Fachgebiets hinausgeht, ist dadurch oft an der Tagesordnung. Unser Aufgabenbereich kann von der konkreten Behandlung klassisch gynäkologischer Probleme über das Management einer Adipositas bis hin zur Lifestyle-Beratung reichen. Die Frauen erwarten sich vom Arzt ihres Vertrauens eine umfassende Betreuung. Ein Großteil der beim Frauenarzt durchgeführten Kontrollen betrifft die Vorsorgemedizin. So sollten wir etwa in der Lage sein, im Hinblick auf eine geplante Schwangerschaft unter dem Schlagwort „Prepare for pregnancy“ eine umfassende Beratung anzubieten. Die Evaluierung des Impfstatus gehört genauso dazu wie eine Empfehlung zur Folsäure-Substitution. Wir können nicht Themen ausblenden, nur weil sie möglicherweise jenseits der gynäkologischen Fachgrenzen liegen.

Das klingt nach möglichen Kompetenzproblemen mit benachbarten Fächern ...

Leodolter: Wir haben die Kollegen der anderen Fachrichtungen in unser Fortbildungsangebot integriert; sie bieten entsprechende Kurse für Gynäkologen an. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit ist wichtig, allerdings liegt der Sinn dieser Fortbildung auch darin, dass die Gynäkologen ihr Behandlungsspektrum erweitern können. Schließlich wenden sich die Patientinnen mit ihren Anliegen an ihren Gynäkologen. Dies gilt auch für Erkrankungen der Brust. Die Frauen erwarten, dass ihr Vertrauensarzt auch die Therapie übernimmt. Bereits jede zweite Patientin wird hinsichtlich der Operation eines Mammakarzinoms auf einer gynäkologischen Abteilung betreut.

Es wurde in den vergangenen Jahren viel von der „individuellen Behandlung der Frauen“ gesprochen.

Leodolter: Unser Fach hat sich in den vergangenen Jahren einer zunehmenden Individualisierung zugewandt. Gab es früher zu jeder Indikation eine bestimmte Operation, so können wir heute verschiedene Methoden anbieten, die individuell auf eine Patientin abgestimmt sind. Allein auf dem Gebiet der Inkontinenzbehandlung sind mehrere Vorgehensweisen möglich. Die individuelle Therapieplanung gehört mitt­lerweile zum Grundverständnis unseres Fachgebietes.

Der Gynäkologe hat bei Frauen auch jenseits des Klimakteriums seine Schuldigkeit noch nicht getan ...

Leodolter: Viele Frauen denken, dass der Gynäkologe nach der Menopause für sie nicht mehr zuständig wäre. Gerade in dieser Altersgruppe kommt aber der Krebsvorsorge, im Sinne regelmäßiger gynäkologischer Kontrollen, ein großer Stellenwert zu. In der Onkologie ist in den letzten Jahren trotz gleich bleibender Inzidenz von Karzinomen die Mortalität drastisch gesunken. Dies ist sicher der Verdienst einer guten Vorsorge im Sinne der primären und sekundären Prävention. Das Aufspüren kurativer Malignome und ein effektives therapeutisches Management haben in jüngerer Zeit zu einer erheblichen Steigerung der Lebensqualität der Betroffenen beigetragen. Der Qualitätssicherung kommt hier großer Stellenwert zu. Die Arbeitsgemeinschaft für Gynäkologische Onkologie (AGO) versucht zurzeit, eine landesweite Erhebung von Daten zu Diagnose und Therapie in der Frauenheilkunde durchzuführen.

Wie ist der aktuelle Stand beim österreichweiten Geburtenregister?

Leodolter: Früher herrschte hierzulande eine Art Schrebergartenmentalität, was die Geburtshilfe anbelangt. Jede Abteilung führte eine eigene Geburtsstatistik. Eine zentrale Dokumentation der Daten mit entsprechender Auswertung findet mittlerweile in 60 bis 70 Prozent aller Geburten statt, die landesweite Flächendeckung ist das Ziel. Das Österreichische Geburtenregister stellt ein Qualitätsverbesserungsprojekt dar, mit der Senkung der perinatalen Mortalität und Morbidität als Hauptziel.

Welche geburtshilflichen Trends zeichnen sich ab?

Leodolter: Die Daten dazu werden gerade ausgewertet. Der generelle Trend geht sicher in Richtung einer höheren Sectiorate. Bei Komplikationen vor und während der Geburt tendiert man heutzutage vermehrt zur Schnittentbindung. Nicht zuletzt spielt dabei auch die Mitentscheidung der Frau eine Rolle. Der paternalistische Ansatz in der Frauenheilkunde gehört der Vergangenheit an, er wird zunehmend von einer partnerschaftlichen Arzt-Patienten-Beziehung abgelöst. Insofern kommt der Aufklärung eine große Rolle zu. Ausreichend Information ist nötig, damit Frauen die medizinischen Entscheidungen mittragen können. Wir haben heute mit einer großen Zahl mündiger Patientinnen zu tun.

Wann ist mit ersten praxisrelevanten Ergebnissen zur HPV-Immunisierung beim Zervixkarzinom zu rechnen?

Leodolter: Die pathogenetische Rolle des Humanen-Papilloma-Virus (HPV) bei der Entstehung des Gebärmutterhalskrebses ist evident. Unsere Abteilung nimmt zurzeit an einer weltweiten Multicenter-Studie zur HPV-Impfung teil. Die für 2006 erwarteten Ergebnisse werden durchaus kurzfristige praktische Konsequenzen haben. In wenigen Jahren soll eine Impfung für alle Frauen als prophylaktische Maßnahme zur Vermeidung des Zervixkarzinoms zur Verfügung stehen. Bald wird diese Maßnahme genauso selbstverständlich sein wie etwa die Röteln­impfung. Der Impfschutz dürfte so stark sein, dass der Gebärmutterhalskrebs in den industrialisierten Ländern in Zukunft eigentlich kein Thema mehr sein wird.

In welche Richtung geht die Pränataldiagnostik?

Leodolter: Die sonografischen Untersuchungstechniken ermöglichen heutzutage schon sehr früh die Diagnose möglicher Fehlbildungen. Die Kosten dafür werden zum Teil auch von den Kassen übernommen. Im Sinne einer guten Schwangerenvorsorge sollte der Mutter-Kind-Pass dahingehend adaptiert werden, dass drei Ultraschalluntersuchungen als Standard vorgesehen sind.

Diese Frühuntersuchungen sind nicht unumstritten ...

Leodolter: Die Diskussion um die Pränataldiagnostik wird sowohl sachlich als auch sehr emotionell geführt. Dies ist aber ein gutes Beispiel für die Mündigkeit der Patientinnen. Jene Frauen, die keine diesbezügliche Untersuchung wünschen, sollen dazu auch nicht gedrängt werden. Hier belässt man es beim bisherigen Screening. Durch den frühzeitigen Ultraschall kann den Frauen mitunter eine Amniozentese erspart werden, problematische Entwicklungen sind schon früh zu erkennen. Es gehört allerdings eine gehörige Portion ärztliche Erfahrung dazu. Mit Fortbildungskursen sollten entsprechend approbierte Kollegen die hohe Qualität der Untersuchungen aufrecht erhalten.

Wie sehen Sie die Rolle der niedergelassenen Kollegen als Gate-Keeper?

Leodolter: Unser Fachgebiet ist bereits so komplex, dass es auch für Fachärzte vonnöten ist, Spezialisten beizuziehen, um eine optimale Betreuung der Patientinnen zu gewährleisten. Die niedergelassenen Kollegen müssen in der Lage sein, Risikomerkmale zu erkennen, um ein weiteres Prozedere einzuleiten. Bei Bedarf sollte eine Patientin an eine spezialisierte Stelle, etwa eine Dysplasieambulanz, ein pränataldiagnostisches Zentrum oder eine Endokrinologie, verwiesen werden. Die Spezialabteilungen können nicht erste Anlaufstelle sein, eine enge Kooperation mit den zuweisenden Kollegen ist daher erforderlich.

Welchen Wunsch haben Sie für den zukünftigen Weg der Frauenheilkunde?

Leodolter: Das Fach sollte zusammengehalten werden. Es steht auf mehreren Säulen, eine Aufteilung halte ich nicht für zielführend. Die allgemeine Gynäkologie, die gynäkologische Onkologie, der Bereich der perinatalen Diagnostik oder das Gebiet der Endokrinologie- und Sterilitätsbehandlung sind Teil eines Ganzen. Die Schaffung von Subdisziplinen ist zwar nötig, es gibt allerdings viel zu viele Berührungspunkte, als dass eine komplette Trennung sinnvoll erscheint. Der Frauen

Dr. Ronny Teutscher, Ärzte Woche 15/2004

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