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Heimisches Salz für werdende Mütter

Kinder brauchen Jod für die Gehirnentwicklung.

Moderne Ernährungsgewohnheiten gefährden die Versorgung mit Jod. Speziell für Schwangere und Stillende ist das ein Problem, denn Jodmangel in der Schwangerschaft hat direkte Auswirkungen auf die Intelligenz des Kindes.

Schon ab der 12. Schwangerschaftswoche besitzt ein ungeborenes Kind eine eigene Schilddrüse. In der Versorgung mit Jod ist es aber auf die Mutter angewiesen. „Ein ausreichender Jodgehalt im mütterlichen Blut ist ausschlaggebend für die Entwicklung der Intelligenz des Kindes“, betont Prof. DDr. Johannes Huber, Universitätsklinik für Frauenheilkunde, Wien. „Metaanalysen haben gezeigt, dass Jodmangel in der Schwangerschaft direkte Auswirkungen auf den Intelligenzquotienten des Kindes hat.“ Schon ein leichter Mangel kann geistige Entwicklungsstörungen zur Folge haben. Auch bei Frauen mit habituellen Aborten lohnt ein Blick auf die Schilddrüse, denn Hypothyreose kann zu Fehlgeburten führen.

Eine Jodspiegelmessung kostet nicht viel

„In der Schwangerschaft steigt der Jodbedarf: einerseits aufgrund des kindlichen Bedarfs, andererseits wird mehr Jod ausgeschieden“, erklärt Huber. Es kann also leicht zu einem Jodmangel kommen, der mit einem einfachen Urintest aufgedeckt werden könnte. Umso unverständlicher ist es für Huber, dass diese Untersuchung nicht routinemäßig durchgeführt wird: „Wenn man bedenkt, was – Gott sei Dank – schon alles in der Schwangerenbetreuung gemacht wird, erscheint es schwer erklärbar, warum man der Schilddrüse und dem Jod in der Schwangerenvorsorge so wenig Bedeutung beimisst.“

Die Empfehlung der European Society of Endocrinology lautet, dass zumindest Risikopatientinnen in der Schwangerschaft auf Jodmangel untersucht werden. Das sind Frauen mit Schilddrüsenerkrankungen in der Anamnese oder in der Familie, sowie Frauen mit habituellen Aborten. „Wichtig ist, dass die Gynäkologen danach fragen“, betont Huber. Die US-amerikanischen Guidelines empfehlen auch bei gut eingestellter Hypothyreose ein TSH-Screening ab der sechsten Schwangerschaftswoche und kurzfristige Kontrollen alle vier Wochen bei Frauen, die Schilddrüsenhormon einnehmen.

Fertigprodukte gefährden die Jodversorgung

Nach Einschätzung der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie (DGE) fördern moderne Ernährungsgewohnheiten den Jodmangel. „Zwar hat die Einführung von Jodsalz dazu geführt, dass sich die Versorgung insgesamt gebessert hat: Schwere geistige Behinderungen, die früher als Kretinismus in Jodmangelgebieten verbreitet waren, gibt es heute nicht mehr“, sagt Prof. Dr. Dr. Dagmar Führer, Vize-Präsidentin der DGE. Jedoch liege die Ausscheidung von Jod im Urin, die ein Maß für die Jodversorgung ist, in Deutschland nur knapp über dem Grenzwert von 100 Mikrogramm pro Tag. „Bei dem gesteigerten Bedarf während Schwangerschaft und Stillzeit kommt es regelmäßig zur Unterversorgung“, so Führer.

Die American Academy of Pediatrics schätzt, dass ein Drittel der schwangeren Amerikanerinnen eine grenzwertige Jodversorgung hat. In Europa dürfte die Situation ähnlich sein. „Seit dem Jahre 2000 droht bei uns wieder ein Jodmangel“, sagt DGE-Mediensprecher Prof. Dr. Helmut Schatz aus Bochum. Verantwortlich dafür könnte eine gewisse „Jodmüdigkeit“ sein, die zum Teil in eine richtiggehende „Jodgegnerschaft“ ausartet. Hinzu kommen Ernährungstrends wie die Verwendung von kaum jodhaltigem Meersalz oder auch Himalaya-Salz.

Außerdem haben sich die Ernährungsgewohnheiten geändert: „Immer mehr Menschen greifen auf Fertigprodukte aus dem Supermarkt zurück, bei deren Herstellung häufig kein Jodsalz verwendet wird“, sagt Schatz. Die global agierenden Konzerne lassen Jod weg und vermeiden dadurch Probleme, die sich aus den unterschiedlichen Vorschriften zur Jodierung in den einzelnen Ländern ergeben können.

„In Österreich ist die Lage ähnlich“, bestätigt Huber. „Die Lebensmittelindustrie scheut sich, jodiertes Salz zu verwenden, weil dieses für Frauen mit Morbus Hashimoto und erhöhten Antikörpern, aber auch bei Morbus Basedow, Adenom etc. schlecht wäre.“

Konkurrenz in der Schilddrüse

Die prekäre Jodzufuhr kann durch Umweltschadstoffe noch verschärft werden. Nitrate, Thiozyanate und Perchlorat werden wie das Jod über einen Natrium-Jodid-Symporter in die Schilddrüse gepumpt. Die Konkurrenz hat zur Folge, dass trotz ausreichender Jodzufuhr zu wenig Jod in die Schilddrüse gelangt und deshalb die Hormonproduktion zurückgeht. „Nitrate stammen meist aus dem Trinkwasser, wenn dieses aus privaten Wasserquellen wie etwa Hausbrunnen kommt“, sagt Schatz. Die wichtigsten Thiozyanatquellen sind dem Experten zufolge aktives und passives Rauchen. Perchlorate würden industriell freigesetzt.

Selen schützt

„Einen Jodmangel in der Schwangerschaft zu übersehen, ist peinlich“, meint Huber. „Die Diagnose ist einfach und kostet nicht viel.“ Etwas schwieriger kann sich die Behandlung gestalten, weil Jod von den werdenden Müttern nicht immer gut aufgenommen. Der Erfolg der Substitutionstherapie sollte daher ebenfalls regelmäßig kontrolliert werden.

Die DGE unterstützt die Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation, die Schwangeren und Stillenden nach Rücksprache mit ihrem Arzt zu einer täglichen Zufuhr von etwa 250 Mikrogramm Jod rät, da die Verwendung von Jodsalz im Haushalt in der Regel nicht ausreicht. „Das gilt insbesondere für Frauen, die sich vegan ernähren und keinen Fisch essen, der eine wichtige Jodquelle ist“, so Führer.

Da beim Einbau des Jods in Tyrosin massiv freie Radikale entstehen, empfiehlt Huber, zusätzlich den Selenspiegel zu überprüfen: „Ein Selen-Test kostet etwa zehn Euro. Das sollte man sich leisten, denn Selen ist das Antioxidativum für die Schilddrüse schlechthin.“

Nach der Geburt besteht für Frauen eine sensible Phase zur Entwicklung von Autoimmunerkrankungen wie z. B. Hashimoto-Thyreoiditis, sodass auch nach der Entbindung auf den Selenspiegel und die Schilddrüse geachtet werden sollte.

Die Evolution verlässt sich im Übrigen nicht darauf, dass die Schilddrüse in der Schwangerschaft gut funktioniert, und hat als Plan B eingerichtet, dass auch das Myometrium das Schilddrüsenhormon T3 bildet. „Das ist auch eine Erklärung dafür, dass manche Frauen nach Hysterektomie über Gewichtszunahme klagen“, so Huber.

Quellen: „Symposium für den endokrinen Kreis“, Wien, 23. bis 25. Mai 2014; Pressemitteilung der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften

Christine Lindengrün, Ärzte Woche 35/2014

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