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Allgemeinmedizin 5. Dezember 2005

Sexualität ohne Stress

Die Entwicklung der „Pille“ brachte die Möglichkeit, den Zeitpunkt einer Schwangerschaft selbst zu bestimmen, was für Frauen und Paare einen Meilenstein im Umgang mit ihrer Sexualität bedeutete. Doch falsche Anwendung sicherer Verhütungsmethoden, mangelndes Wissen und falsche Reaktionen bei möglichen Anwendungsfehlern sind offenbar noch immer weit verbreitet, wie eine aktuelle Umfrage dokumentiert.

Die Medizin hat mittlerweile ein weites Spektrum an Verhütungsmethoden entwickelt. Für sich die richtige Wahl zu treffen, setzt jedoch Wissen über die verschiedenen Möglichkeiten voraus. Die neue Österreichische Verhütungsinitiative (ÖVI), ein loser Zusammenschluss von Vereinen, Organisationen und FachexpertInnen, versteht Fragen der Sexualität und Verhütung als interdisziplinäres Anliegen. Das Thema Verhütung soll enttabuisiert werden, bestehende Probleme und Wissenslücken aufgezeigt und ein entsprechendes Bewusstsein geschaffen werden. Breite Schichten sollen zu den Verhütungsmethoden und deren richtiger Anwendung informiert werden, um letztendlich die Zahl an ungewollten Schwangerschaften und vor allem Schwangerschaftsabbrüchen zu reduzieren. In die verschiedenen Projekte werden nicht nur GynäkologInnen, sondern auch Hebammen, SexualtherapeutInnen, SexualpädagogInnen und LehrerInnen eingebunden.

Unbelastete Sexualität durch sichere Verhütung

Zwar sehen laut einer von der ÖVI veranlassten aktuellen Befragung von Frauen (n=2500; 15-45 Jahre) und Männern (n= 2500; 15-55 Jahre) in Österreich mit Partnern 94 Prozent der Frauen eine sichere Verhütung als Grundvorraussetzung für unbelastete Sexualität, dennoch verwenden 27 Prozent der Paare keine sichere Verhütung und fünf Prozent verhüten überhaupt nicht. 74 Prozent der Frauen wünschen sich mehr Informationen über Verhütungsmittel in den Medien (FesslGfK). Prof. Dr. Peter Husslein, Vorstand der Univ.-Klinik für Frauenheilkunde am AKH Wien, im Rahmen einer Pressekonferenz zur Präsentation der neuen Verhütungsinitiative am 6. Mai 2004 in Wien: „Bei der Lebens- und Familienplanung vieler Paare in Österreich spielt der Zufall noch immer eine zu große Rolle.“
„Dass die Information bisher nicht ausreichend war, zeigt sich auch darin, dass der Umfrage zufolge 67 Prozent der Frauen, welche die ‚Pille’ benutzen, zumindest einmal durch Vergessen der ‚Pille’ für mehr als zwölf Stunden vor einer unerwünschten Schwangerschaft ungeschützt waren“, erklärte Prof. Dr. Sepp Leodolter, Vorstand der klinischen Abteilung für Gynäkologie und Geburtshilfe am AKH Wien und Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe. „44 Prozent der Frauen, die beispielsweise durch Vergessen der Einnahme der ‚Pille’ ungeschützt sind, verhalten sich in einem solchen Fall falsch und riskieren damit eine ungewollte Schwangerschaft. 71 Prozent der Männer können sich überhaupt nicht daran erinnern, jemals in dieser Situation auf Sex verzichtet zu haben.“
„Verhütung ist aber nicht Frauensache“, betont die Wiener Psychologin Dr. Gerti Senger. „Die Entscheidung für eine passende Verhütungsmethode, die zur Persönlichkeit und zum Beziehungs-Stil passt, sollten im Idealfall beide Partner gemeinsam treffen.“ Die vorliegenden Daten zeigen hier allerdings die Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit: Sind sich Männer und Frauen in Österreich weitestgehend einig, dass die Entscheidung über die Verwendung eines Verhütungsmittels gemeinsam getroffen werden sollte (78% der Männer, 83% der Frauen), geben nur 48 Prozent der Frauen und 55 Prozent der Männer an, die Entscheidung über die derzeitige Verhütungsmethode tatsächlich gemeinsam getroffen zu haben.„Leider haben hier viele Paare noch Kommunikationsprobleme, obwohl ein Gespräch über Verhütung durchaus erotische Qualität haben kann“, meint die Paartherapeutin.

Frauen sehen Kinderwunsch offensichtlich differenzierter

Im Übrigen ist der Kinderwunsch in Österreich laut Umfragedaten offenbar eine „Domäne“ der Männer. 49 Prozent der Männer hätten gerne Kinder. Doch nur 22 Prozent der Frauen zwischen 15 und 45 Jahren geben an, schwanger werden zu wollen, wobei naturgemäß starke Abweichungen in den verschiedenen Altersgruppen zu sehen sind.„Frauen sehen diese Frage anscheinend differenzierter und beziehen ihre Antwort auf die jeweils konkrete momentane Lebenssituation. Kinder ja, aber zu einem bestimmten Zeitpunkt und geplant“, so Prof. Dr. Doris Gruber, Abteilung für Endokrinologie und Sterilitätsbehandlung am AKH Wien. Doch: „Jede fünfte Frau im Alter zwischen 15 und 45 Jahren war schon einmal ungewollt schwanger“, so Prof. Dr. Werner Grünberger, Vorstand der Abteilung für Frauenheilkunde und Geburtshilfe, Krankenanstalt Rudolfstiftung. „Die Dunkelziffer liegt wahrscheinlich noch höher.“

Problematik häufig verdrängt

Untersuchungen aus den USA zeigen, dass 48 Prozent aller Schwangerschaften ungeplant sind. Viele Frauen versuchen diese Problematik zu verdrängen. Grünberger: „93 Prozent negieren ein potenzielles Risiko, ungewollt schwanger zu werden. Dies alles führt schließlich zu Schwangerschaftsabbrüchen, die vermeidbar wären. Vor allem Jugendliche sind von dem Problem betroffen. Durch aktive Information müsste es auch gelingen, die hohe Rate an unerwünschten Schwangerschaften zu reduzieren.“ Prof. DDr. Johannes Huber, Vorstand der Abteilung für Endokrinologie und Sterilitätsbehandlung am AKH Wien: „Der Wunsch nach Sicherheit deckt sich durchaus mit den WHO-Kriterien für die Eigenschaften eines optimalen Verhütungsmittels, welche Ausgangsbasis für die Gestaltung von neuen Informationsmöglichkeiten waren, die nun der Öffentlichkeit vorgestellt werden.“ Eine Gratis-Hotline sowie eine Homepage sollen über aktuelle und leicht zugängliche Verhütungsmethoden informieren. Entsprechende Unterlagen wie Poster und Folder sollen breit in Schulen, Ordinationen und Beratungseinrichtungen verteilt werden. Aber auch alle zusätzlichen Multiplikatoren, z.B. Diskotheken, sind aufgerufen, Unterlagen zu bestellen. Paare sollen dazu bewegt werden, Verhütungsmöglichkeiten und Verhaltensweisen zu diskutieren, eine Vorauswahl zu treffen und nach Beratung mit zuständigen Experten eine entsprechende Entscheidung zu fällen. Huber: „Sichere Verhütung und Wissen um deren richtigen Anwendung bietet die Chance für verantwortungsvollen Umgang mit Sexualität und aktive Lebensplanung im 21. Jahrhundert.“

www.verhuetungs-initiative.at

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