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Gynäkologie und Geburtshilfe 25. November 2013

Die Komplexizität in der Frauenheilkunde

Die Sorge um den Knochen muss bereits um die Menopause beginnen.

Bereits vor dem Klimakterium beginnt der Knochen von Frauen vermehrt den trabekulären Anteil abzubauen.

Rezente Publikationen von Langzeitdaten des RANKL Antagonisten, aber auch die Einführung eines neuen Knochen-Anabolikums haben der Osteologie interessante intellektuelle Impulse gegeben, die erneut bestätigen, dass das für den Knochen sensible Zeitfenster in der weiblichen Biografie die Jahre unmittelbar nach der Menopause sind. Bereits vor dem Klimakterium beginnt der Knochen von Frauen vermehrt den trabekulären Anteil abzubauen, in dem die für Gewebsregeneration wichtigen mesenchymalen Stammzellen gebildet werden, die möglicherweise – und das ist noch Hypothese – in den kortikalen Teil des Knochen ausweichen müssen und dort die bekannte im Alter verstärkte Porosität hervorrufen.

Die Sorge um den Knochen muss deshalb – und das kristallisiert sich immer mehr als Common Opinion heraus – bereits um die Menopause beginnen und nicht erst in der sechsten Lebensdekade. Außerdem zeigt sich immer mehr, dass der Knochen nicht nur für den aufrechten Gang verantwortlich ist, sondern darüber hinaus auch in die Testosteronproduktion des Hodens, in die Insulinsekretion, in die Bildung mononukleärer Zellen und vor allem auch in die Reproduktion eingreift. Das ist auch der Grund, warum Östrogen und Knochen eng zusammenhängen. Dieses Beispiel illustriert ferner, dass auch in der Medizin jener Begriff Hochkonjunktur bekommt, den Stephen Hawking als Motto der modernen Naturwissenschaft genannt hat, nämlich die Komplexizität.

Neue Interpretation pathologischer Vorgänge

Die Schwangerschaft ist ein faszinierender Lehrer für eine derartige Komplexizität, nach der sich unser gesamter Körper entwickelt und deren Kenntnis die Aktivierung von adulten Stammzellen und damit auch eine neue regenerative Medizin möglich machen wird.

Aber auch Vorgänge, die noch vor kurzem als pathologisch eingestuft wurden, müssen unter diesem Licht neu interpretiert werden: So dient die prädiabetische Stoffwechsellage der Mutter in der Schwangerschaft der vermehrten Insulin- und Glukoseversorgung des Fetus, die dieser für die Entwicklung des Großhirnes benötigt.

Auch das polycystische Ovar (PCO) hat einen physiologischen Sinn: durch die passagere Insulinresistenz in der Pubertät können sich die Adipozyten füllen und – vom energetischen Standpunkt – den weiblichen Körper für den erhöhten Energiebedarf der Reproduktion vorbereiten.

Das sind einige Beispiele von vielen, die zeigen, dass letztendlich nur derjenige in der Gendermedizin die Fakten deuten kann, der um die reproduktiven Mechanismen des weiblichen Körpers Bescheid weiß.

Autor: Prof. DDr. Johannes Huber, Universitätsklinik für Frauenheilkunde, Wien

Ausführliche Vorträge zu diesen Themen wird der Autor im Rahmen des Kongresses „Menopause – Andropause – AntiAging“ im Dezember in Wien halten. Programm und Anmeldung unter www.menopausekongress.at.

J. C. Huber, Ärzte Woche 48/2013

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