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Neuer Ansatz beim Mamma-Karzinom

Augsburg. Wie kann man entdifferenzierte Tumorzellen wieder zur Differenzierung bringen? In Zukunft könnte dies tatsächlich ein Paradigmenwechsel in der Krebs-therapie werden, denn damit wäre es möglich, die Metastasierungsgefahr zu bannen. Diesen viel versprechenden Behandlungsansatz stellte Prof. Dr. Gerhard Schaller, Direktor der Frauenklinik an der Ruhr-Universität in Bochum, bei einer Fortbildungsveranstaltung von und für Frauen mit Brustkrebs in Augsburg vor.
Kern dieses Ansatzes ist ein Protein des Zellskeletts, das Keratin 18. Es findet sich im gesunden Brustdrüsengewebe von Frauen und ist eng mit der Differenzierung der Zelle verknüpft. Wie Schaller in Zelluntersuchungen herausgefunden hat, fehlt den Tumorzellen im Vergleich zu gesunden Zellen das Keratin-18-Protein.

Molekulargenetische Untersuchungen an Tumorgewebe von Frauen mit Brustkrebs ergaben jedoch, dass dieses Protein bei jeder fünften Frau im Tumor dennoch vorhanden war. Das Schicksal dieser Patientinnen wurde retrospektiv bis zu zehn Jahre nach der Primäroperation verfolgt und eine erstaunliche Entdeckung gemacht: Jene Patientinnen, die das Keratin-18-Protein in ihrem Tumor hatten, waren nahezu noch alle am Leben - unabhängig vom Lokalbefund, also bei T1- bis zu T4-Tumoren.
Die Vermutung der Wissenschaftler: Dieses Protein verhindert Metastasen. Im Tierversuch hat die deutsche Forschergruppe diese Hypothese zusammen mit US-amerikanischen Kollegen überprüft. Sie haben das Keratin-18-Gen in aggressive Tumorzellen von Mäusen eingeschleust und die Zellen damit gezwungen, dieses Protein zu produzieren. Jene Tiere, die diese Gentherapie nicht bekommen hatten, entwickelten schnell große Tumoren mit Lungen-, Leber- und Knochenmetastasen. Die anderen Tiere bildeten nur einen sehr kleinen Tumor, der zudem nicht metastasierte.
Wie Schaller berichtete, wird nun daran gearbeitet, diesen Ansatz in die Klinik zu überführen. Hier biete sich ein humanisierter Antikörper - das Herceptin - als Transportsystem an, um das Gen an die Tumorzellen heranzubringen.

Verpacktes Gen wird zur Tumorzelle geschleppt

Das Keratin-18-Gen wird dazu in eine Liposomenkapsel verpackt und an den Antikörper angeheftet. Dieser Antikörper erkennt die Tumorzellen, allerdings nur dann, wenn sie den Rezeptor Her-2/ neu übermäßig synthetisieren. Dies ist bei etwa 30 Prozent der Patientinnen mit Brustkrebs der Fall.
Die Idee, die dahinter steckt: Herceptin schleppt die Liposomenkapsel mit dem verpackten Gen zur Tumorzelle, diese nimmt die Kapsel auf und bildet dann anhand des genetischen Bauplans das fehlende Differenzierungseiweiß Keratin 18. Somit wird in vivo versucht, die Tumorzellen zur Differenzierung zu bringen. Danach kommt es nach Angaben von Schaller zwangsläufig zur Apoptose, zum programmierten Zelltod. Schaller: "In der Zellkultur und im Tierversuch funktioniert dieser Ansatz bereits." Jetzt wird an einer Galenik gearbeitet, um diesen Behandlungsansatz in naher Zukunft auch bei Menschen zu überprüfen. 
Das wäre ein völliges Umdenken in der Tumortherapie und ein kurativer Ansatz: Anstatt sich auf die Proliferierung der Tumorzellen zu beschränken, konzentriere man sich hierbei auf die Differenzierung und verhindere damit die Metastasierung. Da man mit humanisierten Antikörpern inzwischen Genfähren gezielt in die Tumorzelle bringen könne, sei dieser Ansatz auch für die Krebstherapie beim Menschen theoretisch möglich. 

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