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PMS: Hormone außer Rand und Band

Etwa drei Viertel aller Frauen bemerken prämenstruell irgendwelche psychischen oder physischen Veränderungen und immerhin 20 bis 50 Prozent erfüllen die Kriterien für ein prämenstruelles Syndrom mit Reizbarkeit, Stimmungslabilität oder auch verschiedenen körperlichen Symptomen. Bei manchen Frauen gerät in den Tagen um die Tage psychisch so viel aus den Fugen, dass die Partner mit Trennung drohen, bei der Kindererziehung plötzlich wider Willen Gewalt angewendet wird und der Arbeitsplatz in Gefahr gerät. Bezeichnet wird dieses Krankheitsbild als Prämenstruelle Dysphorische Störung (PMDS), präzisiert Prof. Anke Rohde, Universitätsfrauenklinik Bonn.

Es gibt zunehmend Hinweise auf eine wesentliche pathogenetische Relevanz der zerebralen Neuro-transmittersysteme, besonders des Serotoninsystems und ihrer Beeinflussung durch gonadale Steroide. Und: Offenbar handelt es sich nicht um eine Subform der Depression, sondern um ein eigenständiges affektives Syndrom, bei dem die Reizbarkeit im Vordergrund der Symptomatik steht. Andere Kernsymptome nach dem DSM, dem Diagnosesystem der American Psychiatric Association, sind Depressivität, Ängstlichkeit/ Anspannung und Affektlabilität. In der hierzulande verwandten ICD-10 wird PMDS nicht aufgeführt - ein Grund dafür, dass es wohl zu selten diagnostiziert werde, vermutet die Frauenärztin.

Zudem dauerten die prämenstruellen Symptome bei 57 von Rohde untersuchten Frauen mit PMDS über neun Jahre an, bevor die Frauen in ihre Klinik kamen. Und dies, obwohl die Frauen unter ihrer Erkrankung erheblich litten - insbesondere unter der Reizbarkeit - und Hilfe gesucht hatten. Die meisten von ihnen waren über 35 Jahre alt und hatten im Durchschnitt zwei bis drei Kinder. Jede zweite nannte Stress als äußeren Einfluss-faktor, der das prämenstruelle Befinden verschlechtere. Was Schulbildung und Beruf angeht, so waren alle Bildungsgrade vertreten und sowohl Hausfrauen als auch berufstätige Mütter betroffen.

Familiäre Vorbelastung

Bestätigt wurde die Bedeutung von affektiven Erkrankungen in der eigenen Vorgeschichte oder in der Familie als Risikofaktor für eine PMDS. So fand sich bei nahezu jeder dritten Frau eine familiäre Belastung; 30 Frauen hatten bereits Erfahrungen mit einer Psychotherapie oder waren sogar im Einzelfall in psychiatrischer Behandlung gewesen. Die damaligen Diagnosen: elfmal affektive Störung, dreimal Angststörung, einmal somatoforme Störung. 

Bei den übrigen Frauen war die Vorbehandlung aufgrund der prämenstruellen Symptomatik erfolgt.Was ist nun zu tun, wenn eine Frau in die Praxis kommt, die eine scheinbar zyklusabhängige ausgeprägte Reizbarkeit oder Depressivität verspürt? Der Rat von Rohde: Wenn der Leidensdruck nicht so stark ist, dass unverzüglich eine Pharmakotherapie indiziert ist, sollte zunächst über einen oder zwei Zyklen ein Tagebuch angelegt werden. Denn zum einen könnten dadurch Faktoren wie Stress besser erkannt werden, und zum anderen werde dadurch deutlich, dass die Symptome womöglich über den ganzen Monat bestehen. Bei immerhin jeder dritten der 28 weiter beobachteten Frauen in der Untersuchung von Rohde wurde so deutlich, dass es sich in Wirklichkeit um eine andere Störung - etwa eine chronifizierte Depression - mit einer prämenstruellen Verschlechterung handelte.

Wird eine PMDS bestätigt, sind Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer indiziert, wobei meist nur eine niedrige Dosierung erforderlich sei, so Rohde. Bei schwerer Symptomatik raten die Frauenärzte zunächst zur kontinuierlichen Therapie; ansonsten könne auch direkt mit der intermittierenden Therapie nur in der zweiten Zyklushälfte begonnen werden. Besonders wichtig für die Frauen dabei: Diagnose und Psychopharmakotherapie sind für sie eine Bestätigung, dass auch andere Frauen mit solchen Problemen kämpfen und ihre Beschwerden nichts mit Zickigkeit oder neurotischem Verhalten zu tun haben. 

Quelle: Geburtsh Frauenheilk 62, 2002, 17.

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