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Frauen, die über Libidoverlust klagen, werden oft zu Unrecht auf die „Psycho-Schiene“ verlegt.
 

Infektionen und Schmerzen als Lustkiller

Wenn Frauen über Libidoverlust klagen, sollten auch organische Ursachen in Erwägung gezogen werden.

„Noch zu Sigmund Freuds Zeiten galt eine starke Libido bei Frauen als krankhaft“, erinnert Dr. Doris Linsberger, Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe, Krems und Wien. Die Vorstellung von dem, was ein „normales“ Sexualleben ist, unterliegt aber nicht nur einem historischen Wandel: Auch die interindividuellen Unterschiede sind diesbezüglich breit gestreut.

„Ein Arzt, der eine Patientin wegen sexueller Dysfunktion beraten und betreuen will, muss daher zuallererst seine eigene, subjektive Auffassung von Normalität ausschalten“, empfiehlt Linsberger. „Was zählt, ist einzig und allein der Leidensdruck der Ratsuchenden.“

Häufig organisch bedingt

Zu oft werden Frauen, die über Libidoverlust klagen, auf die „Psycho-Schiene verlegt“, sagt Linsberger. Dabei sind auch organische Ursachen vielfältig und weitaus häufiger als angenommen: Medikamente, hormonelle Störungen, Entzündungen, Operationen und Gefäß- und Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes können der Frau die Lust an der Lust nehmen.

„Die häufigsten organischen Ursachen für Libidoverlust sind rezidivierende Infektionen bzw. Irritationen und Schmerzen“, wie Linsberger berichtet.

Infektionen und Irritationen

Wenn das Scheidenmilieu nicht sauer genug ist, haben Infektionserreger leichtes Spiel. Bei älteren Frauen kann Rückgang des sauren Milieus hormonell bedingt sein. Ansonsten ist meist übertriebene Hygiene die Ursache für Infektionen und Irritationen: „Im Intimbereich wird viel zu viel mit Seife und Duschgel gewaschen“, so Linsberger. Auch imprägnierte Slipeinlagen können schmerzhafte Haut- und Schleimhautreizungen verursachen.

Für Frauen, die unter wiederkehrenden Infektionen leiden, aber nicht auf Pflegeprodukte verzichten möchten, empfiehlt Linsberger spezielle Milchsäureprodukte als Ersatz für Seife: „Manche Frauen wollen den Genitalbereich nicht nur mit Wasser waschen. In diesem Fall rate ich zu Milchsäurepflegeprodukten, z. B. in Form eines Intimpflegeschaums. Auch Scheidenkapseln mit Laktobazillen in hoher Konzentration können prophylaktisch gute Dienste leisten.“

Der häufigste Erreger von vaginalen Infektionen ist übrigens nicht – wie man annehmen könnte – Candida albicans. Der Pilz zeichnet nur für etwa 20 Prozent der Infektionen verantwortlich. Doppelt so häufig ist laut Linsberger Gardnerella vaginalis der Übeltäter.

„Wichtig zu wissen ist, dass die normale Scheidenflora nicht nur Laktobazillen enthält. Auch eine mäßige Anzahl von Pathogenen wie Klebsiellen oder Corynebakterien ist durchaus normal und muss nicht sofort mit Antibiotika behandelt werden“, sagt Linsberger.

Farbe, Konsistenz und Geruch des Ausflusses geben Hinweise darauf, ob eine bakterielle oder eine Pilzinfektion vorliegt: „Ein übel fischartiger Geruch spricht für Bakterien. Als Symptom steht dabei ein eher brennender Schmerz im Vordergrund, während Juckreiz eher für eine Pilzinfektion spricht.“

Juckreiz kann aber auch auf die falsche Fährte führen, denn nicht nur Pilzinfektionen jucken. Ebenso müssen Allergien oder Dermatosen wie Psoriasis, Lichen planus oder Lichen sclerosus abgeklärt werden – auch bei jungen Frauen, wie Linsberger betont.

Schmerzen beim Geschlechtsverkehr

Eine weitere häufige Ursache für mangelnde Libido bei Frauen ist Angst vor dem Geschlechtsverkehr, – nämlich dann, wenn er schmerzhaft ist. „Bei jungen Mädchen sind oft fehlende Lubrikation oder zu heftige Bewegungen beim Geschlechtsverkehr die Ursache“, berichtet Linsberger. „Viele Frauen haben auch einen erhöhten Beckenbodentonus und können sich nicht richtig entspannen.“ Narben, etwa nach einer Episiotomie, oder Endometriose (häufig unerkannt) sind weitere Schmerzverursacher.

Wenn Frauen über starke Schmerzen im Bereich des Scheideneingangs klagen, aber rein äußerlich nur eine leichte Rötung oder gar nichts zu sehen ist, könnte es sich um ein vulväres Vestibulitissyndrom handeln. Früher wurde diese Erkrankung als psychisch bedingt eingestuft. Heute weiß man, dass es sich um eine chronische Entzündung mit Einsprossung kleiner Nervenfasern handelt.

„Schmerzen beim Geschlechtsverkehr sind auf jeden Fall ein ernst zu nehmendes Problem, das gründlich abgeklärt und geduldig behandelt werden muss“, so Linsberger abschließend.

Quelle: State of the Art Sexualmedizin, Wien, 6. Juli 2013

C. Lindengrün, Ärzte Woche 28/33/2013

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