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Getrübtes Mutterglück: Oft traurige Realität

Postpartale Störungen und Erkrankungen sind nach wie vor unterschätzt und unterbehandelt. 14 bis 18 Prozent aller jungen Mütter leiden weltweit nach der Geburt eines Kindes darunter, in Österreich erkrankt sogar jede fünfte Frau nach der Niederkunft an Depressionen. Auf einer internationalen Fachtagung in Wien diskutierten ExpertInnen die verschiedenen Aspekte der Erkrankung.

Traurigkeit, Weinen, Erschöpfung, Stimmungsschwankungen, Schlafprobleme, Ruhelosigkeit: Das sind nur einige der Symptome der postpartalen Depression, unter der weltweit zehn bis 15 Prozent aller jungen Mütter nach der Geburt eines Kindes leiden. In Österreich erkrankt laut einer Studie sogar jede fünfte Frau nach der Niederkunft an Depressionen. Solche postpartalen Störungen und Erkrankungen bleiben häufig unterdiagnostiziert, zum einen, weil Betroffene die Beschwerden oft aus Scham und Schuldgefühlen über ihr vermeintliches Versagen als gute Mutter verschweigen; und zum anderen, weil diese Krankheitsbilder in der Medizin hierzulande, anders als etwa im anglo-amerikanischen Raum, noch wenig Beachtung gefunden haben. Dabei handelt es sich um sehr ernst zu nehmende Erkrankungen mit potenziell schwerwiegenden Folgen für die Mutter, das Kind und oft das gesamte soziale Umfeld. Die Betroffenen beschreiben ihren Zustand als unglücklich, niedergeschlagen, müde und vor allem vollkommen überfordert. Sie tabuisieren ihre Gefühle und vertrauen sich niemandem an. Zu gewaltig sind die Schuldgefühle, zu mächtig der Gedanke, dass sie die einzigen unglücklichen Mütter auf Erden sind.

Postpartale Depressionen: Verbreitet und unterschätzt

Immer mehr Frauen teilen das Schicksal, schon während der Schwangerschaft oder nach der Geburt nicht jenes mütterliche Glücksgefühl zu erleben, das sie selbst und andere in dieser Situation eigentlich erwarten. In Österreich, so hat schon die erste multizentrische Studie hierzulande 1997 gezeigt, liegt die Häufigkeit dieser unterschätzten Erkrankung sogar darüber: 21 Prozent der untersuchten jungen Mütter hatten zu mindestens einem der Untersuchungszeitpunkte eine depressive Verstimmung. Ein Trend, den jetzt auch eine vom Wiener Büro für Frauengesundheit durchgeführte Untersuchung bestätigt: In der aktuellen Studie hat sich gezeigt, dass insgesamt 28 Prozent der mehr als 3.000 befragten Frauen zu mindestens einem der vier Befragungszeitpunkte Werte im Risikobereich aufwiesen, was ihre psychische Stimmungslage betrifft.„Postpartale Störungen und Erkrankungen werden häufig nicht einmal diagnostiziert“, kritisiert die Wiener Frauengesundheitsbeauftragte Prof. Dr. Beate Wimmer-Puchinger.
Wimmer-Puchinger: „Wir brauchen, und das zeigen uns auch die aktuellen Studienergebnisse einmal mehr, eine Enttabuisierung von postpartalen Depressionen, um sowohl eine gezielte Sensibilisierung der Bevölkerung als auch des medizinisch-geburtshilflichen Personals zu erreichen.“

Vielfältige Ursachen

Welche Frauen besonders gefährdet sind, haben jetzt das aktuelle Projekt und die begleitende Studie des Wiener Programms für Frauengesundheit genau erhoben: Als Belastungsfaktoren, die zu einem höheren Risiko postpartaler Depressionen beitragen, haben sich eine schlechte wirtschaftliche Lage, die Einschätzung einer schlechteren gesellschaftlichen Position, Unzufriedenheit mit dem eigenen Leben und dem Lebensumfeld oder häufige Erlebnisse von körperlicher Gewalt in Kindheit und Jugend erwiesen.

Erstmals umfassendes Projekt

Diese Sorgen und Probleme werdender und junger Mütter genau unter die Lupe zu nehmen, um mehr darüber zu wissen und konkrete Maßnahmen zur Vermeidung postpartaler Depressionen setzen zu können, war Ziel des Wiener Projekts und der Studie, die Ende 2001 gestartet und im Kaiser-Franz-Joseph Spital, der Semmelweis-Frauenklinik und der geburtshilflichen Abteilung des Donauspitals implementiert wurden. „Der ganzheitliche Ansatz, sowohl dem psychischen Erleben als auch den psychosozialen Belastungen der Frauen besonderes Gewicht beizumessen, und die umfassende Betreuung sind im Vergleich zu allen bislang durchgeführten Präventionsstudien einmalig und erstmals in dieser Form umgesetzt worden“, unterstreicht Wimmer-Puchinger.

Stigmatisiert und tabuisiert

Finanziell mit unterstützt wurde das Projekt auch vom Fonds Gesundes Österreich. „Die postpartale Depression gilt heute als die häufigste psychische Erkrankung nach der Geburt, wissenschaftliche Erkenntnisse weisen auch auf den wachsenden Anstieg von psychischen Krisen bereits während der Schwangerschaft hin. Und trotzdem bleiben Frühwarnsymptome oft unerkannt“, sagt Dennis Beck, Geschäftsführer des Fonds Gesundes Österreich. „Das Problem der rechtzeitigen Erkennung ist vielschichtig. Unter anderem besteht bei vielen Betroffenen eine große Sorge vor einer Stigmatisierung. In diesem speziellen Bereich scheint es nach wie vor einen ganz besonders großen Bedarf an Enttabuisierung zu geben.“

Hilfsangebote sind wirksam

Die gute Nachricht: Mit entsprechenden Hilfsangeboten lassen sich postpartale Depressionen nicht nur sehr effektiv behandeln, sondern bereits im Vorfeld kann sehr viel für die Prävention getan werden, wie das Projekt gezeigt hat. Um Frauen mit hohen psychosozialen Belastungen rasch zu unterstützen und ihnen Hilfe anzubieten, wurden im Wesentlichen vier Gruppen von Maßnahmen gesetzt: Jeder schwangeren Frau in den beteiligten geburtshilflichen Abteilungen wurde bei der Anmeldung ein Fragebogen, der die psychische Stimmung erfasst, und ein Fragebogen, der die soziale Situation erfasst, übergeben.
Frauen, die hohe Risikowerte in Richtung postpartale Depression aufwiesen, wurden dann zu einem Gespräch mit der Projekthebamme überwiesen. Je nach Gesprächsverlauf wurde dann noch weitere Unterstützung angeboten.„Insgesamt wurden 233 Frauen im Rahmen des Projektes intensiv unterstützt. In den begleitenden Befragungen gaben 85 Prozent dieser Frauen an, dass ihnen die Beratungen sehr geholfen haben, die Krisen zu überwinden“, fasst Wimmer-Puchinger den Erfolg der Maßnahmen zusammen. „Neben dieser hervorragenden Beurteilung durch die behandelten Frauen konnten wir auch andere positive Effekte erzielen, nämlich eine verstärkte Aufmerksamkeit für die Lebenssituation der Patientinnen durch die geburtshilflichen Teams und eine verbesserte fach- und abteilungsübergreifende Kooperation in diesen Fragen.“

Neue Informationsbroschüren

Um nachhaltige Effekte zu erzielen und die positiven Erfahrungen über die Projektdauer hinaus sicher zu stellen, wurden als Konsequenz des Projekts und der begleitenden Untersuchung weitere Maßnahmen etabliert. Dazu gehören Schulungen über Anzeichen von psychosozialen Belastungen und das Risiko postpartaler Depressionen im Rahmen der geburtshilflichen Teams und anderer Institutionen, eine kostenlose Informationsbroschüre für betroffene Frauen und eine Arbeitsunterlage für MultiplikatorInnen.

Anforderung der kostenlosen Broschüre
über postpartale Depression:
Täglich zwischen 10 und 12 Uhr unter
dem Service-Telefon der MAG 11 :
(01) 4000-8011

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