zur Navigation zum Inhalt
 

Schwangere wollen Zuwendung

In einer aktuellen Studie, die am Institut für Soziologie der Universität Linz entstand, wird die Kommunikation und Interaktion zwischen Gynäkologen und Schwangeren analysiert.

In 30 Interviews in der zweiten Schwangerschaftshälfte sowie nach der Geburt berichten Frauen über ihre Erfahrungen beim Gynäkologen. Generell wird diesen ein gutes Zeugnis ausgestellt: Die meisten Frauen sind mit ihrem Arzt zufrieden. Etwa ein Fünftel merkt an, dass ihnen zu wenig Zeit und Zuwendung gewidmet wird beziehungsweise es teils an Einfühlungsvermögen fehlt. Manchmal entsteht auch das Gefühl, dass wichtige Themen zu wenig oder gar nicht angesprochen wurden. Auch wenn manche Frauen einen Arztwechsel in Betracht ziehen, überwiegen die positiven Anteile der Beziehung zum Arzt. In der Studie wird empfohlen, in der Aus- und Fortbildung mehr zum Thema Arzt-Patient-Kommunikation anzubieten, gerade wenn es um das Thema Geburt geht. Als inhaltlich wichtig wird auch das Zeitmanagement betont. Denn viele Frauen wünschen sich kürzere Wartezeiten beziehungsweise dass die zur Verfügung stehende Behandlungszeit möglichst effektiv genutzt wird. Aus der Befragung geht auch hervor, dass sich viele Frauen Hinweise auf komplementäre Methoden wie Akupunktur und Homöopathie wünschen. Als zentraler Punkt wird die Wichtigkeit der Information auf Geburtsvorbereitungskurse betont. Mehr Informationen wünschen sich Frauen auch zu den Möglichkeiten der Betreuung von frei praktizierenden Hebammen. Diese können Frauen ins Spital begleiten beziehungsweise nach einer Haus- oder einer ambulanten Geburt im häuslichen Umfeld auf eine sehr persönliche Art und Weise betreuen. Aus Anlass der Studie diskutierten in Oberösterreich Allgemeinmediziner und Gynäkologen über Möglichkeiten zur Verbesserung der Kommunikation und Interaktion.

Zuwendungsmedizin bringt Zufriedenheit

Wie Frauen in der Schwangerschaft betreut werden wollenImmerhin ein Fünftel der in einer aktuellen Studie befragten Schwangeren wünscht sich mehr Informationen und Zuwendung. Für die ÄRZTE WOCHE haben die Studienautorin, ein Vertreter der Gebietskrankenkasse, eine Allgemeinmedizinerin sowie Gynäkologen aus dem stationären und niedergelassenen Bereich über einige Ergebnisse der Studie diskutiert.Festgehalten wird dabei die Wichtigkeit von Informationsangeboten und Geburtsvorbereitungskursen als Schnittstelle zwischen dem niedergelassenen und dem stationären Bereich. Eine verstärkte interdisziplinäre Kooperation mit Hebammen wird als Möglichkeit gesehen, den Übergang zwischen den Bereichen besser zu gestalten.

Mag. Eva Berndl Soziologin, Linz

Patienten bewerten das Mehr an Zeit, das ihnen bei Wahlärzten geboten wird, als positiv. Noch mehr geht es aber um die Frage, wie auf sie eingegangen wird, ob sie sich abgefertigt oder mit ihren Fragen und Anliegen ernst genommen fühlen. Frauen sehen durchaus ein, dass Kassenärzte begrenzte Zeitressourcen haben, in dieser limitierten Zeit wünschen sie sich aber eine ernst gemeinte Zuwendung und ganzheitliche Betreuung. Aus der Studie geht hervor, dass sich Frauen mehr Informationen über Gestaltungsmöglichkeiten einer Geburt wünschen. Hier geht es darum, die Bandbreite an bestehenden Angeboten aufzuzeigen, um eine eigenständige Entscheidung zu unterstützen. Nur die Hälfte der Frauen wurde beim Gynäkologen auf Geburtsvorbereitungskurse hingewiesen – hier ist sicher noch mehr möglich. Viele Frauen erleben die Geburt als von der Betreuung in der Schwangerschaft abgekoppeltes Ereignis und nicht als durchgehenden, gesamten Prozess. Das liegt unter anderem daran, dass einige Gynäkologen das Thema Geburt kaum behandeln. Auch die vielen unterschiedlichen Ansprechpersonen können Verunsicherung und Ängste bei den Eltern fördern. Eine Verbesserungsmöglichkeit wäre hier eine engere Kooperation zwischen Arzt und Hebamme. Weiters haben manche Frauen das Gefühl, nicht über Möglichkeiten des Risiko-Screenings informiert zu werden beziehungsweise darüber, ob diese Methoden von der Kasse gezahlt werden. Angesprochen werden müssten auch mögliche Konsequenzen der Untersuchung, wenn zum Beispiel eine Behinderung entdeckt wird.

Dr. Magdalena Kehrer Wahlfachärztin für Gynäkologie, Ottensheim

Die Möglichkeiten an Untersuchungsmethoden beim ungeborenen Kind haben stark zugenommen. Natürlich müssen die Schwangeren auf diese hingewiesen werden. Gleichzeitig erfordert die Zunahme der Technik auch mehr Zeitaufwand für Erklärungen. Wahlärzte haben leichter die Möglichkeit, sich für Schwangere Zeit zu nehmen. Was mich bei der Studie etwas überrascht, ist, wie wenig Wartezeiten im Kassenbereich kritisiert werden, beziehungsweise, dass eher kurze Zeiten angegeben werden. Manche Patienten erzählen mir, dass sie auch bis zu einer Stunde oder länger warten. Dass ich mehr Zeit habe, bedeutet nicht automatisch, dass ich über alle Möglichkeiten und Varianten, die es für den Ablauf der Geburt gibt, bis ins Detail informieren kann oder soll. Denn allumfassende Information trägt sicher nur bedingt zum Abbau von Ängsten bei. Es ist sinnvoll, dass diese Details in Informationsangeboten des Spitals oder im unmittelbaren Umfeld der Geburt im Spital geklärt werden. Ich persönlich weise noch auf die Möglichkeit der Akupunktur als Geburtsvorbereitung hin. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Frauen, die mehr wissen wollen, auch detaillierte Fragen stellen. Der Hinweis darauf, dass es Angebote wie Geburtsvorbereitungskurse gibt, ist sicher wichtig und sinnvoll. Einige Eltern fragen dezidiert danach oder betonen, eine solche Begleitung nicht zu brauchen. Sicher thematisiert werden muss das Risiko möglicher Missbildungen und mögliche Untersuchungsmethoden. Oft reicht der Ultraschall aus, um Eltern zu beruhigen. Genauso ist es aber wichtig, mögliche Konsequenzen bestimmter Testergebnisse gründlich zu besprechen. Als interessanten Trend nehme ich wahr, dass mehr Männer zu den Schwangerenuntersuchungen mitkommen.

Mag. Werner Bencic Bereich Public Health, OÖ. Gebietskrankenkasse

Die Studie stellt den Gynäkologen ein sehr gutes Zeugnis aus. Auch in Hinblick auf Kommunikation. Wir alle wissen, dass die Information des Patienten sowie das Eingehen auf ihn wesentlichen Einfluss auf die Compliance und das Gefühl der Selbstwirksamkeit haben, also zentrale Faktoren der Gesundheit sind. Die Studie enthält viele Ansatzpunkte, die etwa in Qualitätszirkeln gemeinsam besprochen werden könnten. Sie zeigt auch, welche wertvollen Inputs die Sozialwissenschaft zur Behandlungsqualität geben kann. Ein wichtiges Ergebnis ist sicher die Bedeutung des Hinweises auf den Geburtsvorbereitungskurs. Dieser stellt eine entscheidende Schnittstelle zwischen dem niedergelassenen Arzt und dem Spital dar. Ich kann selbst berichten, wie wichtig für mich diese Kurse als werdender Vater waren. Die vom Arzt gegebenen Informationen unterstützen das Treffen von „shared decision“, also das gemeinsame Überlegen, welche weiteren Schritte wichtig sind. In Hinblick auf die technischen Untersuchungsmöglichkeiten wird auf die Ärzte sicher auch Druck über die Medien ausgelöst, die über neue Methoden ausführlich berichten, auch wenn diese vielleicht noch nicht ausgereift sind.

Dr. Wolfgang Plakolm Niedergelassener Facharzt für Gynäkologie und NLP-Trainer in Traun

Es gibt immer mehr Frauen, die sehr viel wissen. Dann gibt es einige, die wenig wissen und hoffen, bei mir in sehr kurzer Zeit alles erfahren zu können – das ist unrealistisch. Und es gibt jene, die wenig wissen, aber nichts wissen wollen. Es ist nicht sinnvoll, zu viele Informationen über den genauen Geburtsablauf und die Möglichkeiten zu geben. Das kann Enttäuschungen auslösen: Einerseits weil eine Geburt immer ein spannendes Geschehen bleibt, das oft anders verläuft als erwartet, anderseits weil verschiedene Spitäler und dort verschiedene Personen keine identen Begleitungskonzepte haben. Es geht darum, Schwangeren Vertrauen und Selbstsicherheit mitzugeben, ihnen in der Entscheidung zu helfen, was ihnen gut tut, und sie dazu zu ermutigen, dies auch einzufordern. Natürlich ist der Hinweis auf Infoangebote und Schwangerschaftskurse wichtig. Ich gebe jeder Schwangeren Informationsblätter mit, auf denen sich auch wichtige Anlaufstellen finden. Wichtig ist der Hinweis auf die internistische Untersuchung. Auf jeden Fall müsste die zeitlich immer aufwändiger werdende Beratungsarbeit des Gynäkologen honoriert werden.Über die Untersuchungsmethoden des Ungeborenen muss der Arzt informieren, soll aber zu keinem Test drängen. Ich betreue einige 40-jährige Frauen, die bewusst auf spezielle Untersuchungen verzichten. Sie kommen teilweise deswegen zu mir, weil sie sich von anderen Ärzten zu sehr bedrängt fühlen. Aber ob dann mit dem Untersuchungsergebnis tatsächlich „shared decisions“ möglich sind, bezweifle ich. Es geht meines Erachtens um ethische Fragen – nicht unbedingt um Medizinisches, sondern um die grundsätzliche Einstellung etwa zum Thema „Behinderung“. Noch eine Bemerkung zum Thema Väter: Bei über 40 Prozent der Schwangeren sind die Männer dabei. Das halte ich für einen äußerst positiven Trend.

Prim. Dr. Wolfgang Arzt, Leiter der gynäkologischen Abteilung an der Linzer Landesfrauenklinik

Gestiegen ist der Wissensstand vieler Frauen und damit das Bedürfnis nach Informationen. Mehr Wissen gibt es auch über Probleme, die in der Schwangerschaft auftreten können. Kassen- und Wahlärzte haben sicher unterschiedliche Zeitressourcen, um auf diese Fragen einzugehen. Detailfragen über den Geburtsablauf kann der betreuende Arzt dem Spital und den Ärzten beziehungsweise Hebammen überlassen. Denn werden zu detaillierte Informationen gegeben und der Geburtsverlauf ist dann ganz anders, kann das Enttäuschungen auslösen. Der Arzt kann die Frau insofern stärken, als sie für verschiedene Eventualitäten offen ist und nicht zu intensiv von der idealen Geburt träumt. In Österreich gibt es die Trennung bei der Begleitung der Schwangeren zwischen niedergelassenem und Spitalsbereich, wobei ein fließender Übergang wichtig ist. Besonders essenziell ist der Hinweis auf Informationsabende und die Geburtsvorbereitung – hier ist sicher noch Potenzial vorhanden. Zu den pränatalen Untersuchungen: Der Arzt ist verpflichtet, auf die Möglichkeiten hinzuweisen. Genauso muss aber akzeptiert werden, wenn Schwangere dazu keine Informationen wollen. Auch sehe ich es als Frage der Ethik und nicht der Medizin, wie mit Untersuchungsergebnissen umgegangen wird.

Dr. Ulrike Haas Wahlärztin für Allgemeinmedizin in Leonding

Wichtig ist für mich: Schwangerschaft ist keine Krankheit und Schwangere sind nicht automatisch „Patientinnen“. Auch wenn manche Frauen durch die vielen, teilweise sicher wichtigen Untersuchungen diese Gefühl bekommen. Wichtig wäre es zudem, in der Geburtsvorbereitung möglichst frühzeitig eine Hebamme einzubeziehen, die eine zentrale Begleitungsfunktion hat. Eine wesentliche Rolle des Hausarztes ist sicher der Teil der internistischen Untersuchung, die leider oft unter dem Tisch fällt. Hausärzte können auch über verschiedene Möglichkeiten der Geburt informieren – ich weise etwa auch auf die Möglichkeiten der Homöopathie hin. Es sollten aber keine falschen Erwartungen geweckt werden, vielmehr sollen die Eltern bei ihrer Entscheidung, wo das Kind zur Welt kommen soll, begleitet werden. Besonders Bedeutung haben aus meiner Sicht Informationsangebote und Geburtsvorbereitung durch das Spital. Sicher wichtig ist dabei auch die Schwangerengymnastik, die nach Möglichkeit von Hebammen begleitet werden sollte. In Bezug auf die vielen Screening-Möglichkeiten höre ich immer wieder von Frauen, dass sie sich zu bestimmten Untersuchungsmethoden stark gedrängt oder sogar genötigt fühlen. Gerade auch hier braucht es eine einfühlsame Beratung und Begleitung, für die ausreichend Zeit ist. Auch ich beobachte, dass Väter sich verstärkt in die Schwangerschaft einbringen. Und sie begleiten auch später die Kinder zu mir.

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 18/2004

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben